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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.08.2013

Verdrängte Schuld

Mirko Bonné: "Nie mehr Nacht", Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2013, 360 Seiten

Juni 1944: US-amerikanische Truppen landen in der Normandie (AP Archiv)
Juni 1944: US-amerikanische Truppen landen in der Normandie (AP Archiv)

Ein ramponiertes Grandhotel in der Normandie ist Schauplatz der tranceartigen Handlung: Markus und sein Neffe fahren nach Frankreich und werden mit ihrem Familientrauma konfrontiert. Mit subtiler Spannung treibt der Roman einem Familiengeheimnis entgegen.

"Nie mehr Nacht", der fünfte Roman des 1965 geborenen und seit vielen Jahren in Hamburg lebenden Schriftstellers Mirko Bonné, folgt der Dramaturgie eines literarischen Roadmovie: Markus Lee, ein unverheirateter Mann Mitte 40, fährt in den Herbstferien mit Jesse, seinem fünfzehnjährigen Neffen, in einem alten Mercedes von Hamburg an die Normandieküste. Er hat den Auftrag, für ein Kunstmagazin die bekanntesten jener Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Jahr 1944 von entscheidender militärischer Bedeutung waren.

Seinen Neffen nimmt er mit, weil dieser die Familie seines besten Schulfreundes in Nordfrankreich besuchen will. Der Vater dieser Familie ist Vogelbeobachter. Mit seiner Frau, dem Sohn und zwei halbwüchsigen Töchtern hütet er leerstehende Hotels, die sich als Stützpunkt seiner Vogelexpeditionen eignen

L´Angleterre ist der Name des ramponierten Grandhotels, in dem Onkel und Neffe nach ihrer langen Autofahrt mitten in der Nacht ankommen. Dieses Hotel wird zum zentralen Ort der Romanhandlung. Ein Ort, von dem eine melancholische, tranceartige Atmosphäre ausgeht. Ein Ort, der das Roadmovie unversehens in eine literarisch so elegante wie intensive Elegie überführt. Denn die beiden Reisenden Markus und Jesse, die bei der intakten, fröhlichen Familie im L´Angleterre unterschlüpfen, sind auf der Flucht vor einem Familientrauma.

Einige Monate zuvor hat sich Jesses Mutter, die von Markus über alle Maßen geliebte Schwester Ina, umgebracht. Sie tötete sich in der Garage ihres Hauses mit Autoabgasen. Im unaufdringlich geknüpften Motivnetz des Romans verbindet sich dieser Tod mit dem Tod, den die Soldaten der alliierten Invasionstruppen 1944 erlitten, die ihren von deutschen Truppen beschossenen Panzern bei der Landung an der Normandieküste nicht mehr entkamen und erstickten. Viele von ihnen waren kaum älter als der pubertierende Jesse.

Je intensiver sich Markus mit der historischen Vergangenheit, den dramatischen Ereignissen des D-Days beschäftigt, desto unmöglicher wird es ihm, seinen Auftrag auszuführen und die Brücken zu zeichnen. Er kehrt nicht wie geplant nach einer Woche nach Hamburg zurück. Er verschanzt sich über Monate hin in dem leeren Hotel wie in einer Zeitkapsel. Mit subtiler und suggestiver Spannung und in langsamen Erzählbewegungen treibt der Roman dem Geheimnis hinter allen Geheimnissen entgegen, dem Glutkern des Familientraumas, um es erst am Schluss des Romans diskret am zu lüften: Markus und Ina, Bruder und Schwester, waren nicht nur ein sehr eng verbundenes Geschwisterpaar. Sie waren auch von Jugend an ein inzestuöses Paar.

Der vaterlos aufgewachsene Jesse könnte sogar, mutmaßt und fürchtet Markus, sein eigener Sohn sein.Was selten in einem Roman auf so souveräne Weise gelingt, gelingt Mirko Bonné: Die poetische Engführung einer menschlichen mit einer geschichtlichen Tragödie. In beiden Fällen erweist sich der Autor als behutsamer, leiser Entdecker von verdrängter Schuld und vergessenen Opfern.

Besprochen von Ursula März


Mirko Bonné: Nie mehr Nacht. Roman
Schöffling Verlag, Frankfurt a.M. 2013
360 Seiten, 19,95 Euro

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