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Vom MOCA zum Museum Ludwig

Neuer Direktor des Museum Ludwig über seinen Posten, Mäzenatentum und Zukunftspläne

Philip Kaiser im Gespräch mit Frank Meyer

Der neue Direktor des Museums Ludwig, Philipp Kaiser
Der neue Direktor des Museums Ludwig, Philipp Kaiser (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Philip Kaiser ist seit November neuer Direktor des Kölner Museum Ludwig. Er freue sich auf seine Arbeit und wolle im kommenden Herbst "das gesamte Haus auch mal auf den Kopf stellen", sagt der Kunsthistoriker, der zuvor als Kurator am Museum of Contemporary Art (MOCA) in L.A. tätig war.

Frank Meyer: Für den Job würden viele Museumsleute einige Klimmzüge machen: leitender Kurator des Museum of Contemporary Art in Los Angeles, also an einem der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in den USA. Der 40-jährige Schweizer Kunsthistoriker Philipp Kaiser hatte diesen Job, aber er hat ihn aufgegeben, um jetzt Direktor des Kölner Museums Ludwig zu werden. Jetzt ist er in Köln für uns im Studio. Seien Sie willkommen, Herr Kaiser!

Philipp Kaiser: Vielen Dank!

Meyer: Ich habe es eben schon mal zitiert: Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass Sie in Los Angeles unglaublich viele Händchen halten mussten, das heißt, sich um Sponsoren und Mäzene kümmern. Hatten Sie das satt?

Kaiser: Nein, eigentlich überhaupt nicht. Also grundsätzlich ist das System in den USA natürlich ganz anders als in Deutschland: Sie müssen die Leute überzeugen, um Geld zu kriegen. Das hat einerseits ... klingt es sehr anstrengend, auf der anderen Seite geht es ja auch darum, die Leute zu begeistern für ein Projekt. Und wenn dann zum Beispiel eine Ausstellung eröffnet nach langer Zeit – das ist mitunter auch ein Grund, warum das immer so lange dauert, bis die Ausstellungen überhaupt stattfinden –, dann sind die Leute auch wirklich ... die tragen das dann mit ideell, und finanziell natürlich auch.

Meyer: Sie haben aber auch schon in einem anderen Gespräch gesagt, man hat als Kurator nicht einfach das Recht, zu tun, was man für richtig hält. Das klingt aber auch nach einiger Einschränkung der kuratorischen Freiheit dann.

Kaiser: Das ist es auf jeden Fall, aber ich glaube, in Europa gibt es ja so viele Institutionen – was ich natürlich großartig finde, dass sich das institutionelle Feld ausdifferenziert hat. Auf der anderen Seite scheint man ab und zu zu vergessen, warum man das eigentlich tut, was man tut, und plant eine Ausstellung nach der anderen. Und, ich glaube, in den USA, wo man eigentlich eine sehr luxuriöse Situation hat, dass man mehr Zeit hat, was vorzubereiten, merkt man dann auch wieder, oder eben, wenn man Schwierigkeiten hat, Geld zu finden oder dass man überhaupt Geld sammeln muss, wie ... dass es eigentlich kein Selbstverständnis sein kann, eine schöne Ausstellung zu inszenieren. Also ich finde, es hat positive und negative Aspekte gleichzeitig.

Meyer: Bei dem Museum, an dem Sie gearbeitet haben, dem Museum of Contemporary Art, das soll im Jahr 2008 kurz vor dem Bankrott gestanden haben. Dann hat der Milliardär Eli Broad eingegriffen mit einer Schenkung von 30 Millionen Dollar und das Museum geöffnet. Angeblich wollte er dafür auch mitbestimmen, wo es langgeht mit dem Museum. Welchen Einfluss hat er tatsächlich genommen?

Kaiser: Nun, das ist eine sehr komplizierte Gemengelage, die einerseits mit den USA zu tun hat, aber andererseits auch sehr spezifisch mit Los Angeles, weil in L.A. sind die ganzen Museen ja auch ... Erst in den 60er-Jahren wurde beispielsweise das County Museum gegründet, das MOCA gibt es seit 30 Jahren. Und diese Museen sind in gewissem Grade auch natürlich diesem Willen dieser Spender oder Trustees unterworfen, weil sie 100 Prozent privat sind. Die Budgets, die Museumsbudgets, mit denen man tagtäglich zu arbeiten hat, die stehen eigentlich in keinem Verhältnis, dass man mit relativ wenig Geld ein Museum führen muss und eigentlich nur wenige Millionen in dieser Krise gefehlt haben. Aber man merkt natürlich auch – und das war sehr wichtig für mich in L.A. zu erfahren: Als ich angestellt wurde von Paul Schimmel, hat der mir gesagt: Was wir hier machen, das ist Subkultur. Und ich fand das anfangs sehr prätentiös, dass Hochkultur Subkultur ist, und mit der Zeit habe ich auch rausgekriegt, dass es sehr viel mit Los Angeles zu tun hat, dass die Kultur – nicht jetzt die Entertainment Industry, sondern wirklich die Kultur, die Hochkultur, wie wir sie hier verstehen – in Los Angeles alles andere als gegeben ist.

