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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.04.2012

Verrohung des Bürgertums

Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben", Blessing Verlag, München 2012, 416 Seiten

"Wir müssen leider draußen bleiben" ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der Armut in Deutschland. (picture alliance / dpa)
"Wir müssen leider draußen bleiben" ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der Armut in Deutschland. (picture alliance / dpa)

In "Wir müssen leider draußen bleiben" hat Kathrin Hartmann viele Mosaiksteine eines verschärften Klassenkampfs von oben zusammengetragen. Rasant geschrieben berichtet sie über ein Land, in dem das Mitgefühl für Arme und Arm-Gemachte verschwunden ist.

Dieses Buch ist eine grandiose Philippika, die zweite der Journalistin Kathrin Hartmann. In "Ende der Märchenstunde" (2009) hatte sie sich die "politisch korrekt konsumierende" neue Mittelschicht vorgeknöpft und enttarnt, dass die "Lohas" (Kürzel für Lifestyle of Health and Sustainability) weder zur Gesundheit noch zur Nachhaltigkeit beitragen. Im Gegenteil.

Jetzt legt sie nach. Es geht um Armut in unserer modernen Gesellschaft. Neu, wie der Untertitel sagt, ist die nicht, und sie findet auch nicht nur in Konsumgefilden statt. Aber sie hat schärfere Züge bekommen. In ein Bild gefasst: Wenn man sich Armut und Wohlstand als zwei tektonische Platten vorstellt, wirkt die Globalisierung wie eine seismische Verwerfung, die die eine Platte nach oben reißt und die andere brachial weiter nach unten presst. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist inzwischen gefährlich steil für Frieden, Demokratie und all die schönen Dinge des menschlichen Lebens auf diesem Planeten.

Fatal neu daran ist für Hartmann eine Radikalisierung der Nicht-Armen gerade in reichen Ländern wie Deutschland. Empathie für Arme und Arm-Gemachte ist im Orkus rot-grüner Arbeitsmarktliberalisierung und der "Agenda 2010" verschwunden. An ihre Stelle sind Verachtung und "Klassenkampf von oben" getreten. Öffentliches Geplapper über "Sozialschmarotzer" und deren "anstrengungslosen Wohlstand" ist so konsensfähig wie der Hohn über Super-Handys, die "solche Leute" unbedingt haben müssen. In der Tat, sie müssen: Smartphones sind oft der einzige chancengleiche Zugang zu Kommunikation, ein Internetanschluss der einzige Anschluss der Ausgeschlossenen an soziales Leben.

Hartmann trägt viele Mosaiksteine zusammen, die eine erschütternde "Verrohung des Bürgertums" zeigen, sie tragen lauter feine Namen aus der kultivierten, bildungsnahen Mitte der Gesellschaft.

Zu den Strategien der Ausgrenzung gehören aber nicht nur Stigmatisierung, Kriminalisierung und die Lüge von der "nur relativen Armut", die den 11,5 Millionen hierzulande an und unter der Armutsgrenze Lebenden auch noch die Legitimation zur Unzufriedenheit stiehlt. Ob auf Druck neuer Bewegungen - von Attac bis Occupy - oder eines inneren Anstandsrests: Globalisierungsgewinnler geben sich auch gern ein soziales Image. Da schmückt sich eine Joghurt-Firma mit einer angeblichen Beschäftigungsoffensive für arme Frauen in Bangladesh - in Wahrheit erobert sie dort den Mittelschicht-Markt. Da sonnen sich Politiker und Firmen im warmen Schein der Tafeln, die immer mehr werden und von denen sich nicht mehr nur Arme ernähren müssen - in Wahrheit sind sie der Beweis für sozialstaatliches Versagen. Und statt zur Vermeidung von Müll beizutragen, verteilen sie ihn um.

Auf 500 Seiten sprengt Kathrin Hartmann die Realität unter unseren Mythen frei, mit kühler Wut und investigativem Feinbesteck, schonungslos auch gegenüber der eigenen journalistischen Branche. Aber keine Angst - das Ganze ist luftig gesetzt und rasant geschrieben. In den USA gäbe es für so etwas einen Pulitzer-Preis.

Besprochen von Pieke Biermann

Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben - Die neue Armut in der Konsumgesellschaft
Blessing Verlag, München 2012
416 Seiten, Klappenbroschur, 18,95 Euro

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