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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.08.2014

US-ArmeeDeutscher kommandiert US-Soldaten

Klaus Naumann, General a. D.: Geste des Vertrauens

Moderation: Nana Brink

Brigadegeneral Markus Laubenthal rückt erstmals als ein deutscher General in eine herausragende Führungsposition bei den US-Streitkräften auf. Er wird seinen Dienst als Stabschef des US-Heeres in Europa (USAREUR) am 4. August 2014 in Wiesbaden antreten. (picture alliance / dpa / www.Deutsches Heer.de)
Brigadegeneral Markus Laubenthal rückt erstmals als ein deutscher General in eine herausragende Führungsposition bei den US-Streitkräften auf. (picture alliance / dpa / www.Deutsches Heer.de)

37.000 US-Soldaten hören ab heute auf den Deutschen Markus Laubenthal. Er tritt seinen Dienst als Stabschef der US-Streitkräfte in Europa an. Laut Klaus Nauman, General a.D., ist das nach dem "tölpelhaften Verhalten" der NSA der richtige Schritt.

Nana Brink: Bislang hatte man ja nicht den Eindruck, die Amerikaner wären ernstlich daran interessiert, das durch die NSA-Affäre gestörte Verhältnis zu ihrem wichtigsten Verbündeten in Europa – also zu uns Deutschen –, wie sie immer betonen, wirklich zu verbessern. Und viele Amerika-Freunde in Deutschland sind ein wenig verzweifelt ob der Ignoranz der Weltmacht, überhaupt auch nur zur Kenntnis zu nehmen, welche Wellen die NSA-Sammel- und Ausspähaktionen hier angerichtet haben. Umso überraschender jetzt diese Nachricht: Heute tritt der deutsche Brigadegeneral Markus Laubenthal seinen Dienst als Stabschef des US-Heeres in Europa an. Ja, zum ersten Mal rückt ein Deutscher in eine Kommandozentrale der US-Streitkräfte! Eine kleine Sensation! Warum, das erklärt uns jetzt Klaus Naumann, ehemals Generalinspekteur der Bundeswehr und bis 1999 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Einen schönen guten Morgen, Herr Naumann!

Klaus Naumann: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Warum machen die Amerikaner das jetzt?

Naumann: Das drückt sicherlich aus, dass sie unverändert großes Vertrauen in die deutschen Streitkräfte haben und dass sie die Zusammenarbeit mit den Deutschen, die ja in Afghanistan wirklich sehr gut gefestigt worden ist, weiter ausbauen und pflegen wollen. Wir sind der wichtigste Verbündete in Europa, Sie haben das eben in der Anmoderation gesagt, und viele Amerikaner wissen natürlich auch, dass durch das tölpelhafte Verhalten der NSA viel Porzellan zerschlagen worden ist und Vertrauen beschädigt worden ist. Natürlich, dieser Austausch war vorher vereinbart, aber es ist doch eine Geste, die zeigt, wir wollen weiterhin zusammenhalten, und in den Streitkräften war das auch immer so, deswegen schließe ich meinen ersten Satz damit ab, dass ich sage: General Laubenthal, herzlichen Glückwunsch, alles Gute und viel Glück in der neuen Aufgabe!

Brink: Aber es ist ja nicht irgendeine Position. Sie sagten, es war schon vorher verabredet, das wusste man, aber ganz Genaues wusste man nicht. Immerhin ist er jetzt Stabschef und dann zuständig für 37.000 US-Soldaten!

Naumann: Ja, das ist schon ein Ausdruck eines sehr großen Vertrauens. Und wie Sie völlig richtig sagen, Chef des Stabes ist eine Schlüsselposition in einer militärischen Kommandobehörde, dort läuft alles durch. Und das zeigt, dass man mit den Deutschen ganz eng zusammenarbeiten will. Und für uns ist es auch gut, denn wir dürfen ja eins nicht vergessen: Die Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika sind die einzige Streitmacht dieser Welt, die in allen fünf Dimensionen moderner militärischer Operationen – Land, Luft, See und dann auch Weltraum und Cyberspace – operieren kann. Und davon können wir auch nur lernen.

Brink: Da will ich gleich mal einhaken: Wie muss ich mir denn diese Arbeit praktisch vorstellen? Hat dann ein deutscher General wirklich Einblick in amerikanische Strategien? Das wäre doch sehr ungewöhnlich!

Naumann: Es gibt sicherlich in einer solchen internationalen Behörde auch bestimmte Bereiche, die für ausländische Augen nicht zugelassen sind. Da hat man die schöne Abkürzung NOFORN, no foreigners. Das ist eine Geheimhaltungsstufe, die in den Vereinigten Staaten üblich ist, da kann er nicht reingucken. Aber alles, was an operativen Konzepten für diese 37.000 US-Soldaten in Europa gedacht wird, das wird er sehen und da hat er Zugriff. Das muss er auch koordinieren und leiten. Von daher gesehen ist das eine Schlüsselposition.

