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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 16.08.2007

"Viele wünschen sich die DDR zurück - so wie sie nie war"

Sachsen-Anhalts Kultusminister: Deutsche Geschichte muss in ihrer Gesamtheit unterrichtet werden

Moderation: Nana Brink

In Zwickau wurden über drei Millionen Trabant gebaut. (AP)
In Zwickau wurden über drei Millionen Trabant gebaut. (AP)

Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, hat sich für einen verstärkten deutsch-deutschen Geschichtsunterricht ausgesprochen. Die deutsche Geschichte müsse in ihrer Gesamtheit behandelt werden, sagte der parteilose Politiker.

Nana Brink: Wir sind jetzt verbunden mit dem Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Professor Jan-Hendrik Olbertz, schönen guten Morgen.

Jan-Hendrik Olbertz: Guten Morgen, ich grüße Sie.

Brink: Nach einer Studie der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wissen weniger als die Hälfte der deutschen Gymnasiasten, dass der Arbeiteraufstand 1953 in der DDR stattfand, und mehr als sieben Prozent halten Erich Honecker für den zweiten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Überrascht Sie das?

Olbertz: Ja, das überrascht mich schon ein bisschen, und es verschlägt mir auch den Atem. Das zeigt, wie wichtig das ist, wirklich alle Anstrengungen zu unternehmen, den Geschichtsunterricht auch zu verbessern und stärker auf solche zeitgeschichtlichen Themen zu konzentrieren. Denn das ist ja kaum zu ertragen, solche Verirrungen.

Brink: Bevor wir auf die Problembehebung gehen, würde ich ganz gerne noch mal ein bisschen Ursachenforschung betreiben. Woher, meinen Sie denn, genau kommt denn dieses mangelnde Geschichtsverständnis?

Olbertz: Ich glaube, das kann man monokausal gar nicht erklären, da ist auf der einen Seite natürlich der Umstand zu berücksichtigen, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts, der zweiten Hälfte vor allem, immer noch Zeitgeschichte ist und im Alltag auch verdrängt oder verklärt wird. Der zweite Punkt ist natürlich die mangelnde Wissensvermittlung und auch die mangelnde Konzentration auf so wichtige Orientierungsthemen im schulischen Unterricht.

Vielleicht ist es natürlich auch so, dass es jungen Leuten immer schwer fällt, in die Geschichte zu schauen, das ist uns, als wir jung gewesen sind, ja auch nicht anders gegangen. Insofern fällt uns das erst jetzt als besonders gravierend auf, wo wir selber älter sind. Das hängt einfach damit zusammen, dass junge Leute ja selber noch nicht so viel Geschichte haben. Aber das entschuldigt alles nicht die Phänomene, die Sie beschrieben haben.

Brink: Ist denn die Situation in Sachsen-Anhalt ähnlich?

Olbertz: Ich kann das nicht genau sagen, weil mir im Moment Untersuchungen nicht geläufig sind, aber ich habe auch keinen Grund zu der übersteigerten Hoffnung, dass es nun ganz anders wäre. Wir haben allerdings bei uns in Sachsen-Anhalt ja einen ganz guten und modernen Ansatz im Geschichtsunterricht, auch der Parallelbetrachtung übrigens der beiden deutschen Geschichten, wenn man das so sagen darf, denn die gibt es ja nicht, es gibt eine deutsche Geschichte, deren beide Teile nach 1945 sehr komplementär sind, sehr aufeinander bezogen, und in unseren Rahmenrichtlinien kommt die Thematik DDR in einer doch beträchtlichen Form vor. Aber ich kann natürlich nicht sagen, mit welcher Qualität und mit welchen Effekten dann auch wirklich gearbeitet wird, und da wäre ich also eher vorsichtig zu behaupten, es sei bei uns alles viel besser.

Brink: Glauben Sie, dass es Unterschiede zwischen Ost und West gibt, dass man im Osten vielleicht doch noch besser Bescheid weiß, weil die Eltern noch einen Teil der Geschichte miterlebt haben?

Olbertz: Ja, da bin ich nicht sicher, oder umgekehrt. Sie haben ja bei der Umfrage eben gehört, falls Sie sie auch mit einspielen, dass die präzisesten Auskünfte darüber, wer Erich Honecker war, in Dialekten aus den alten Ländern vorgetragen wurden. Möglicherweise ist auch die Unmittelbarkeit und Nähe zur Zeitgeschichte im Osten eine der Barrieren, sich unbefangen und auch konzentriert und interessiert mit der Geschichte auseinanderzusetzen, ich weiß es nicht.

