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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.02.2011

Verein: Frauen in der Chefetage behalten ihre Weiblichkeit

Der Women-on-board-Index gibt einen Überblick über Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen

Monika Schulz-Strelow im Gespräch mit Britta Bürger

Chefinnen richten sich heute nicht mehr am männlichen Verhaltenskodex aus, sagt Monika Schulz-Strelow. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Chefinnen richten sich heute nicht mehr am männlichen Verhaltenskodex aus, sagt Monika Schulz-Strelow. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, mehr Frauen in Führungspositionen zu beschäftigen, habe nichts gebracht, sagt Monika Schulz-Strehlow vom Verein "Frauen in die Aufsichtsräte", der heute den ersten Women-on-Board-Index vorgestellt hat. Nach zehn "stoischen" Jahren gebe es aber nun "eine gewisse Unruhe bei den Unternehmen" hinsichtlich des Themas.

Britta Bürger: Zur Stunde wird in Berlin eine umfassende Studie über den Anteil an Frauen in den 160 börsennotierten deutschen Unternehmen vorgestellt – ein Ranking mit Blick auf Gleichberechtigung von Männern und Frauen in den Toppositionen der Wirtschaft. Verantwortlich für diesen sogenannten Women-on-Board-Index ist der Verein Frauen in die Aufsichtsräte. Und mit dessen Präsidentin, Monika Schulz-Strelow, konnte ich vor der gerade stattfindenden Pressekonferenz sprechen. Ziel dieser Studie ist mehr Transparenz, das heißt das Sichtbarmachen von Frauen an der Spitze beziehungsweise das Dokumentieren ihrer Unsichtbarkeit. Wer steht denn in dem neuen Index an der Spitze, hat also Vorbildfunktion, und welche Unternehmen bilden das Schlusslicht?

Monika Schulz-Strelow: Frau Bürger, die Spitze ist von einem Unternehmen gestellt, das ist die GfK in Nürnberg, was allen bekannt ist als Forschungsinstitut, aber was ja eine Form einer SE hat. In dem Unternehmen sind zehn Mitglieder im Aufsichtsrat, davon drei Frauen, sechs Mitglieder im Vorstand, davon drei Frauen, und sie haben diese berühmten 40 Prozent erreicht. Also wenn wir den Blick nach Norwegen richten, wäre die GfK – Aufsichtsrat und Vorstand – ein Paradebeispiel aus dem Norweger Vergleich. Sagen wir, die letzten hundert, so ungefähr, die alle noch auf beiden Seiten eine Null haben, werden sich, glaube ich, genau angucken müssen, wie sie ihre Position verbessern, und da fallen dann schon einige gerade aus dem DAX-Bereich auf. Eines der größeren Unternehmen – ich nehme jetzt mal doch eins raus aus dem MDAX-Bereich: insgesamt 25 Personen in den Führungsgremien, 20 im Aufsichtsrat, fünf im Vorstand und keine Frau. Hier könnte Südzucker noch ganz große Schritte nach vorne machen.

Bürger: Was ist das Ziel so eines Rankings, das ja jetzt dann im "manager magazin" heute veröffentlicht wird? Kann damit der öffentliche Druck erhöht werden?

Schulz-Strelow: Das hoffen wir, weil derzeit haben wir als Maßnahmen – nach diesen letzten Wochen mit den zahlreichen unterschiedlichen Positionen zum Thema Quote oder Nichtquote –, als konkrete Maßnahme haben wir derzeit nur die Empfehlung der Deutschen Corporate-Governance-Kodex-Kommission, und darauf baut ja unser Ranking auf.

Bürger: Das ist genau was, diese Kodex-Kommission?

Schulz-Strelow: Das ist die Regierungskommission, die auch Anfang des letzten Jahrzehnts eingesetzt wurde, um die Aufsichtsratsarbeit transparenter besonders für internationale Investoren zu machen, die immer gesagt haben, die deutsche Aufsichtsratsarbeit ist ja aber doch sehr undurchsichtig. Und da hat die Kodex-Kommission, eingesetzt auch vom Justizministerium, sehr viele Empfehlungen mittlerweile erarbeitet, und die wichtigste Empfehlung für uns Frauen und besonders auch für FidAR ist die Empfehlung des letzten Jahres, aus dem Jahre 2010, wo die Kodex-Kommission vorschlägt oder vorgibt und einfordert fast, dass die Unternehmen entsprechend ihrer eigenen Größe und ihres Zuschnitts sich festlegen müssen auf eine Anzahl von Frauen, die sie in Führungspositionen bringen wollen und in die Gremien, und das wird veröffentlicht.