Auch Deutschland profitiert von der Ernennung Laubenthals

Brink: Ich drehe es jetzt mal um und sage: Ja, haben die Amerikaner vielleicht Glück gehabt, dass sie einen deutschen General kriegen, der das vielleicht kann, aber was haben denn wir davon?

Naumann: Wir profitieren sicherlich auch davon. Denn wir haben einmal Einblick in das, was in den Streitkräften der Vereinigten Staaten gedacht wird, und ich wiederhole noch mal, das sind die Einzigen, die in allen fünf Dimensionen moderner Kriegführung denken und die konzeptionell dort eben doch an der Spitze stehen, keine andere Armee der Welt kann das auch nur vergleichsweise. Davon lernen wir auch und das können wir auf uns übertragen und können damit auch letztlich Anstöße für die eigene Weiterentwicklung gewinnen.

Brink: Der US-Kommandeur, also der Kommandeur eben jener 37.000 amerikanischen Streitkräfte, die in Europa stationiert sind, hat gesagt, das sei ein kühner, großer Schritt, also einer mit Signalwirkung. Geben die Amerikaner damit zu, dass sie Fehler gemacht haben, die sie nun kitten wollen?

Naumann: Ich glaube, Sie müssen wirklich unterscheiden zwischen dem, was zwischen den Soldaten und der Politik insgesamt gelaufen ist. Zwischen den Streitkräften gab es immer ein enges und vertrauensvolles Verhältnis.

Brink: Aber trotzdem kommt ja diese Position jetzt und nicht vor zehn oder fünf Jahren.

Naumann: Ja, ich glaube, es ist sicherlich auch ein Ausdruck des Unbehagens, das ja auch viele Amerikaner empfinden. Ich bin immer noch in Kontakt mit durchaus namhaften amerikanischen Freunden und die sind alle nicht sehr glücklich über das, was da geschehen ist, und die sehen auch alle, dass hier – lassen Sie es mich mal locker sagen – Mist gemacht worden ist, der viel Vertrauen zerstört hat. Von daher gesehen ist das sicherlich auch ein Schritt zur richtigen Zeit, ein kleiner, insgesamt aber durchaus nicht ausreichender Schritt, aber für die Soldaten doch sehr wichtig.

Unbehagen bei vielen Amerikanern über NSA-Affäre

Brink: Was sagen denn die Kontakte, die Sie nach Amerika haben, die Sie gerade angesprochen haben, ist denn da eine Art von Einsicht eingekehrt, dass man sozusagen hier großen Schaden angerichtet hat, auch Schaden in der deutsch-amerikanischen Freundschaft?

Naumann: Diese Einsicht ist durchaus da. Und die Amerikaner, mit denen ich in Kontakt bin, die sind bedrückt und wirklich traurig über das, was geschehen ist. Der vielleicht Bekannteste unter meinen amerikanischen Freunden ist Fritz Stern, der vor Kurzem in der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview gegeben hat und sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hat, wie tief er enttäuscht ist.

Brink: Das amerikanische Verhältnis in militärischen Stärken, das haben Sie jetzt betont. Macht das auch Sinn im Hinblick auf den Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan, wo ja die Deutschen sozusagen sich an die Amerikaner dranhängen?

Naumann: Es macht sicher sehr viel Sinn, denn der Abzug aus Afghanistan ist eine beträchtliche Herausforderung. Und wir sind da sicherlich gut beraten, wenn wir ganz, ganz eng mit den Amerikanern zusammenarbeiten, wir können das gemeinsam um Vieles einfacher bewältigen. Und von daher gesehen ist auch das ein Schritt, der wirklich zu begrüßen ist.

Brink: Muss der deutsche Brigadegeneral Markus Laubenthal damit rechnen, dass sein Handy abgehört wird?

Naumann: Ich denke, nein.

Brink: John Kerry ist es ja in Israel jetzt auch passiert!

Naumann: Ja, gut, solche Dinge hat es immer gegeben, das kenne ich aus der Zeit, in der ich noch aktiv war, dass es hier Abhörversuche gegeben hat ...

Brink: Ach, auch bei Ihnen?

Naumann: Handys gab es ja damals noch nicht, aber die Telefonleitungen im NATO-Hauptquartier waren sicherlich nicht frei von Abhöraktionen der verschiedensten Leute. Was bei uns natürlich immer untergeht: Die größten Sportsfreunde, die ich im Abhören erlebt habe, die hießen Russen, und heutzutage sind sicher auch die Chinesen gar nicht so ganz schlecht. Aber das alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass man Freunde nicht so behandelt, wie amerikanische Geheimdienste Deutsche behandelt haben.

Brink: Klaus Naumann, ehemals Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Schönen Dank, Herr Naumann, für das Gespräch!

Naumann: Bitte sehr, Frau Brink!

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