Brink: Was stimmt denn da nicht im Geschichtsunterricht heute? Es gibt zum Beispiel eine Studie des Internationalen Pädagogischen Forschungsinstituts aus Frankfurt am Main, wonach in den Geschichtsbüchern in deutschen Schulen die Wende oder vielmehr die DDR nach der Wende sehr sträflich behandelt wird.

Olbertz: Ja, das ist sicherlich richtig und das beklage ich auch. Und man darf ja nicht vergessen, gerade das Thema DDR und die deutsche Geschichte seit 1945 ist ja noch Zeitgeschichte. Andererseits denke ich, dass man sie auch nicht wie im Reagenzglas nur auf die DDR beziehen kann. Das ist ein Stück europäische Geschichte, sie war ein Teil des Ostblocks, des Einflussgebietes der Sowjetunion, der Machtbalance zwischen Ost und West. Und sie hat natürlich eine erhebliche Alltagsrelevanz immer noch, wenn Sie bedenken, dass die Eltern der heutigen Schüler mittlerer Jahrgänge vielleicht zwischen 1965 und 1980 geboren worden sind, also, von der DDR einiges mitbekommen haben.

Und von den Großeltern will ich gar nicht reden, die sind vielleicht zwischen 1940 und 1960 geboren, sind also klassische DDR-Kinder. Und vielleicht führt auch das zu Berührungsängsten, denn durch die Wende und die Wiedervereinigung sind ja viele Lebensentwürfe aus den Angeln gehoben worden, in Fragestellungen, die bis heute nicht aufgearbeitet sind. Und da haben wir ja diese Polarisierung zwischen Verklärung und Verteufelung der DDR. Und das führt bei jungen Leuten oft dazu, dass sie sich abwenden und sagen, das verstehen wir sowieso nicht.

Brink: Aber wenn ich Sie dann richtig verstanden habe, ist es dann so, dass die Eltern auch mit ihren Kindern eben auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, also im Osten Deutschlands, nicht sprechen?

Olbertz: Also, ich habe schon das Gefühl, dass das Thema in weiten Kreisen auch nach wie vor so ein bisschen ausgeblendet wird, und es möglicherweise auch im Angesicht der Alltagsprobleme und Alltagssorgen, die heute und jetzt zu bewältigen sind, nicht mehr so in dem Mittelpunkt des Interesses steht.

Anders ist das natürlich bei Geschwisterkindern, die zum Teil die DDR erlebt haben und zum Teil nicht. So ist es übrigens bei meinen Kindern. Und da gibt es unglaublich spannende Dialoge zwischen denen, weil sie mit völlig anderen Perspektiven, obwohl sie einer Generation angehören, dieselben Eltern haben, auch die Lebensumstände sich so dramatisch nicht geändert haben - und trotzdem vollkommen anders mit der Geschichte umgehen.

Brink: Wie unterschiedlich? Das interessiert mich jetzt.

Olbertz: Ja, ich kann Ihnen das erzählen. Unsere jüngste Tochter hat die älteste eines Tages gefragt, was ist denn das eigentlich, DDR? Die Älteste hat noch den Konflikt erlebt zwischen Konfirmation und Jugendweihe, ist in enorme Bedrängnis noch 1989 mit diesem Thema geraten. Die Jüngste, 1985 geboren, ist gerade mal eingeschult worden, als die DDR zu Ende war. Also, schon daran sieht man - und wir Eltern sind dann immer sprachlos, wie unsere eigenen Kinder in völlig unterschiedlichen Welten gelebt haben und dadurch auch heute zum Teil leben.

Brink: Es gab einen interessanten Artikel im Berliner Tagesspiegel kürzlich, dort wird eine Arbeitsgruppe von Geschichtspädagogen an der Humboldt-Universität zitiert. Und die haben herausgefunden, dass viele Jugendliche die DDR deshalb so uninteressant finden, weil die ersten 40 Jahre bundesrepublikanische Geschichte ohne sie auskommt.