Bürger: FidAR haben Sie eben genannt, die Abkürzung Ihres Vereins Frauen in die Aufsichtsräte. Haben die Unternehmen eigentlich freiwillig an Ihrer Studie teilgenommen? Wie auskunftsfreudig waren die denn?

Schulz-Strelow: Unterschiedlich. Ich meine, wir haben sie alle angeschrieben, es haben nicht alle geantwortet. Ich schätze, circa zehn Prozent haben uns auch teils vermittelt, wir kriegen derzeit sehr viele Anfragen von unterschiedlichen Einrichtungen, das ist alles verständlich. Alle Informationen müssen ja eigentlich von den Unternehmen, da sie börsennotiert sind, im Internet irgendwo zu finden sein, aber wenn Sie drauf achten, was früher immer ein ganz klares Bild war, dass so der gesamte Vorstand, der gesamte Aufsichtsrat in seiner Größe auch noch mit Fotos abgebildet war, das geht heute sehr zurück. Häufig finden Sie auch bei den Personen nur noch, sagen wir A. Schulz-Strelow – nicht dass ich im Aufsichtsrat bin, aber Sie können da nicht festlegen, ist es Mann oder Frau. Also die Transparenz ist derzeit etwas rückläufig, Sie finden aber in den Geschäftsberichten und im Internet eigentlich alle Informationen, die wir zusammengetragen haben. Und dann haben wir die Informationen noch mal an die Unternehmen zurückgegeben mit der Bitte, sie zu prüfen, ob sie auch korrekt sind, und da haben natürlich sehr viel mehr geantwortet.

Bürger: Und inwieweit geht die Studie jetzt über die rein statistische Darstellung hinaus?

Schulz-Strelow: Im Grunde eigentlich nicht. Wir bewerten nicht, wir machen nur transparent, wir zeigen aber auf anhand des Index, wer an der Spitze steht, wer derzeit eben weder im Aufsichtsrat noch im Vorstand eine Frau aufweist, und ich glaube, das reicht. Wir müssen nicht dazu übergeben, Unternehmen A mit einer Anklage zu versehen oder sie zu bewerten – es gibt ja ganz viele Gründe, warum einzelne Unternehmen noch nicht so weit sind. Viele haben auch als Feedback gegeben – und das fand ich eigentlich das Wichtige –, dass sie natürlich nachdenken und planen. Und ich glaube, eine gewisse Unruhe bei den Unternehmen ist doch schon eine ganze Menge, wenn man die stoischen zehn Jahre der freiwilligen Selbstverpflichtung der Wirtschaft, die ja nichts gebracht hat, mal da gegenüberstellt. Die Unruhe ist schon sehr hilfreich.

Bürger: Nun meinen ja manche, die Frauen, die es in Aufsichtsräte schaffen, das sind eh nur verkleidete Männer – wie sehen Sie das, erkennen Sie durch die Präsenz von Frauen eine andere Art der Unternehmenskultur?

Schulz-Strelow: Ich glaube, diese Ansage der verkleideten Männer, was ja, sagen wir vor 15, 20 Jahren wirklich häufig der Fall war, dass man sich von der Kleidung, vom Verhaltenskodex sehr männlich ausgerichtet hat, das ist vorbei. Wenn Sie heute die jüngeren Frauen sehen, die in die Positionen aufsteigen, die behalten ihre Weiblichkeit, die nutzen sie auch, aber sie machen es nicht – und das ist ja dann auch ganz wichtig –, sie setzen sie nicht so ein, dass es für die Anwesenden irgendwo in irgendeiner Form auch peinlich sein kann. Es gibt ja beide Varianten. Ich glaube, dass die Frauen, die da oben sind, sind so gut auch trainiert und mittlerweile auch sich ihrer selbst bewusst, dass sie als Frau und als Führungsperson sehr gut dann ihren Mann stehen können.

Bürger: Wo sind die Frauen in den Aufsichtsräten?, das zeigt der neue Women-on-Board-Index, der zur Stunde in Berlin veröffentlicht wird Unterstützt vom Bundesfamilienministerium, hat der Verein Frauen in die Aufsichtsräte dieses Ranking erarbeitet, und mit dessen Präsidentin, Monika Schulz-Strelow, sind wir hier im Gespräch im Deutschlandradio Kultur. Nun soll dieser Index ja auch die Politik in ihren weiteren Entscheidungen unterstützen, doch die hat das Thema Frauenquote ja gerade abserviert. Das ist doch irgendwie absurd, dass das Familienministerium ihre Studie finanziell mit unterstützt hat, sich aber in den gerade getroffenen Entscheidungen nicht groß vorwärts bewegt. Sie haben eben selbst gesagt, die freiwillige Selbstverpflichtung hat nichts gebracht.

