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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.12.2011

Vergebliche Suche nach dem Zentrum

"Jochen Schanotta" am Deutschen Theater Berlin

Von Volker Trauth

Das Deutsche Theater in Berlin (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)
Das Deutsche Theater in Berlin (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)

Ein 18-Jähriger rebelliert in Georg Seidels Stück von 1985 gegen das Dauerfeuer der Reglementierungen durch seine Mutter, Lehrer und das Arbeitskollektiv. Regisseur Frank Abt strafft die Handlung, lässt über viele Szenen nur berichten.

Es ist die Geschichte eines Aussteigers, des 18-jährigen bisherigen Bestschülers Jochen Schanotta. In einem, wie er sagt, "von Draht umwickelten Land" rebelliert er gegen das Dauerfeuer von Reglementierungen – durch Mutter, Lehrer und Arbeitskollektiv. Er flieht zusammen mit seiner Freundin Klette ins Ungewisse, kehrt zurück, wird von der Schule geworfen, zur Bewährung in die Produktion geschickt und schließlich in die Armee gepresst.

Seidel wählt als dramatischen Raum den des Labyrinths, einen Raum der Stagnation, in dem sich der Held im Kreise dreht, kreuz und quer herumirrt und keinen Ausgang findet. Diesen dramatischen Raum will die Fassung des Deutschen Theaters erhalten. In der Ausweglosigkeit, in dem vom Helden empfundenen Stillstand, im vergeblichen Suchen nach dem eigenen Zentrum, in der Unveränderbarkeit der Verhältnisse und im Verlust des "Wir-Gefühls" sieht das Regieteam um Frank Abt das Bleibende, über die DDR Hinausweisende dieses Stücks.

In der neuen Fassung werden Schauplätze verlagert, Figuren gestrichen oder zusammengelegt und – das ist das Wesentliche – viele im Original noch ausgespielte Situationen nur berichtet. Lehrer Körner beispielsweise berichtet in einer Haltung von unbestimmtem Mitgefühl von einer dramatischen Sitzung des Lehrerkollektivs, vor dem der Held zunächst zu allem ja sagt, dann aber sein "Nein" herausschreit. Diese dramaturgische Operation führt jedoch zu einem Verlust an situativem Partnerspiel und an dramatischen Auseinandersetzungen.

Der Regisseur betont im Programmheft, dass er im Stück kein "Jugendstück" sieht. So ist sein Held ein Mann um die Mitte 30, die anderen sind gleichaltrig. Kein Generationskonflikt wird gezeigt, alle haben schmerzhaft erlebt wie sie zum Funktionieren nach Plan gezwungen worden sind. In seiner Inszenierung stellt eine Gruppe von gleichaltrigen Schauspielern ein selten gespieltes Stück vor. Gemeinsam wird eine Aufschrift mit Stücktitel und Autorenname an die Rückwand gepinnt, einige Texte des Helden werden auf sechs Darsteller aufgeteilt.

In der Szenenführung zielt Abt auf den jähen Bruch, das unerwartete Umschlagen der auf die Spitze getriebenen Situationen. Eben noch haben Jochen und Klette vor märchenhaftem Samtvorhang, im Tierkostüm, mit den Krönchen der Königskinder und unter Konfettiregen eine irrwitzige, von der Realität abgehobene Liebesszene gespielt, da hat sie auf einmal die Realität wieder und Jochen bekennt mit bitterer Ironie, nun doch "mitwirken" zu wollen. In den besten Momenten scheint auch die zweite Schicht eines Vorgangs auf: wenn das Arbeitskollektiv mit trockener Lakonik von einem Film erzählt, in dem nur gesoffen und geschwiegen wird, da begreifen die Erzählenden, dass die Ereignislosigkeit des Films durchaus mit ihrem monotonen Leben zu tun hat.

Andreas Döhler spielt den Jochen. Den emotionalen Dauerdruck, der in die Figur eingeschrieben ist, begegnet er mit einer bewussten Vielgestaltigkeit des darstellerischen Ausdrucks. Er verbündet sich mit einem Jugendlichen im Publikum in hemdsärmliger Vertrautheit, er provoziert den Lehrer Körner und nennt ihn einen "Gebissträger", er macht sich lustig über die sentimentalen Erinnerungen der Mutter und zum Schluss, wenn alle bittere Verstellung von ihm abgefallen ist, gesteht er Klette mit überraschender Einfachheit seine Liebe.

Das ist der zugleich entspannteste und vielseitigste Schanotta, den ich bisher gesehen habe. Durch die immer wieder angewendete Technik des Berichtens von Vorgängen gewinnen allerdings die Figuren in Schanottas Umfeld kaum Profil. Allenfalls Kathleen Morgeneyer als Klette bleibt in Erinnerung, wenn sie den Freund brutal auffordert, endlich etwas zu tun oder wenn sie mit traurigem Unterton sich selbst für schuldig erklärt, nur eine Hilfskraft geworden zu sein. Insgesamt eine Inszenierung mit Licht und Schatten, die jedoch das Interesse an diesem Stück wecken sollte.

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