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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.03.2007

Vom Kampf mit der weiten Welt

Tim Winton: "Weite Welt", Luchterhand Verlag, München 2007, 349 Seiten

Das Meer spielt eine wichtige Rolle im Leben der Kleinstadtbewohner, die Winton in seinen Kurzgeschichten beschreibt.
Das Meer spielt eine wichtige Rolle im Leben der Kleinstadtbewohner, die Winton in seinen Kurzgeschichten beschreibt. (AP)

Tim Winton beweist mit seinem ersten Erzählband nach mehreren Romanen, dass er noch Geschichten erzählen kann: Geschichten vom schmerzhaften Erwachsenwerden, von Verzweiflung und von Versöhnung.

Tim Winton hat so gut wie alle australischen Literaturpreise abkassiert, die es zu gewinnen gibt. Seine letzten drei Bücher, dazu zählt auch ein Kinderbuch, sind Bestseller geworden, haben sich jedes über 100.000-mal verkauft – für australische Verhältnisse eine Sensation, denn bei aller Lesefreude der Australier: Das Land hat nur 18 Millionen Einwohner. So ist für die meisten Autoren das Schreiben eher ein Nebenerwerb denn ein Hauptberuf.

Auch Tim Winton hat, seit er als Jugendlicher anfing, sich kleine Geschichten auszudenken, die recht bald in Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden, nie erwartet, damit einmal soviel zu verdienen, dass er davon Frau und drei Kinder ernähren könnte. Jetzt bräuchte der Sohn eines Polizisten, der nie einen richtigen Beruf erlernt hat, eigentlich gar nicht mehr schreiben – so viel haben ihm seine Bücher inzwischen eingebracht. Doch das wäre für ihn unvorstellbar.

So nahm er sich zwar nach seinem letzten großen Roman "Der singende Baum" ein Jahr Auszeit, in der er im Rahmen einer großen Naturschutzkampagne für den Erhalt eines großen Korallenriffs an der Westküste Australiens kämpfte und siegte, kehrte dann aber wieder an den Schreibtisch zurück, um auszuprobieren, ob er nach einer Reihe von Romanen überhaupt noch in der Lage war, Geschichten zu schreiben. Der jetzt veröffentlichte Band "Weite Welt" beweist nachdrücklich, dass er diese Fähigkeit nicht verloren hat.

Tim Winton hat sich zum Ausgangspunkt seiner Geschichten eine kleine Hafenstadt an der Westküste Australiens, das fiktive Angelus gewählt. Jeder kennt jeden, nichts passiert hier, ohne dass es gleich alle wissen. Für Heranwachsende ein todlangweiliges Kaff. So träumt denn auch jeder davon, wegzukommen, zu fliehen, abzuhauen. Doch die Chancen stehen schlecht. Nur wenige schaffen den Absprung. Doch die Erinnerung bringt manchen auch wieder zurück.

Tim Winton erzählt aus einer Welt, die alles andere als idyllisch und kleinstädtisch-friedlich ist. Er kennt sie gut, hat er doch selbst den größten Teil seiner Jugend in solch einem Ort verbracht. Wahrscheinlich wirken seine Geschichten darum so atmosphärisch dicht, real und glaubwürdig. In ihrem Mittelpunkt stehen eine Handvoll Jugendliche und deren Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden.

Die Geschichten kreisen immer wieder um dieselben Familien, dieselben Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, wenn auch zeitlich versetzt. Die Ehen sind meistens zerrüttelt. Es wird viel ge- und verschwiegen in den Geschichten. Die Jungen wie die Männer haben offenkundig nie gelernt, ihre Gefühle zu zeigen oder auszudrücken. Sie flüchten sich in Alkohol oder Drogen. Oder sie ziehen aufs Meer, surfen, kämpfen mit den Wellen, fischen.

Man spürt deutlich Tim Wintons Faszination für die unendliche Wasserlandschaft, ihre tausend Blautöne, die unberührten endlosen Strände Westaustraliens. Hier spielt sich ein wichtiger Teil des kleinstädtischen Lebens ab und damit auch der Dramen.

Es sind bisweilen harte Geschichten, wie die vom jähzornigen Mann, der seine Frau wiederholt bis aufs Blut schlägt. Doch niemand zieht ihn zur Rechenschaft. Ein Polizist wird zum Alkoholiker, weil er miterleben muss, wie sich seine Kollegen an Drogendeals bereichern und er keine Chance sieht, ihnen das Handwerk zu legen. Ein Junge beobachtet ungerührt, wie ein Nachbarsohn ertrinkt, der ihn jahrelang drangsaliert hat. Die Unfähigkeit eines wilden, aufsässigen Jungen, über sich zu sprechen, ruiniert letztlich sein Leben.

Doch es sind zugleich auch Geschichten über Versöhnung: der Sohn, der seinen Vater, dessen Alkoholsucht die Familie zerstörte, an das Sterbebett der Mutter holen soll und plötzlich seinen Zorn auf ihn verliert. Der Junge, der seinen älteren Bruder nach einer Haifischattacke rettet, obwohl der ihn verachtet und früher einmal fast im Sand ersticken ließ.

Tim Wintons Protagonisten fällt nichts in den Schoß, sie mühen sich mit dem Leben ab. Erzählt wird von den kleinen Triumphen der Menschlichkeit, des Mitgefühls, des Sich-Behauptens. Da ist uns Tim Wintons Welt dann doch sehr nahe, auch wenn sie auf der anderen Seite der Erdkugel liegt.


Rezensiert von Johannes Kaiser

Tim Winton: Weite Welt
Übersetzt von Klaus Berr
Luchterhand Verlag, München 2007
349 Seiten, 19.95 Euro