Meyer: Das heißt, Subkultur in dem Sinne, dass sich nur sehr, sehr wenige Leute dafür überhaupt interessieren?

Kaiser: Genau, das ist der Punkt, das sind sehr, sehr wenige Leute, und Museen, auch wenn sie gewissermaßen öffentlich wahrgenommen werden, sind für viele Leute in Los Angeles natürlich auch die Clubs der reichen Leute oder auch sehr elitäre Tempel, die eigentlich wie private Clubs angesehen werden und nicht als öffentliche Museen, wenngleich sie diesen Anspruch formulieren.

Meyer: Gab es einen Versuch, gegen dieses Subkultur-Image anzuarbeiten? Ihr Museum in Los Angeles hat 2010 einen neuen Direktor bekommen, der ein sehr massenwirksames und kommerzorientiertes Programm gefahren hat, deswegen ist ein Teil der Leitungsrige dann gegangen, einige Künstler sind auch aus dem Stiftungsrat des Museums ausgetreten. War diese neue Ausrichtung des Hauses für Sie auch ein Grund, zu sagen, gehe ich lieber woanders hin?

Kaiser: Ja, das kann ich nicht verneinen, auf jeden Fall, weil was Jeffrey da jetzt geplant hat und plant, hat mit der alten Geschichte der Institution sehr wenig zu tun, und in diesem Sinne war das natürlich auch nicht mehr so interessant für mich.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit dem Kunsthistoriker Philipp Kaiser, er ist jetzt der neue Direktor des Museum Ludwig in Köln. Heute stellt er sein Programm dort vor. Jetzt haben wir über die amerikanische Seite geredet, von dort sind Sie jetzt gekommen nach mehreren Jahren dort. Die andere Seite ist ja: Was hat Sie eigentlich nach Köln gezogen? Was hat das Museum Ludwig, dass Sie sagen ließ, da möchte ich gerne arbeiten?

Kaiser: Gut, es ist ... Einerseits war das der Wunsch vielleicht nach vielen Jahren Kurator sein, einmal auch selber bestimmen zu können, wie das gesamte Programm ausschaut. Das hat mich gereizt. Andererseits war natürlich das Museum Ludwig und ist das Museum Ludwig eines der wichtigsten Museen in Deutschland, gerade auch mit Kasper König, der eigentlich über die letzten zwölf Jahre ein sehr wichtiges Programm etabliert hat, das auch große internationale Ausstrahlung hatte.

Meyer: Das Museum hat ja großartige Sammlungen, vor allen Dingen die Pop-Art-Sammlung ist die größte außerhalb Amerikas, dann gibt es andere gewichtige Schwerpunkte, es gibt die russische Avantgarde, den deutschen Expressionismus, Picasso, jeweils in großen Sammlungen vertreten. Was werden Sie mit diesen Sammlungen anfangen, wie damit arbeiten?

Kaiser: Kasper König hat eigentlich in den letzten Jahren versucht, diese Verdrängungen auch der Sammlung Ludwig, Dinge, wofür er sich nicht interessiert hat, aufzufüllen mit Ankäufen der Konzeptkunst im Minimal Art und so weiter, und diese Strategie ist eigentlich sehr sinnvoll, weil als ein Museum können Sie natürlich nicht alle Lücken füllen. Und mir geht es schon darum, eigentlich mit den Stärken und der Spezifität der Situation umzugehen und eben auch gerade Köln, die ganze Geschichte des Kalten Krieges, der alte Westen und wofür Köln auch steht, auf dieser ganzen Geschichte aufzubauen und diese Geschichte weiterzuspinnen in die Gegenwart.

Meyer: Können Sie das konkreter benennen? Gibt es schon ein konkretes Projekt, unter dem man sich schon etwas vorstellen könnte?

Kaiser: Es gibt beispielsweise ... Nächstes Jahr machen wir eine wunderbare Ausstellung mit Saul Steinberg, der 1958 für den amerikanischen Pavillon in Brüssel wunderbare Zeichnungen zu den amerikanischen Staaten gemacht hat, Illustrationen, die natürlich sehr viel Sinn machen innerhalb von unserer Sammlung oder der ganzen Geschichte des Museums. Dann wird es beispielsweise eine, die erste große Retrospektive der Künstlerin Jo Baer geben, eine minimalistische Künstlerin, die immer noch arbeitet, mittlerweile aber gänzlich andere figurative Arbeiten produziert, sie lebt in Amsterdam, ist Mitte 80, freue ich mich sehr. Und dann gibt es eigentlich im kommenden Herbst ... Im Oktober möchte ich das gesamte Haus auch mal auf den Kopf stellen und mal gesamt neu umhängen und gemeinsam mit der Künstlerin Louise Lawler gewissermaßen reflektieren.