Olbertz: Ja, das ist eine Kritik, die ich auch gerechtfertigt finde. Deswegen sage ich ja immer, man kann eigentlich nicht DDR-Geschichte im Unterricht behandeln, sondern DDR-Geschichte und Geschichte der alten Bundesrepublik sind komplementär, das ist deutsche Geschichte, die in ihrer Gesamtheit behandelt werden muss, gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vieles, was in der DDR passiert ist, kann man sich überhaupt nicht erklären, ohne die parallelen Entwicklungen in den alten Ländern, wie wir heute sagen, zu betrachten und umgekehrt. Und das stört mich ja eben auch, und das führt dazu, dass viele Leute sich ohne Widerspruch – in der Elterngeneration vor allem – die DDR zurückwünschen, aber so, wie sie eigentlich nie gewesen ist.

Also, wer die DDR heute zurückhaben will, der muss sie so zurückkriegen, wie sie wirklich war. Dann muss man allerdings darüber reden, und dann wird man sich diesen Wunsch überlegen. Das setzt aber alles Kommunikation voraus, also, Dialog auch zwischen den Generationen, und vor allem Wissen.

Brink: Wie kann man denn Jugendliche für die DDR interessieren? Kann man das vielleicht mit einem Film machen wie "Das Leben der Anderen"?

Olbertz: Unbedingt, der Meinung bin ich absolut. Man muss raus aus der Schule auch, die DDR können Sie nicht nur theoretisch behandeln oder durch Jahreszahlen oder durch angucken von Zeitungsausschnitten über Planerfüllung, sondern sie muss auch mit lebendiger Begegnung verbunden sein. Und da gibt es ja nun, in den neuen Ländern vor allem, sehr viele Stätten, wo man sich auch mit der Alltagsgeschichte der DDR auseinandersetzen kann.

Und damit meine ich auf der einen Seite natürlich die Schattenseiten der DDR, wo es Gedenkstätten gibt, wo es eine Erinnerungskultur gibt, auch eine Mahnkultur. Auf der anderen Seite gibt es aber auch, denken wir an DDR-Design oder DDR-Alltagsgeschichte, ganz heitere Zugänge zu diesem Staat. Und wenn man ihn im Ganzen verstehen will, muss man wirklich sich auseinandersetzen, auch ein bisschen vor Ort.

Und da bietet ja nun der moderne Geschichtsunterricht jede Menge an außerschulischen Lern- und Erfahrungsorten, und das würde ich wesentlich investieren, um einerseits mit einer gewissen Leichtigkeit, aber andererseits auch konzentriert und ernsthaft sich mit Geschichte in den beiden deutschen Staaten auseinanderzusetzen und hier in den neuen Ländern natürlich, ganz wichtig, mit der DDR.

Und Sie haben vollkommen recht: Die kommt in der Geschichtsschreibung der alten Länder auch nur äußerst unzureichend vor, und so fühlen sich beide Seiten eigentlich in gar keinem Zusammenhang zueinander, was die junge Generation betrifft.

Brink: In vielen Schulklassen sitzen ja auch Schüler nichtdeutscher Herkunft. Wie begeistert man die eigentlich für das Thema? Die haben ja nun gar keinen familiären Hintergrund.

Olbertz: Ja, das ist schwierig, aber man hat natürlich einen guten Ansatzpunkt dadurch, dass ihr Lebensmittelpunkt hier in Deutschland ist und dass auch bei diesen Schülerinnen und Schülern natürlich das Interesse zu befördern und zu entfachen ist, sich mit dem Land, in dem sie leben und in dem sie ihre Zukunft planen, auseinanderzusetzen.

Und wer die Vergangenheit dieses Landes nicht versteht, der versteht natürlich auch die Gegenwart nicht und ist schon gar nicht imstande, seine Zukunft in den Blick zu nehmen. Aber das gilt eigentlich für alle jungen Leute, die letzten Endes in ihrer Gegenwart nicht die nötige Orientierung finden, wenn sie sich nicht auch mit der Vergangenheit auseinandersetzen, insbesondere mit der Vergangenheit, deren Spuren ja allenthalben noch sichtbar und lebendig sind.

Brink: Vielen Dank, Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister von Sachsen-Anhalt, und wir sprachen mit ihm über das mangelhafte DDR-Bild vieler Schüler. Immerhin halten mehr als sieben Prozent Erich Honecker für den zweiten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

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