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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.05.2012

Vom Papier auf die Bühne

Sybille Lewitscharoffs erstes Theaterstück "Vor dem Gericht" in Mannheim uraufgeführt

Von Christian Gampert

Sibylle Lewitscharoff beschäftigt sich literarisch viel mit dem Tod.
Sibylle Lewitscharoff beschäftigt sich literarisch viel mit dem Tod. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Bekannt als selbstironische Prosa-Autorin versucht sich Sibylle Lewitscharoff nun als Theater-Schreiberin - gelungen, witzig, vielleicht zu viel Dialog an der ein oder anderen Stelle. Die Umsetzung durch Burkhard Kosminski wird dem allerdings nicht gerecht.

Vieles im Werk der Sibylle Lewitscharoff ist als Totengespräch angelegt: "Apostoloff" ist eine Auseinandersetzung mit dem toten Vater und mit dessen Herkunftsland Bulgarien; der alkoholumnebelte Lehrer in "Consummatus" wird ständig von längst Verblichenen unterbrochen; und der fiktionalisierte Philosoph "Blumenberg" im gleichnamigen Roman ist umgeben von lauter todgeweihten studentischen Schwärmern - seine glühendste Verehrerin, die schöne Isa aus Heilbronn, springt von einer Autobahnbrücke in den Tod.

Isa treffen wir nun auch in Lewitscharoffs erstem Theaterstück; hier geht sie aus Liebeskummer ins Wasser und findet sich sodann, zusammen mit anderen Selbstmördern und Unfallopfern, in einer Speisegaststätte wieder, wo als Henkersmahlzeit auf leeren Tellern das reine Nichts serviert wird. In einer Art Zwischenreich zwischen Leben und Tod stehen diese windschiefen und, wie wir alle, ein wenig lächerlichen Personen "vor dem Gericht" - nicht nur im kafkaschen, sondern auch in einem ganz christlichen Sinne.

Der Uraufführungsregisseur Burkhard Kosminski hat diese von der Autorin eher herbeihalluzinierte Situation des Bilanzziehens im Jenseits, der Angst, der Resignation und auch der Widerborstigkeit nun leider ganz realistisch genommen: Wie beim frühen Horváth sitzen da lauter gescheiterte Existenzen am Tisch, die uns peu à peu ihre Lebensgeschichte aufblättern. Die große Abrechnung wird angeleitet von einem Kellner mit Wiener Zungenschlag - und Wien ist ja die Welthauptstadt der Morbidität.

Die Frage ist nun, ob man ein von der Konstruktion her so statisches Wartesaal-Stück mit einer einzigen quirligen Figur, mit jenem Wiener Schmäh- und Küss-die-Hand-Kellner in Bewegung bringen kann. Dazu bedürfte es mindestens Marthalerscher Qualitäten; Burkhard Kosminski aber hat weder den dramaturgischen Zugriff noch die Schauspieler dafür. Thorsten Danner macht den Ober, den Führer ins Totenreich viel zu sehr als disziplinierenden Platzanweiser; nur selten hat er diese André-Heller-Melancholie in der Stimme oder grantelt herum wie der alte Qualtinger.

Die übrigen Schauspielbediensteten des Nationaltheaters liefern ihren Part eher brav an der Rampe ab: Reinhard Mahlberg und Anke Schubert geben mit relativ wenig Lustgewinn den Bankrotteur und die Schreckschraube, zusammengeschweißt als zänkisches Ehepaar. Dascha Trautwein als Wasserleiche, die wieder zurück ins Leben will, schaut immer sehnsüchtig zum Mond und hat ansonsten nicht viel zu spielen, bis sie vom allgewaltigen Protokoll-Chef brutal ins Paternoster verfrachtet und in den Hades geschickt wird. Ralf Dittrich als alter Mann mit Hündchen ist für's Philosophische zuständig, und Elke Twiesselmann gibt die Senior-Chefin mit manchmal noch aufflackernder Schwäche für virile Motorradfahrer.

Sibylle Lewitscharoff ist eine große, eine sehr belesene und zu allem Überfluss auch noch selbstironische Prosa-Autorin. Dies ist ihr erstes Theaterstück, und die dramaturgischen Schwächen liegen offen zutage: Die Personen haben Sprachwitz und Kontur, aber sie reden und erklären zu viel - und die musikalische Dynamik des Beckettschen Auf-der-Stelle-Tretens will auch erst einmal gelernt sein... Allerdings könnte man das Stück sehr viel witziger, skurriler, albtraumhafter in Szene setzen - ein anderer Regisseur wird's schon richten.

Links bei dradio.de:
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