Meyer: Das heißt, diese Künstlerin tritt dann an Ihre Seite und macht Ihren Job mit und gestaltet das Haus mit um?

Kaiser: Genau. Aber nicht so: In den 80er-Jahren beispielsweise war das ja sehr verbreitet, dass man Künstler eingeladen hat, um das ganze Museum neu zu hängen. Es geht jetzt nicht darum, dass man die Arbeit delegiert, sondern eigentlich mit einer Komplizin gewissermaßen die Dinge neu sieht.

Meyer: Die Stadt Köln hat ja, was die Kulturpolitik angeht, viele Negativschlagzeilen gemacht in den letzten Jahren, wenn man denkt an die Entlassung des Opernintendanten oder den geplanten Umbau des Theaters, der dann verhindert wurde von den Bürgern, wenn man an den Einsturz des Stadtarchivs denkt. Macht Ihnen das Sorgen, wenn Sie an die Zukunft des Museum Ludwig denken?

Kaiser: Ich muss sagen, da bin ich noch zu wenig lange hier, um das richtig einschätzen zu können, aber das ist natürlich teilweise schon auch besorgniserregend, die Situation. Ich weiß gar nicht so sehr, ob das die Kulturpolitik ist oder das auch überhaupt die finanzielle Situation, die natürlich zu solchen Entscheidungen und Fehltritten führt und führen muss. Das macht mir Sorgen, aber natürlich versuche ich, dem positiv entgegenzutreten und nach vorne zu blicken.

Meyer: Wie sieht das denn aus mit dem Etat für Ihr Haus, wie lange ist der gesichert?

Kaiser: Der ist eigentlich vertraglich gesichert mit meinem Arbeitsvertrag, also der Etat für Ausstellungen, für Ankäufe, und da hat sich eigentlich im Wesentlichen auch nichts geändert.

Meyer: Und Ihr Vertrag läuft sieben Jahre, soweit ich weiß?

Kaiser: Genau, der läuft auf sieben Jahre.

Meyer: Die Ausstellungen in Deutschland – es gibt ja zwei so große Richtungen: Einerseits gibt es die Ausstellungen, die Zusammenhänge zu zeigen versuchen, versuchen, Werke oder Strömungen neu zu bewerten. Solche Projekte haben Sie skizziert. Auf der anderen Seite machen viele auch große renommierte Häuser ja auch sogenannte Blockbuster-Ausstellungen mit großen Namen, die dann besonders viel Publikum ins Museum ziehen sollen. Werden Sie um solche Blockbuster-Ausstellungen in Köln herumkommen?

Kaiser: Ich glaube nicht, aber ich muss auch sagen, das ist auch nicht immer so, dass Blockbuster dumm sind, es gibt ja auch Blockbuster, die unglaublich gut sind, und da denke ich auch immer wieder, wenn man beispielsweise in der Popmusik über Madonna nachdenkt, dann merkt man auch, dass es populäre Leute gibt, die innovativ sein können. Und ich glaube, es gibt auch schlaue Blockbuster, die man machen kann, oder man kann gewissermaßen auch das Format des Blockbusters erweitern ins Unerwartete vielleicht, und trotzdem den Leuten das geben, was sie sehen wollen. Und ich glaube, bislang, in den letzten zwölf Jahren war das eine sehr gute Mischung zwischen komplizierteren, anspruchsvollen Projekten und Blockbustern, und das möchte ich eigentlich so weiterführen in der Struktur. Natürlich kann man nicht jedes Jahr einen Blockbuster machen, das ist auch finanziell überhaupt nicht möglich. Aber mir ist es auch wichtig grundsätzlich, das Museum jetzt nicht populistisch zu wenden, sondern zugänglich zu machen und Wissen zu teilen und in der Vermittlung Zugänge zu schaffen und dadurch eigentlich gewissermaßen das Programm nicht korrumpieren zu lassen.

Meyer: Ich fürchte fast, wenn Sie schon eine Idee haben für eine unerwartete Blockbuster-Ausstellung, werden Sie uns die jetzt nicht verraten, oder vielleicht doch?

Kaiser: Ich würde sehr gerne, aber das ist vertraglich alles noch nicht so richtig geregelt. Aber Kasper König hat ja jetzt gerade am Schluss mit Oldenburg und auch mit der Hockney-Ausstellung, die ja unglaublich populär ist und auch wunderbar, mit einem riesengroßen Feuerwerk aufgehört, und deswegen muss ich sagen: Im nächsten Jahr wird es jetzt so ein bisschen ruhiger, mit sehr interessanten, stilleren Projekten, und dann 2014 wird es sicher wieder große Projekte geben.

Meyer: Philipp Kaiser ist der neue Direktor des Museum Ludwig in Köln. Herr Kaiser, viel Erfolg für Ihre Arbeit dort!

Kaiser: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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