Seit 00:05 Uhr Literatur
 
Sonntag, 29. Mai 2016MESZ00:09 Uhr

Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.11.2013

Viel Ich und ein alter nackter Mann

Eine Bilanz des Literaturwettbewerbs "Open Mike" in Berlin

Von Gerd Brendel

Publikum bei einer Veranstaltung im Rahmen des "Open Mike"-Wettbewerbs (Deutschlandradio - Janine Wergin)
Publikum bei einer Veranstaltung im Rahmen des "Open Mike"-Wettbewerbs (Deutschlandradio - Janine Wergin)

Literaturwettbewerbe gibt es viele. Wer Neues und Unverbrauchtes sucht, sollte das Literaturfestival "Open Mike" in Berlin besuchen, bei dem 20 Nachwuchsautoren lesen, die nicht älter als 35 sein dürfen und noch kein Buch veröffentlicht haben.

"Der 21. Open Mike ist eröffnet .."

Das sind sie: 20 Texte aus 700 eingesandten Manuskripten ausgewählt und vorgestellt von erfahrenen Lektoren.

20 Texte, Romankapitel, Kurzgeschichten, Lyrik, Prosagedichte – eine Viertelstunde pro Text zwei Tage lang. Buchmeterweit entfernt von pubertären Selbstfindungstexten. Immer noch sehr bei sich aber anschlussfähig an die Welt da draußen und das Publikum im Saal. Sehr viel "Ich" und "Du" und wenig "Er" und "Sie" Viel erleben die Protagonisten in den Texten nicht, aber das, was sie erleben schildern die jungen Autoren und Autorinnen in fast immer geschliffener Sprache.

"Sehr viele der Teilnehmenden kommen von Schreibschulen, das ist anders geworden seit den letzten 20 Jahren, früher gab es viel mehr rohe Literatur, weniger gelernte Literatur."

sagt Raphael Urweider am ersten Wettbewerbstag, Lyriker und Regisseur aus der Schweiz und einer der drei Juroren, die aus den 20 Texten am Ende drei Preisträgertexte wählen. Und fast schwingt Enttäuschung mit.

"Das Unbewusste der Literatur ist vielleicht etwas zurückgegangen."

Da hatten erst zwei der Preisträger gelesen. Jens Eisel und Maren Karnes. Beide "gelernte Literaten". Eisel studierte am Literaturinstitut in Leipzig, Karnes kreatives Schreiben in Hildesheim. Ihre eigenwillige Prosalyrik, in der präzise Weltbeobachtung auf originelle Innensicht trifft, überzeugte die Jury als beste Lyrikerin:

"Die Vermisstenmeldungen häufen sich."

Jens Eisels Romankapitel "Glück" ist einer der wenigen Texte in der dritten Person und fast der einzige mit einer Art Happy End.

"Samir wettete auf alles. Fast als wäre das Glück sein persönlicher Gegner."

Aber diesmal ist das Glück auf Samirs Seite, denn beim Wetten auf ein Hunderennen gewinnt der bosnische Bürgerkriegsflüchtling richtig viel Geld.

"5430, sagte die Frau am Schalter, wie wollen sie es haben?"

Die fremden Welten, die Eisel beschreibt, hat er während seiner Zeit in St. Pauli kennengelernt.

"Ich komme auf St Pauli, weil ich sehr lange bei der Diakonie auf Sankt Pauli gearbeitet hab und da Alkoholiker und Junkies betreut hab, da kommt viel Stoff her, ich hab mit Menschen die nicht viel Chancen haben, und das musste irgendwie raus."

Der dritte und eigenwilligste Preisträgertext stammt von Dimitry Gawrisch

"Der Text heißt "Schaukelgestühle ganz an Bräune". Meine Figur ist ein alter Mann, der nackt durch die Welt läuft und das war ein Versuch einer neuen Sprache mit bekannten Worten."

Gawrisch hat statt Schreiben Betriebswirtschaft gelernt. Er wurde in Kiew geboren und wuchs in Bern auf. Demnächst wird eines seiner Theaterstücke in St Gallen aufgeführt. Er lebt in Berlin. Er ist in vielen Welten unterwegs und das spürt man seiner Sprache an.

"Der nächste Preis geht an jemanden, der viel wagt, dessen Spieltrieb eine Sprache mit Leben erfüllt . Der Preis geht an Dimitry Gawrisch."

Begründete Jurorin Jenny Erpenbeck die Entscheidung: Händeschlag, Preisgeld , Gruppenfoto - aber das ist nicht alles: Die drei Preisträger werden auf Lesereise geschickt. Mindestens eine Lektorin aus dem Publikum hat Gawrisch ihre Karte zugesteckt und Eisels Buch wird demnächst in einem renommierten Verlag erscheinen und mit allen 20 Geladenen veranstaltet die Literaturwerkstatt im Winter ein Seminar rund ums Schreiben als Broterwerb. Der Open-Mike-Wettbewerb hat drei Gewinner, aber keine Verlierer.

"Ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass die Leute, die nicht gewinnen, aufhören zu schreiben."

erinnert sich die Jurorin, Schriftstellerin und ehemalige Open-Mike -Teilnehmerin Jenny Erpenbeck.

"Ich hab damals, als ich beim Open Mike war, ja auch nicht gewonnen, aber überhaupt als Schreibende wahrgenommen zu werden, das stand für mich im Vordergrund, der Eindruck eines guten Starts."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsArchitektur als sozialer Kitt
Blick in den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale Venedig 2006 (picture-alliance/ dpa / epa Keystone Kefalas)

Eine soziale Biennale, die der Architektur ihre Menschlichkeit zurückgibt - so schätzen "FAZ" und "Welt" die diesjährige Architekturbiennale ein: Neue Wohnformen sollen Flüchtlinge und Migranten nicht nur beherbergen, sondern auch integrieren. Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj