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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 27.09.2012

Verbaler Angriff auf den Holocaust

Vor 70 Jahren klagte Thomas Mann in der BBC die systematische Vernichtung der Juden an

Von Cornelie Üding

Nur wenige der über 50 Reden von Thomas Mann sind erhalten, die zwischen März 1941 und Mai 1945 von der BBC London ausgestrahlt wurden.
Nur wenige der über 50 Reden von Thomas Mann sind erhalten, die zwischen März 1941 und Mai 1945 von der BBC London ausgestrahlt wurden. (AP)

Die Wannsee-Konferenz im Januar 1942 setzte die Todesmaschinerie von Auschwitz in Gang. Thomas Mann reagierte auf den Terror der Nazis mit einer am 27. September 1942 von der BBC ausgestrahlten Rundfunkrede. Er klagte an, nannte Zahlen, stellte bohrende Fragen.

Im Januar 1942 war in Berlin auf der Wannsee-Konferenz die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen worden. Am 27. September 1942 klagte Thomas Mann in seiner von der BBC ausgestrahlten Rundfunkrede den Terror der Nazis an.

Es war ein verbaler Attentatsversuch gegen ein Regime der "Killer".

"Nach den Informationen der polnischen Exil-Regierung sind alles in allem bereits 700.000 Juden von der Gestapo ermordet oder zu Tode gequält worden [...] Wisst Ihr Deutschen das? Und wie findet ihr es?"

Thomas Manns Rundfunkrede vom 27. September 1942 an die "Deutschen Hörer" ist die Reaktion auf Goebbels Ankündigung, "ob Deutschland siegt oder unterliegt, die Juden werden ausgemerzt". Hier nimmt Thomas Mann kein Blatt vor den Mund, nennt Zahlen und stellt bohrende Fragen. So konkret wie in dieser wohl gewichtigsten seiner Reden sprach er selten über die systematische Vernichtung der Juden. Gleichwohl war er über Presse-Agenturen und seine Tochter Erika im kalifornischen Exil gut informiert. Als Tondokumente sind nur wenige der über 50 Reden erhalten, die zwischen März 1941 und Mai 1945 monatlich von der BBC London ausgestrahlt wurden. Was die Wirkung dieser Reden auf seine "Deutschen Hörer" betrifft, so weiß man wenig, denn in Nazi-Deutschland wurden sogenannte Rundfunkverbrechen mit hohen Strafen geahndet.

"Was sind das für Menschen, für Ungeheuer, die des Mordens nie satt werden, denen jedes Elend, das sie den Juden zufügten, immer nur ein Anreiz war, sie in noch ... erbarmungsloseres Elend zu stürzen?"

Auch in dieser vom Freien Deutschen Kulturbund in Großbritannien unter dem zweischneidigen Titel "Judenterror" veröffentlichten BBC-Rede sprach Thomas Mann wie meist im Gestus eines zürnenden Propheten auf das Volk ein, das er nicht mehr als sein Volk ansah.

" ...diejenige Vorstellung, die der Nazi von Europa als Ganzem hat, wie er davon denkt, wie er es achtet und liebt, geht aus der Antwort hervor, die ein deutscher Generalstabsoffizier dem mexikanischen Militärattaché in Berlin auf die Frage gab, was denn die Nazis tun würden, um das Problem der Revolte und des Hungers in Europa zu lösen. ‚Ganz Europa mag verhungern', sagte der Deutsche, 'wenn nur unsere Wehrmacht ausreichend versorgt ist. Wir sind entschlossen, eher die gesamte Zivilbevölkerung auszurotten als zu kapitulieren.'"

Die Deutschen aus ihrer Hörigkeitsstarre, Beklommenheit und Todesangst herauszureißen – dieses hochgesteckte Ziel musste Thomas Mann verfehlen. Der richtige Zeitpunkt dazu war verpasst, was er vielleicht schon früher geahnt haben mag, allem Zweckoptimismus zum Trotz. Zugute hält er sich in seiner Rede vom November 1941

"... dass ich euch warnte, als es noch nicht zu spät war, vor den verworfenen Mächten, in deren Joch ihr heute hilflos geschirrt seid, und die euch durch tausend Untaten in ein unvorstellbares Verderben führen,[ ...] während die Mehrzahl von Euch in heut gewiss schon für euch selbst unfassbarer Verblendung sie für die Bringer von Ordnung, Schönheit und nationaler Würde hielt."

Die Todesmaschinerie Auschwitz, die nach der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 auf vollen Touren lief, konnten auch er und seine Reden nicht aufhalten. Inge Jens, die Herausgeberin von Thomas Manns Tagebüchern, hat, was die Wirkung der Reden angeht, Zweifel:

"Es ist alles unbestritten, was er sagt, nur die Art und Weise, in der er es uns, den Deutschen, nahezubringen sucht, halte ich über weite Strecken einfach für obsolet. Zum Schluss wird er konkret und informiert. Und das ist genau das, was wir gebraucht hätten. Nicht erst irgendwelche moralischen Wertungen von Vorgängen, die eigentlich noch niemand weiß. Ich glaube, dass das Hauptproblem die Unaufgeklärtheit war. Das Angewiesensein auf Gerüchte ... Wenn er von vornherein einen Ansatz gehabt hätte ... Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen Fakten zu sagen, die Ihnen unterschlagen werden ... Er wäre glaubwürdiger gewesen. Ich glaube, dass dieses eine Ansprache für Gleichgesinnte war."

Thomas Manns Reden an die "Deutschen Hörer" sind historische Dokumente der Ohnmacht, sein hilfloser Versuch, etwas gegen das Unfassbare zu setzen. Sie haben vor allem eines: symbolische Kraft. Sind verbale Attentatsversuche gegen ein Regime der "Killer". Und das ist nicht gering zu veranschlagen in Anbetracht von Millionen von Schweigenden.

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