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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.04.2009

Vom Phantom in der Menge

Joel Haahtela: "Sehnsucht nach Elena", Piper Nordiska 2009, 152 Seiten

In Finnland (Stock.XCHNG / Anne Syrjälä)
In Finnland (Stock.XCHNG / Anne Syrjälä)

Der Finne Joel Haahtela schreibt über eine geheimnisvolle einseitige Liebe. Und verwirrt mit einem unheimlichen Protagonisten, der einer jungen Frau nachstellt. Ein gefährlicher Stalker? Ein einsamer Flaneur, getrieben von der Anonymität der Großstadt? Erst der Schluss entdeckt, dass der Erzähler sich mit seinen Verfolgungen einem quälenden Phantomschmerz stellt.

Wenn Verlage ihre Bücher bewerben, kann es ganz schön kitschig zugehen. Joel Haahtelas neues Buch soll man, wenn es nach seinem deutschen Verlag geht, am besten "an einem traumverlorenen Sommertag lesen"; für so manch einen Grund genug, dieses Buch gar nicht erst anzufassen. "Sehnsucht nach Elena" heißt dieser Roman, der aus dem Finnischen übersetzt wurde, auf dem Cover sieht man eine junge Frau in einem roten Kleid, die sinnierend aufs Meer schaut.

Eine Pralinenschachtel mit Zuckerzeug? Mitnichten. Es geht zwar um eine Liebesgeschichte, aber um eine Liebe, die vollkommen einseitig ist: Es liebt nämlich nur der Ich-Erzähler. Wobei dessen Liebe das große geheimnisvolle Zentrum dieses schmalen Romans ist, um das alle Geschehnisse rotieren.

Der namenlose Protagonist sieht an einem kalten Januartag eine junge Frau durch einen Park zur Universitätsbibliothek gehen. Es passiert, was in der Literaturgeschichte zigfach zu Romanen und Gedichten inspiriert hat: Der Erzähler verliebt sich auf den ersten Blick. Der berühmte Baudelairesche Blitz beim Anblick einer Unbekannten hat ihn erfasst und lässt ihn diese Frau monatelang verfolgen. Täglich wartet er auf seiner Parkbank auf ihr Vorübergehen, imaginiert Begegnungen, verfolgt sie bis zu ihrer Wohnung. Er entwendet ihr ein Buch, in dem er ihren Namen entdeckt und sie fortan Elena nennen kann. Er reist ihr in den Semesterferien nach, bis in einen Badeort, wo sie einen Ferienjob als Zimmermädchen hat.

Lange ist unklar, was den Mann zu seinen Verfolgungen motiviert. Ist er ein harmloser Flaneur, der in seinen romantischen Phantasien lebt? Oder doch ein gefährlicher Stalker, der seine Beute einkreist? Erst das Ende des Romans entdeckt, was es mit dem Protagonisten auf sich hat, der – ohne hier zuviel zu verraten – in der Figur der Elena seine verstorbene Liebe wieder zu erkennen glaubt. Die schöne Unbekannte ist seine Femme fantôme.

Der Finne Joel Haahtela, Jahrgang 1972, und hierzulande bereits mit seinem Roman "Der Schmetterlingssammler" aufgefallen, ist Schriftsteller und Psychiater. Eine Kombination, die man dem Roman anmerkt: Wir tauchen tief in die seelischen Dispositionen des Beobachters ein. Den Basso continuo des Romans schöpft Haahtela aus den langen Spaziergängen und dabei wiedergegebenen Beobachtungen seines Protagonisten, dessen Verfassung man nur langsam und sukzessive auf die Spur kommt – wie ein Psychiater der Seelenlandschaft seines Patienten.

"Sehnsucht nach Elena" ist eine einfach erzählte und intensive Geschichte, die an die schnörkellose und dabei zutiefst psychologische Großstadtliteratur um 1900 erinnert. Die Großstadt, Ort der Moderne per se, lädt dazu ein, sich in der Anonymität treiben zu lassen. Sie ist aber auch ein Ort, an dem alles passieren kann. An dem sich ein Objekt der Begierde plötzlich und unerwartet aus der Menge lösen kann und zukünftig die Wege des Beobachters lenkt, einen Flaneur zum Verfolger macht. Diese beinahe schon klassische Gemengelage aus Kontingenz, Zufall und Begehren verknüpft Joel Haahtela neu: zu einer berührenden und im wahrsten Sinne zeitlosen Liebesgeschichte. Weit ab vom Kitsch.

Rezensiert von Katrin Schumacher

Joel Haahtela: Sehnsucht nach Elena
Aus dem Finnischen von Sandra Doyen
Piper Nordiska, München 2009
152 Seiten, 16 Euro

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