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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.11.2005

Vom "Sturmgeschütz der Demokratie" zur "Spritzpistole der Angela Merkel"

Kurswechsel in der politischen Berichterstattung beim "Spiegel"

Von Jens P. Rosbach

Nicht nur im Zeitungsständer nah beieinander? "Der Spiegel" und die Tageszeitungen "Die Welt" und "Bild". (AP)
Nicht nur im Zeitungsständer nah beieinander? "Der Spiegel" und die Tageszeitungen "Die Welt" und "Bild". (AP)

Franziska Augstein, Tochter des verstorbenen "Spiegel"-Herausgebers Rudolf Augstein, klagte unlängst, das Magazin sei zu einem geschwätzigen Blatt unter vielen geworden. Andere Medienbeobachter schimpfen, der "Spiegel" ergreife immer häufiger Partei für die Konservativen. Doch wie kam es zu dem Kurswechsel des einstmals bei Linken so beliebten Blattes?

Oktober 2003. Der "Spiegel" will eine große Geschichte über Windkraft-Anlagen bringen. Ein Text wird geschrieben, der Ökoprojekte lobt und Energiekonzerne kritisiert. Doch die Chefredaktion verbietet den Artikel - so berichtet einer der beiden betroffenen Autoren. Stattdessen erscheint ein halbes Jahr später eine Titelstory, die Ökoprojekte kritisiert und Energiekonzerne lobt:

"Der Windmühlen-Wahn. Vom Traum umweltfreundlicher Energie zur hoch subventionierten Landschaftszerstörung"

Der "Spiegel" polemisiert gegen den Atomausstieg, regt sich über das Dosenpfand auf und klagt über die Vorsicht der Deutschen bei der Gentechnik. Ex- Redakteur Oliver Gehrs, Autor des Buches "Der Spiegel-Komplex", spricht von einem neoliberalen Trend.

Gehrs: "Wenn man sich die letzten Jahre anschaut, da ist der "Spiegel" einfach mal von den Minderheiten weg gerückt oder von den sozial Schwächeren und ist auf die Seite der Wirtschaftskapitäne gerutscht. Und mir sagte ein Redakteur bei den Recherchen: Bei uns ist immer häufiger Goliath der Gute. Und das war früher mal anders. "

Der "Spiegel" ergreift immer häufiger Partei für die Konservativen - schimpfen auch andere Medienbeobachter. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet dazu folgende Episode: Kurz vor der Bundespräsidenten-Wahl im vergangenen Jahr habe die SPD-Kandidatin Gesine Schwan einen nicht näher benannten Vize-Chefredakteur des "Spiegel" gefragt, warum das Magazin so viel über den Gegenkandidaten, den CDU-Mann Horst Köhler, schreibe - aber über sie so gut wie nichts. Die Antwort des "Spiegel"-Redakteurs: Rot-Grün müsse weg und da käme eine sozialdemokratische Bundespräsidentin eher ungelegen.

Gehrs: " Das merken Sie auch wieder bei Joschka Fischer zum Beispiel, bei dieser Visa-Affäre. Mit welcher Verve sich der "Spiegel" da rein stürzt und gleich zwei Titelgeschichten darüber macht. Das ist sicherlich ein Skandal, aber mit so viel Schaum vor dem Mund ist ansonsten nur Frau Merkel oder Herr Stoiber unterwegs und das hat ein bisschen was mit der Glaubwürdigkeit zu tun, die darunter leidet. "

Nicht nur Oliver Gehrs, viele andere Magazinleser konzentrieren ihren Zorn auf den Chef des "Spiegel"-Parlamentsbüros Gabor Steingart. Steingart hat das umstrittene Buch "Deutschland - der Abstieg eines Superstars" verfasst. Darin plädiert er für mehr Tariffreiheit und Sozialabbau.

Weitere Diskussionen löst der Redakteur durch einen Kommentar aus, den er kurz vor der Bundestagswahl im Wall Street Journal veröffentlicht - einen lobenden Kommentar über Angela Merkel, der von vielen als Aufruf zur Wahl der CDU-Politikerin verstanden wird. Taz-Mitbegründer Horst Schimmeck schreibt wütend:

" Seine Lässigkeit Sir Steingart sorgt forsch dafür, dass der "Spiegel" heute dem neuen Mainstream vorantrötet und die letzten kulturpessimistischen Bedenkenträger endlich aus ihren Löchern treibt, all diese altlinken Multikulti-Sozialromantiker, Gewerkschafter und andere "Gutmenschen". Steingart hat geholfen, den "Spiegel", das einst so stolze "Sturmgeschütz der Demokratie", umzurüsten zur Spritzpistole der Angela Merkel."

Richtig unangenehm wird es für den "Spiegel", als er das Steuermodell Paul Kirchhofs verteidigt - und eine angebliche Modellrechnung abdruckt. Eine Rechnung, die belegen soll, wie viel Tausend Euro ein Manager künftig mehr zahlen soll - dank Kirchof. Doch schon kurz darauf muss das Medium gestehen: die Zahlen seien falsch, man habe einfach die Daten von Kirchhofs Institut übernommen. Das Antiglobalisierungsbündnis Attac, das die Berechnung als erstes überprüft hatte, empört sich in der "Frankfurter Rundschau":

"In der Hochphase des Wahlkampfs stützt der "Spiegel" seine Recherchen zum zentralen Wahlkampfthema im Wesentlichen auf den derzeit wichtigsten CDU-Wahlkämpfer."

Kritik auch von Franziska Augstein. In der vergangenen Woche rechnet die "Spiegel"-Erbin auf einer Zeitungskonferenz in Berlin öffentlich mit "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust ab. Der Akzent auf Wirtschaftsthemen und die Vernachlässigung politischer Probleme habe den "Spiegel" zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen gemacht.

"Ein objektiver Befund ist, dass unter der Ägide des jetzigen "Spiegel"-Chefredakteurs das Blatt seinen Platz als Leitmedium verloren hat."

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