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Zeitfragen | Beitrag vom 07.12.2016

VEB Robotron Der letzte DDR-Computer

Von Henry Bernhard

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Robotron Computer vom Typ PC 1715  (picture alliance/dpa/Foto: Wolfgang Eilmes)
Eine junge Frau sitzt am 02.12.1989 vor dem in der DDR hergestellten Robotron Computer vom Typ PC 1715. (picture alliance/dpa/Foto: Wolfgang Eilmes)

Fast 14.000 Menschen haben noch 1989 im größten ostdeutschen Werk für Computer, Drucker und Büromaschinen gearbeitet. Delegationen gaben sich bei Robotron in Sömmerda die Klinke in die Hand. Vor 25 Jahren wurde der letzte DDR-Computer PC 1715 in Thüringen produziert.

"Das ist der letzte PC gewesen! Den hatten wir damals extra schwarz, mit schwarzer Verkleidung produziert. Das war ja damals was Besonderes."

Sigmar Radestock führt durch die Ausstellung  historischer Computer. Massive Gehäuse, die ersten noch aus Blech, viele aus vergilbtem hellen Plastik. Einer ganz in schwarz. Die Besonderheit in der Sömmerdaer Ausstellung: Die meisten Geräte laufen noch, starten, greifen lautstark auf die Disketten zu. 3½", 5¼", 8"… Vertraute Geräusche für den, der noch vor der Zeit der USB-Sticks aufgewachsen ist.

"Ich meine, zwischenzeitlich sind die meisten PCs, wenn es noch Desktop-PCs gibt, mit schwarzem Gehäuse, aber damals war das schon ein Zeichen der Trauer, dass das Werk schließen musste und auch die PC-Produktion zum 5. Dezember eingestellt wurde."

Treuhandanstalt wollte eine schnelle Lösung

Radestock war damals, vor 25 Jahren, Chef der Entwicklungsabteilung bei Robotron in Sömmerda. Es waren stürmische Zeiten. Fast 14.000 Menschen haben noch 1989 im größten ostdeutschen Werk für Computer, Drucker und Büromaschinen gearbeitet. Zwei Jahre später waren es schon 4.000 weniger. Aber alle Bemühungen, gesundzuschrumpfen, scheiterten schließlich. Die Kunden im Ostblock wollten oder konnten nicht mit den seit der deutschen Währungsunion 1990 geforderten Devisen zahlen. Die Treuhandanstalt wollte eine schnelle Lösung und beschloss im September 1991 die Liquidation zum Jahresende. Neun Wochen später lief der letzte PC, der schwarze "soemtrom286" vom Band.

"Ich war damals als Verantwortlicher mit am Band, und ich kann auch die Atmosphäre noch nachvollziehen, die herrschte. Ein Großteil der Mitarbeiter stand ja im Prinzip vor den leeren Bändern, bzw. in den leeren Hallen, und waren mit den Sorgen, ´Wie geht es weiter?`, ´Was bringt die Zukunft?` und, ´Wie kann ich meine Zukunft gestalten?. Das war schon eine schwere Last."

20.000 PC 1715 pro Jahr

Der letzte PC, der soemstrom 286, aber war gar nicht der, für den die Sömmerdaer berühmt geworden waren. Der legendäre PC 1715 war es, der erste PC im Osten, der massenhaft hergestellt wurde – für Industrie und Verwaltung. Fast handstreichartig wurde 1986 der Parteibeschluss verkündet, nicht 10.000, sondern 20.000 PC 1715 pro Jahr herzustellen, um die DDR-Wirtschaft zu modernisieren. Die Firmenhistorikerin Annegret Schüle hat mit dem Ingenieur gesprochen, der damals das verdoppelte Produktionsziel verkünden musste.

"Und der hat dann gesagt, er habe das blanke Entsetzen im Gesicht seiner Kollegen gesehen, als er diese Zahl verkündet hat. Und dann wurde die ganze Zulieferindustrie mobilisiert, alles wurde auf dieses Ziel ausgerichtet, und dann hat man es geschafft."

Die Delegationen aus Berlin gaben sich die Klinke in die Hand. Im Frühjahr 1986 kam sogar der SED-Generalsekretär Erich Honecker.

"Deshalb sieht auch die ganze Republik auf das, was hier im Bezirk Erfurt als einem Zentrum der Mikroelektronik und speziell im Büromaschinenwerk ´Ernst Thälmann` Sömmerda geleistet wird."

150.000 PC 1715 bauten sie bis zum Stopp in Sömmerda – ein Kraftakt, der aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass der technologische Abstand zum Westen immer größer wurde.

Sigmar Radestock: "Fünf bis acht Jahre! Also, man muss ja so sehen: Die Spanne hat sich ja zum Ende der DDR hin quasi vergrößert, weil die Geschwindigkeit, mit der die Mikroelektronik ihren Siegeszug vollzogen hat – mit dem in der ganzen Breite konnte das sozialistische Wirtschaftssystem nicht standhalten."

Annegret Schüle: "Hut ab vor der Ingenieurskunst in der DDR! Und das Interessante war ja dann, dass es zwar viele Computer in der DDR gab, aber es gab nicht genug Drucker. Und deswegen hielt dann mancher Computer doch seinen Dornröschenschlaf bei dem Kunden."

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