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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.12.2009

Vater der amerikanischen Poesie

Walt Whitman: "Grasblätter", Hanser Verlag, München 2009, 877 Seiten

Der amerikanische Schriftsteller Walt Whitman auf einem undatierten Foto. (AP)
Der amerikanische Schriftsteller Walt Whitman auf einem undatierten Foto. (AP)

Die letzte von Walt Whitman autorisierte Ausgabe seines Bandes "Grasblätter" von 1891/92 ist nun erstmals vollständig ins Deutsche übertragen. Whitmans Gedichte feiern das Leben und die Jahreszeiten genauso wie die Industrialisierung und die neuen Werkzeuge.

Auf einem berühmten Foto sieht man ihn, langhaarig, langbärtig und ergraut, auf einem fellüberzogenen Sessel sitzen – wie ein früher Hippie. Sein großer Gedichtband, an dem er zeit seines Lebens schrieb, ihn ständig umgestaltete und erweiterte, heißt "Leaves of Grass".

Im Deutschen wurde das lange, von der ersten Übersetzung des deutschen Freiheitsdichters Ferdinand Freiligrath 1868 angefangen, mit "Grashalme" übersetzt. In der neuen Übersetzung von Jürgen Brocan, der als Erster das vollständige Buch, in der letzten autorisierten Ausgabe von 1891 - 92, ins Deutsche gebracht hat, heißt der Titel "Grasblätter" – und hier zeigt sich schon die Besonderheit dieses Lyrikers und seines deutschen Übersetzers ganz prägnant: Es geht nicht nur um die Natur, sondern auch um die menschlichen Fähigkeiten und die menschliche Bearbeitung der Natur. Whitmans Titel bezieht sich auch auf die Druckersprache: "leaves" meint hier "Papier", "grass" eine experimentell gesetzte Seite.

Whitman ist programmatisch ein demokratischer Dichter, er ist in vielerlei Hinsicht der erste Poet der modernen Demokratie, der Massendemokratie. Zeilen wie die folgenden wirkten auch in den USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts provozierend, im alten Europa aber geradezu elektrisierend: "Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson. / Doch spreche das Wort demokratisch, das Wort en-masse."

Es ist eine Feier des Alltäglichen, eine Feier aller Erscheinungen des menschlichen Lebens, ohne hierarchische oder soziale Unterschiede. Es geht um Jahreszeiten und das Wetter genauso wie um die Industrialisierung, die Mechanik und die neuen Werkzeuge und Instrumente. In Whitmans freien Rhythmen tauchen plötzlich auch Wörter wie "Wissenschaft" oder "Evolution" auf – er besingt alles. Es ist fast so, als ob die Sprache der Lyrik, der in der europäischen Tradition eine pathetische, hoch aufgeladene, künstlerische Ausdrucksweise zu eigen war, die sich von der Sprache des Alltags immer weiter entfernte, hier neu erfunden werden würde.

Whitman schreibt verglichen mit der Kunst des europäischen Bürgertums fast schlicht, einfach, unprätentiös. Seine Sprache ist nicht elitär, sondern – demokratisch. William Carlos Williams, sein großer Nachfahre im 20. Jahrhundert, sagte rückblickend von den "Grasblättern": "Sie forderten das gesamte Konzept der poetischen Idee heraus, von einem neuen Standpunkt, einem rebellischen Standpunkt, einem amerikanischen Standpunkt."

Besprochen von Helmut Böttiger

Walt Whitman: Grasblätter.
Erstmals aus dem amerikanischen Englisch vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brocan.
Hanser Verlag, München 2009, 877 Seiten, 39,90 Euro

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