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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.01.2016

Verein "Gesicht Zeigen!"No-go-Areas gibt es immer noch

Sophia Oppermann im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Teilnehmer eines Aufmarsches der rechtsextremen Gruppierung "Der dritte Weg" am 01.05.2015 in Saalfeld (Thüringen)  (picture alliance/dpa/Jens-Ulrich Koch)
Teilnehmer eines rechtsextremen Aufmarsches in Saalfeld: In manchen Gegenden sorgen Neonazis noch immer für Angst und Schrecken (picture alliance/dpa/Jens-Ulrich Koch)

Noch immer gebe es in Deutschland Gebiete, wo Menschen, die "anders aussehen", angegriffen werden, sagt Sophia Oppermann vom Verein "Gesicht zeigen!". Für Frauen hingegen habe es sogenannte No-go-Areas immer schon gegeben: "Keine Frau geht freiwillig nachts allein durch den Park".

Die Geschäftsführerin des Vereins "Gesicht Zeigen!", Sophia Oppermann, sieht in Deutschland noch immer No-go-Areas, in die man sich als Ausländer besser nicht wagt. Im Deutschlandradio Kultur sagte sie, die No-go-Areas, vor denen ihr Verein bereits von zehn Jahren gewarnt habe, gebe es heute in großen Teilen immer noch. Das seien Gegenden, in denen Menschen, die in Anführungsstrichen "anders" aussehen würden, Gefahr liefen, angegriffen zu werden. Zu den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht sagte sie, No-go-Areas für Frauen habe es in Deutschland schon immer gegeben: "Keine Frau geht freiwillig nachts allein durch den Park." Sie hoffe, dass jetzt eine Diskussion über die Frage entstehe, wie Frauen generell besser vor sexualisierter Gewalt geschützt werden könnten – egal, welche Herkunft der jeweilige Täter habe.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Es ist eine neue Debatte entbrannt, eine Debatte um den öffentlichen Raum. Das liegt zum einen daran, dass der Terrorismus sich gern Ziele dort aussucht, zum anderen aber auch an gewissen Orten, die als gefährlich gelten. Sie kennen die Diskussion nach der Silvesternacht in Köln. Und zum Dritten gibt es aber auch eine Vielzahl von Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, aber auch auf Flüchtlinge selbst. Damit verbunden ist die Frage, ob es bestimmte Orte in Deutschland gibt, die bestimmte Gruppen lieber meiden sollten. Kein neues Phänomen, wie Uwe-Karsten Heye sagte:

Uwe-Karsten Heye: Es gibt kleinere und mittlere Städte in Brandenburg und auch anderswo, wo ich keinem raten würde, der eine andere Hautfarbe hat, hinzugehen. Er würde es möglicherweise lebend nicht wieder verlassen.

von Billerbeck: Uwe-Karsten Heye sagte das 2006. Das ist also schon wieder zehn Jahre her. Der einstige Kanzleramtschef Heye war und ist das Gesicht der Aktion "Gesicht Zeigen!", mit deren Geschäftsführerin spreche ich jetzt. Schönen guten Morgen, Sophia Oppermann!

Sophia Oppermann: Schönen guten Morgen!

von Billerbeck: Zehn Jahre sind ja eine lange Zeit. Sind denn die sogenannten No-go-Areas, von denen Uwe-Karsten Heye da eben sprach, verschwunden? Hat es sie überhaupt gegeben, oder ist es komplizierter geworden?

Die No-go-Areas sind nicht auf Ostdeutschland beschränkt

Oppermann: Ich würde mal sagen, das Letztere trifft wahrscheinlich am ehesten noch zu. Die No-go-Areas, von denen Uwe-Karsten Heye damals gesprochen hat, die, würde ich so sehen, gibt es heute immer noch in großen Teilen oder in großen Gebieten. Ich würde das auch gar nicht so auf den Osten – damals ging es ja eher um den Osten – beschränken. Es gibt einfach Gegenden, wo Menschen, die, in Anführungszeichen, "anders aussehen", auch so beäugt werden und so wahrgenommen werden und Gefahr laufen, angegriffen zu werden. Wir haben im letzten Jahr 2015 die größte Anzahl an rechtsextremistischen Übergriffen auf Asylbewerberheime, auf Flüchtlinge. Der Anstieg von rechtsextremer Gewalt war noch nie so hoch wie im letzten Jahr, und das ist natürlich etwas, was uns sehr besorgt.

von Billerbeck: Der Verein "Gesicht Zeigen!" wendet sich ja gegen Rassismus und Gewalt. Heute erscheint auch das Buch "Mein Kampf gegen Rechts". Ist denn dieser Kampf komplizierter geworden? Wenn Sie sich die Pegida-Proteste mit mehreren Tausend Demonstranten ansehen, aber auch eben angesichts der massiven Übergriffe und Brandstiftungen auf Asylbewerberheime?

Oppermann: Zumindest hört der Kampf leider nicht auf, wie wir feststellen müssen. Es geht weiter, es geht sozusagen in eine neue Dimension. Pegida ist tatsächlich etwas, und auch das Erstarken der AfD ist tatsächlich etwas, was wir so vor drei, vier Jahren nicht vorausgesagt hätten, wo wir gesagt hätten, nein, das kann eigentlich in diesem Land nicht sein. Es ist aber in diesem Land so. Und wir werden diesen neuen Herausforderungen mit neuen Antworten begegnen müssen.

