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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.12.2011

Virtuose, Lebemann und genialer Komponist

Das Liszt-Jahr 2011 im Rückblick

Von Jörn Florian Fuchs

Undatiertes Bildnis des Komponisten Franz Liszt. (picture alliance / dpa)
Undatiertes Bildnis des Komponisten Franz Liszt. (picture alliance / dpa)

Anlässlich seines 200. Geburtstages wurde Franz Liszt weltweit gefeiert. Zu den Glanzpunkten gehörte das Bayreuther Projekt "Ein Bild klingt mehr als tausend Worte". Im Burgenland wurde der damalige Hype um den Tastenlöwen mit heutiger Superstarverehrung verknüpft.

Etwas forsch könnte man Franz Liszt, als den großen, unbekannten Klassiker bezeichnen. Klar, die virtuosen Klavier-Rhapsodien kennt jeder, aber wer hat beispielsweise schon mal die Dante-Symphonie gehört?

Im Liszt-Jubiläumsjahr wurde der vielseitige Weltstar an etlichen Orten gefeiert, in seiner Heimat, dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet ebenso wie in unseren Breiten.

Unter dem Motto "Lust auf Liszt" gab es heuer in Bayreuth einen sehr bunten Veranstaltungsreigen. Höhepunkt war sicher die Uraufführung der Oper "Don Sanche", die der Österreicher Gerhard Krammer neu ediert hat. "Don Sanche" ist das einzige Musiktheater Liszts, das dieser im zarten Alter von 13 Jahren schrieb. Die Handlung wirkt etwas verworren, im Zentrum stehen mehrere Liebesgeschichten, kompositorisch ist das Ganze ein rechtes Stückwerk, deutlich orientiert an Vorbildern der Zeit, ohne einen Personalstil.

Ein weiterer Glanzpunkt der Liszt-Saison in Bayreuth war das Projekt "Ein Bild klingt mehr als tausend Worte".

Im hübschen Rokokosaal der Klaviermanufaktur Steingraeber schufen Studenten des Master-Studiengangs Musik & Performance einen Kunst-Salon im alten Stil. Liszts Lehrer, Zeitgenossen und Schüler kamen zu Wort und Klang. Roter Faden war die von Martin Blum brillant vorgetragene Beschreibung eines zeitgenössischen Gemäldes, das Liszt im Kreis von Beethoven, Victor Hugo, Rossini oder Paganini zeigt. Der exzellente Nachwuchspianist Leonhard Dering spielte dazu Werke der Porträtierten, außerdem Carl Czerny – und natürlich auch Liszt selbst.

Will man das Ergebnis dieses Jubeljahres in einen Satz gießen, dann lautet er: Liszt ist einfach nicht zu fassen. Oder so: Liszt ist nicht einfach zu fassen. Einen recht guten Überblick über Leben, Werk und Wirkung des Klaviervirtuosen, Lebemanns, Abbés und Schöpfers neuer Tonwelten gab es im Burgenland, etwa in Eisenstadt, wo das dortige Landesmuseum das Heine-Wort von der "Lisztomania" in Bild, Wort und Musik präsentierte. Der damalige Hype um den Tastenlöwen wurde eindrucksvoll in Szene gesetzt und mit heutiger Superstarverehrung verknüpft. Liszts Selbst-Inszenierungen ähnelten wohl durchaus den Auftritten gegenwärtiger "Helden" der Popkultur. Sollte man Liszt also eher mit Lady Gaga als mit Lang Lang vergleichen? Dazu der Bayreuther Musikwissenschaftler Thomas Betzwieser:

"Auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick abwegig erscheint, ich glaube, wir müssten in den Popularmusikbereich gehen, um sozusagen diese Figur, diesen Starkult überhaupt nachzuvollziehen. Natürlich können wir jetzt Pianisten irgendwie auflisten, die vielleicht dem nahekommen, aber ich glaube, Figuren wie Michael Jackson oder auch Leute, die in gewissem Sinne für Virtuosität in der Popularmusik stehen, müsste man heranziehen, um das ganze mediale Gefüge um Liszt herum adäquat übersetzen zu können und vergleichbare Phänomene zu finden."

Mit wallendem Haar, extravagantem Kleidungsstil und jeder Menge Exzentrik reiste und raste Liszt jahrzehntelang durch Europa. Geboren wurde er in Raiding, damals Ungarn, doch er sprach kaum Ungarisch und hatte lange mit seinem Heimatland wenig am Hut. Bis er 1828 nach einem Benefizkonzert in Pest auf geradezu aggressive Huldigungen seiner Gastgeber stieß, die ihn mit reich geschmückten Ehrensäbeln beschenkten. Kurz danach liest man immer wieder von Liszts Stolz auf seine ungarische Identität.

Direkt neben dem als hübsches Museum eingerichteten Geburtshause in Raiding wurde vor ein paar Jahren ein Konzertsaal mit rund 600 Plätzen errichtet. Innen ganz mit Fichtenholz ausgeschlagen, fällt sofort die gute Akustik ins Ohr. Auch konzeptionell ist einiges geboten. Das Pianistenbrüderpaar Eduard und Johannes Kutrowatz leiten das vier Mal pro Jahr stattfindende Liszt-Festival. Ein zentraler Programmpunkt ist die erstmals komplette Aufführung und CD-Einspielung sämtlicher Symphonischer Dichtungen. Nicht nur bei diesem Genre fällt auf, wie qualitativ unterschiedlich manche Werke sind. Da stehen die ganz neuartigen, schroffen Inventionen bei der späten Komposition "Von der Wiege bis zum Grabe" neben ziemlich belanglosen Harmonien im Werk "Festklänge".

Was ist letztlich das Geniale, das Genuine an Liszt? Dazu Johannes Kutrowatz:

"Ich finde, sein unbeugsames Selbstbewusstsein als singulärer Künstler, 'le concert c'est moi' - 'das Konzert, das bin ich', als den für die Kulturgeschichte Europas durchschlagendsten Faktor."

In Raiding dreht sich das Liszt-Rad bis hin zu Uraufführungen und auch in Bayreuth spielte man öfters neue Musik, die sich auf Liszt bezieht bzw. sich aus ihm speist, zum Beispiel den schön schrägen Streichtriosatz Bruchstück II von Johannes Hildebrandt.

Liszt 2011 – das war ein Jahr reich an Entdeckungen, Überraschungen, Erkenntnissen. Mit anderen Worten: ein voller Erfolg.

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