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Buchkritik | Beitrag vom 01.03.2017

Victoire Dauxerre/ Valérie Péronnet: "Size 0"Bittere Bilanz eines Ex-Topmodels

Von Tabea Grzeszyk

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Buchcover "Size 0" von Victoire Dauxerre (dpa / Piper Verlag /Combo: Deutschlandradio)
Buchcover "Size 0" von Victoire Dauxerre (dpa / Piper Verlag /Combo: Deutschlandradio)

Victoire Dauxerre wird als 17-Jährige in Paris von einem Modelscout entdeckt und macht schnell Karriere. Doch sie zahlt einen hohen Preis: Sie wird magersüchtig und entwickelt einen fatalen Selbsthass. "Size 0" ist das wütende Bekenntnis einer Überlebenden der grausamen Modeindustrie.

Victoire Dauxerre wird als 17-Jährige in Paris von einem Modelscout entdeckt. Schnell macht sie Karriere: Fashion Week in New York, Modenschauen in Mailand, Shootings am Strand von Miami. Doch um dem herrschenden Schönheitsideal der Modewelt zu entsprechen, entfaltet sich zeitgleich ein Alptraum. Victoire wird magersüchtig, bricht zusammen, schluckt eine Überdosis Tabletten.

Ihre Geschichte ist zugleich tragisch und erwartbar. Die fatale Entwicklung "junge Frau (oder Mann) + Supermodel = Magersucht" ist kein Einzelschicksal. Doch warum hungert sich ein intelligentes Mädchen fast zu Tode?

Eindringlich beschreibt Victoire Dauxerre die geschlossene Welt, die ihr Momente reinen Glücks und bodenloser Wut bescherten. Als Prinzessin bejubelt auf dem Laufsteg für Miu Miu, Alexander McQueen, Céline, degradiert zum lebendigen Kleiderbügel von Assistenten oder Fotografen. Dazwischen das stundenlange Warten auf wenige Momente des Schaulaufens vor den Designern, das bei einem Casting über eine Zusage oder das Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit entscheidet. Top oder Flop, Gewinner oder Looser, dazwischen gibt es nichts.

Modeln unterm Mindestlohn

Selbst die finanzielle Bilanz fällt nach acht Monaten als Topmodel bitter aus: Nach Abzug ihrer Reisekosten in alle Welt, der Provisionen für Modeagenturen und ihren Modelscout hat Victoire Dauxerre 1.250 Euro im Monat verdient, für deutsche Verhältnisse liegt das unter dem Mindestlohn.

Wer sich auf die sprunghafte Emotionalität dieses Tagebuchs einlässt, erfährt viel über die Logik der Modewelt. Victoire Dauxerre erzählt, dass ihr niemand gesagt habe, sie müsse abnehmen. Stattdessen hieß es, dass auf dem Laufsteg Kleidergröße 32/34 Standard sei: "Size O". Selbst wenn das bei ihrer Körpergröße von 1,78 Metern einem Gewicht von 47 Kilogramm entspricht.

Der Zwang ist verinnerlicht: Fortan isst sie am Tag nur drei Äpfel und trinkt dazu zuckerfreie Pepsi ("Kohlensäure macht satt"). Schnell entdeckt die damals 18-Jährige dann auch Abführmittel und Darmspülungen für sich.

Es ist die klassische Magersucht. Obwohl Victoire Dauxerre schon völlig abgemagert ist, hört die Stimme in ihrem Kopf nicht auf: "Wenn du isst, passt du nicht mehr in die Kleider!" Irgendwann ist da nur noch diese Stimme.

Selbstmordversuch beendet Modelkarriere

Victoire verwandelt sich in eine unerträgliche junge Frau, voller Hass auf sich selbst und auf alle, die ihre Selbstkontrolle gefährden könnten. Erst nach einem Selbstmordversuch wird sie in eine Klinik eingeliefert - ihre Modelkarriere ist damit beendet.

"Size O" ist das wütende Bekenntnis einer Überlebenden, verpackt in eine direkte Sprache, die tatsächlich diejenigen erreichen könnte, die den Traum von "Germany’s Next Top Model" und Co träumen.

Doch das vermeintliche Happy End des Buchs hinterlässt eine bittere Vorahnung: Victoire Dauxerre will Schauspielerin werden. Noch immer möchte sie die Beste sein und auserwählt werden. Das perfide Streben nach Perfektion geht weiter.

Dabei ist der Zwang zur Selbstoptimierung längst zum Standard geworden, auch außerhalb der Modebranche. Der Kampf gegen die innere Stimme hat gerade erst begonnen.

Victoire Dauxerre/ Valérie Péronnet: Size O. Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt
übersetzt von Alexandra Baisch
Piper/ München 2017
272 Seiten, 15,- Euro

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