Aber auch da würde ich immer denken, wir brauchen die Zeit, um auch in Ruhe nachdenken zu können. Also, immer diese Schnellschüsse, das ist manchmal einfach auch ein bisschen gefährlich. Das liegt natürlich auch daran, dass sich im letzten Jahr und auch jetzt schon wieder die Ereignisse eben auch so sehr schnell ablösen. Und das bringt, glaube ich, manchmal sowohl in der Politik als auch in den Medien als auch insgesamt in der Gesellschaft so ein – wie soll ich sagen –, so eine Bewegung in Gang, die zu schnell ist. Man nimmt sich nicht mehr die Zeit, um nachzudenken und auch wirklich zu analysieren, wo sind die Probleme, und wo könnten Lösungen liegen.

von Billerbeck: Gilt das auch für all das, was wir mit dem sogenannten NSU, dem Nationalsozialistischen Untergrund verbinden, da ja im Verborgenen getötet wurde und für die Behörden und auch für die Öffentlichkeit war es ja lange irgendwie unvorstellbar, dass es da tatsächlich einen Terrorismus am rechten Rand der Gesellschaft gibt?

Für die breite Öffentlichkeit war es unvorstellbar, dass es Rechtsterrorismus gibt

Oppermann: Ja, das stimmt. Das war sehr lange unvorstellbar. Das ist auf der anderen Seite natürlich auch etwas, wo viele NGOs und viele, die in der Branche, sage ich mal, beruflich tätig sind, durchaus vor gewarnt haben. Keiner hat jetzt gesagt, es gibt einen NSU, oder so konkret, aber es wurde auf jeden Fall davor gewarnt, dass es einen Rechtsterrorismus geben könnte, und das ist von den Behörden sehr lange belächelt und ignoriert worden. Da gab es eigentlich relativ viel Zeit, um darüber nachzudenken, und da warte ich noch auf etwas bessere Ergebnisse, vor allen Dingen von den Behörden.

von Billerbeck: Nun hat sich ja aber einiges verändert, wenn wir uns den öffentlichen Raum ansehen. Da geht es ja nicht bloß um Rechtsterrorismus, da geht es auch um Fußballspiele, um Weihnachtsmärkte, um Demonstrationen. Das lässt sich ja alles nur bedingt schützen. Aber selbst, wenn nichts passiert – verändert denn die potenzielle Möglichkeit, Ziel von Anschlägen zu werden, auch unser Verhalten, unsere Gesellschaft?

Oppermann: Ach Gott, das wäre jetzt ja eine sozialpsychologische Frage ...

von Billerbeck: Ja, ich meine, im Zusammenhang mit den No-go-Areas. Dass wir quasi selbst dafür sorgen, da Räume zu lassen, wo wir nicht mehr hingehen?

Oppermann: Ich erlebe das momentan noch nicht so, muss ich ganz ehrlich sagen, weder bei mir persönlich noch in meinem persönlichen Umfeld. Und auch mit allen, mit denen ich spreche, erlebe ich das nicht so. Und ich habe auch den Eindruck, die Weihnachtsmärkte waren dieses Jahr genauso voll, wie sie das immer sind, trotz der Anschläge in Paris vorher und trotz auch dieser Panik, die so ein bisschen durch Europa, zu Recht ja auch, sozusagen gelaufen ist.

Chaos im Schatten des Doms - Silvester 2015 in Köln (dpa / picture-alliance / Markus Boehm)Das Chaos-Silvester in Köln: No-go-Area für Frauen im Schatten des Doms (dpa / picture-alliance / Markus Boehm)

Ich bin nicht sicher, was die Debatte jetzt zum Beispiel mit den Ereignissen und den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln, was das auslösen wird. Wobei man sagen muss, No-go-Areas für Frauen, die gab es nun weiß Gott schon immer. Keine Frau geht freiwillig nachts allein durch den Park. Das ist sowieso quasi immer schon für uns Frauen der Fall gewesen. Es war noch nie eine besonders große Debatte, weil das so hingenommen wird. Und vielleicht ist das jetzt auch mal der Punkt, wo man sagt, vielleicht sollten wir da alle noch mal ernsthaft darüber diskutieren und uns Gedanken machen als Gesellschaft, wie wollen wir eigentlich Frauen davor schützen, dass sie angegriffen werden, dass sie Opfer von sexualisierter Gewalt werden, und zwar egal, welcher Herkunft.

von Billerbeck: Trotzdem – dreht sich da die Diskussion, weil da jetzt eben nach Köln Menschen aus Nordafrika als Täter benannt wurden?

Die Debatte über die Kölner Silvesternacht muss sachlich geführt werden

Oppermann: Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass die Debatte einigermaßen sachlich geführt wird. Wir haben, glaube ich, allen Grund, uns wirklich Zeit und Ruhe zu nehmen, da sachlich darüber nachzudenken und auch wirklich die Probleme zu benennen, aber nicht in einer pauschalisierenden Art und Weise und nicht, indem wir in rassistische und fremdenfeindliche Vorurteile wieder zurückfallen und jetzt plötzlich mit dem Finger auf alle Männer aus Nordafrika zeigen und sagen, die haben ja offensichtlich ein Problem mit Frauen. Ich glaube, das wäre ganz fatal.

von Billerbeck: Sophia Oppermann war das, Geschäftsführerin des Vereins "Gesicht Zeigen!". Ich danke Ihnen!

Oppermann: Ich danke Ihnen! Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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