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Vier Generationen

Nancy Huston: "Ein winziger Makel", Rowohlt 2008, 367 Seiten

Häftlinge im KZ Auschwitz
Häftlinge im KZ Auschwitz (AP)

Der Roman "Ein winziger Makel" von Nancy Huston umfasst Geschichten von vier Generationen. Es geht um die Auflösung eines großen Geheimnisses, das bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückgeht. Die Autorin erzählt die Geschichten dabei nicht in Lebensläufen, sondern in Momentaufnahmen.

Der neue Roman der kanadischen, in Paris lebenden Autorin Nancy Huston umfasst vier Generationen: Kristina, die sich später Erra nennt, Sadie, Randall, Sol. Sie werden aber nicht, wie üblich, chronologisch von der Ältesten zum Jüngsten erzählt, sondern umgekehrt: Sol, 1998 geboren, steht am Anfang des Romans, und dann entwickelt sich die Geschichte dieser Familie rückwärts. Und das tut sie nicht in vollständigen Lebensläufen, sondern in Momentaufnahmen: Jede der Figuren kommt im Alter von sechs Jahren zu Wort und erzählt aus der Ich-Perspektive einige scheinbar ganz individuelle Ereignisse aus dieser Zeit, die tatsächlich im Zusammenhang mit der Familiengeschichte stehen.

Eine aufregende Idee. Aber warum das Ganze? Und kann das funktionieren?

Die Geburt Kristinas/Erras, geboren 1938, markiert einen Bruch in der Familiengeschichte. Die Auflösung des großen Geheimnisses geschieht zumindest für die Leserinnen und Leser ganz am Ende. Kristina bzw. Erra (Erzählzeitpunkt: 1944/45) wächst in einer deutschen Familie auf und entdeckt mit sechs Jahren, dass sie "nur" adoptiert und ihrer ukrainischen Ursprungs-Familie von den Nazis im Zuge des Germanisierungs- und Lebensbornprogramms entrissen wurde. Nach dem Krieg wird sie der deutschen Familie weggenommen, nach Kanada verschifft und dort erneut adoptiert. Später wird sie Sängerin und lebt ein unabhängiges Bohèmeleben in der (auch sexuellen) Aufbruchstimmung der 1960er Jahre. Letzteres erfahren wir aus den Perspektiven ihrer Tochter, ihres Enkels und Urenkels.

Die Vergangenheitsbewältigung - die Erra verweigert - übernimmt gleichsam stellvertretend deren Tochter Sadie (Erzählzeitpunkt: 1962), die sich als Historikerin beruflich damit befasst, sich jedoch in einer Weise damit identifiziert, dass sie schließlich als orthodoxe Jüdin auftritt. Deren Sohn Randall (Erzählzeitpunkt: 1982) wiederum erlebt die Auseinandersetzungen seiner eigenen Zeit zwischen Israel und den Palästinensern während eines Aufenthalts in Israel 1982, verbunden mit einer umwälzenden persönlichen Begegnung mit einem arabischen Mädchen. Sein Sohn Sol (Erzählzeitpunkt: 2004) schließlich hat scheinbar nichts mehr damit zu tun. Er ist ein unausstehlicher kleiner Tyrann, dessen überspannte Größenphantasien den Einstieg in den Roman nicht einfach machen.

Traumata werden in verkleideter Gestalt weitergegeben, und der Roman suggeriert, dass alle mit dem Ur-Trauma Erras und folglich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und dessen "Lebensborn"-Programm zu tun haben. Alle vier Figuren besitzen etwas, das ihre genetische Zusammengehörigkeit bestätigt - ein Muttermal, den Titel gebenden "winzigen Makel": Beweis der Verwandtschaft und Kainsmal zugleich, das auf keine konkrete Schuld sondern auf die menschliche Grausamkeit und Gewalt verweist, die mit der Familiengeschichte untrennbar verbunden ist.

Dennoch: Die aufgebaute Spannung um das große Rätsel läuft ein wenig ins Leere. Die Idee, die Geschichte nur ausschnittweise aus der Perspektive der Kinder und dann auch noch rückwärts zu erzählen, lässt zwar viele Facetten der Figuren zutage treten und erzeugt Spannung - aber auch Frustration. Weniger deswegen, weil viele Mosaiksteinchen erst am Ende einen Sinn ergeben, so dass man eigentlich gleich wieder von vorn mit der Lektüre beginnen müsste. Schwerer wiegen die Unglaubwürdigkeiten aufgrund der pseudo-kindlichen Perspektive und Sprache. Tatsächlich finden ständige Überlagerungen der scheinbar naiven mit einer höchst erwachsenen Perspektive und Sprechweise statt, die zumal im Falle Sols eher peinlich sind. Sie wären wohl zu vermeiden gewesen, hätte man die einzelnen Passagen von den Erwachsenen als Rückblick schildern lassen.

Rezensiert von Gertrud Lehnert

Nancy Huston: Ein winziger Makel.
Aus dem Französischen von Uli Aumüller und Claudia Steinitz
Reinbek: Rowohlt 2008
367 Seiten. 19,90 Euro.

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