Schulz-Strelow: Was ich dem Ministerium positiv auch mal bescheinigen möchte, dass sie trotz der politischen Haltung – man muss ja auch immer gucken, es ist eine politische Haltung einer Bundesregierung oder eines Ministeriums, und es gibt natürlich auch die inhaltliche Arbeit, die das Ministerium trotzdem voranbringen muss. Und die Transparenz, die wir mit diesem WoB-Index ja schaffen, unterstützt ja eigentlich das Anliegen auch von Frau Schröder, die ja in kleineren Schritten, als wir Frauenverbände es alle wünschen und fordern, in kleineren Schritten sagt, okay, ich will mehr Transparenz, das liefern wir mit diesem WoB-Index, und wir liefern auch die Veränderung, weil wir diesen Index ja eigentlich nur drei Jahre angelegt haben. Wir haben ihn jetzt eingerichtet aufgrund der Empfehlung des letzten Jahres. Das heißt, in diesem Jahr können noch kaum Veränderungen – oder bisher Status Januar 2011 – kaum Veränderungen sein. Wenn wir im nächsten Jahr spätestens nachfragen und es wieder veröffentlichen und wieder keine Veränderungen sind, dann wird neu gezählt. Und ich glaube, dann wird auch die Politik, wenn sie bis dahin nicht selber schon Schritte eingeleitet hat, unruhiger werden, weil dann haben wir bald Wahlen und dann muss was passieren.

Bürger: Interessant ist ja, dass das "manager magazin" Ihre Studie umfangreich begleitet, das heißt, das Thema ist jetzt auch in der Wirtschaftspresse angekommen und präsent. Und auch wenn die Bilanz insgesamt alles andere als zufriedenstellend aussieht für die Frauen, beobachten Sie dennoch so etwas wie einen allgemeinen Mentalitätswechsel?

Schulz-Strelow: Der Mentalitätswechsel in den Medien ist eigentlich zu beobachten schon seit der Finanz- und Wirtschaftskrise – damals mit einer anderen Fragestellung, das kennen Sie auch noch, nun wären (Anm. d. Red.: schwer verständlich) diese Brüche mit Frauen nicht passiert – und haben dann eigentlich eine sehr sachliche Richtung eingenommen – März letzten Jahres mit dem zweiten FidAR-Forum, wo die Telekom ihre 30 Prozent Frauen in Führungspositionen ab 2015 vorgestellt hat. Ich finde, das ganze letzte Jahr, wenn Sie diese – zwar auch immer mit Wellen und wo es mal wieder ruhiger wurde –, aber wenn wir das ganze letzte Jahr und zurück blicken, haben die Medien sehr viel für das Thema getan und auch teils sehr sachlich und eben dann auch teils sehr komprimiert. Im letzten Jahr gab es ja die große Serie im "Handelsblatt", und die hatten jetzt ja wieder eine zweite Serie. Das Thema ist in den Medien gut angekommen.

Bürger: In diesem Women-on-Board-Index sollen die börsennotierten Unternehmen in Zukunft auch weiter von Ihnen erfasst und bewertet werden – wie werden Sie jetzt in den kommenden drei Jahren kontrollieren, ob sich der Frauenanteil in der Unternehmensführung tatsächlich verbessert?

Schulz-Strelow: Wir werden nicht nur einen, sagen wir einen jährlichen Blick auf die Veränderungen nehmen, sondern das tagesaktuell, so die Hauptversammlungen anstehen und die Jahresberichte raus sind und die Entsprechenserklärungen veröffentlicht werden oder auch aus den Medien dann, was wir ja gerade haben. Wir haben ja mehrere Ankündigungen von Frauen in den Vorständen, wie Frau Suckale bei der BASF, das werden wir alles festhalten und mit dem "manager magazin" uns zusammensetzen und sagen, in welchem Rhythmus lohnen sich die Veränderungen auch dann rauszubringen, zumindest online tagesaktuell natürlich, und wir werden es aber auch pressemäßig mit kleinen, sagen wir einzelnen Aktivitäten bis zum nächsten Jahr aufnehmen, damit das Thema nicht irgendwie dann doch wieder runterrutscht.

Bürger: Wie viele Frauen sitzen in den Aufsichtsräten und Vorständen börsennotierter Unternehmen? Das macht seit heute der sogenannte Women-on-Board-Index transparent. Federführend erarbeitet hat ihn der Verein Frauen in die Aufsichtsräte, und mit dessen Präsidenten Monika Schulz-Strelow habe ich vor der Sendung gesprochen.

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