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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 25.05.2013

Unter Windbeuteln

Foodwatch und die fragwürdige Kür der dreistesten Werbelüge

Von Udo Pollmer

Der "Goldene Windbeutel" von Foodwatch (dpa / pa / Erichsen)
Der "Goldene Windbeutel" von Foodwatch (dpa / pa / Erichsen)

In einer Online-Wahl haben die Verbraucherschützer von Foodwatch den Negativpreis Goldener Windbeutel verliehen. Klarer Sieger wurde eine zuckerhaltige Limo für Kinder. Udo Pollmer meint: Die Aktion war eine Abstimmung für Nörgler, Heuchler und Wichtigtuer.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch ließ kürzlich über die "dreisteste Werbemasche" abstimmen. Auf der Homepage des Vereins konnten die Internet-Besucher zwischen fünf Kinderprodukten wählen. Wahlsieger wurde ein Soft Drink mit Orangengeschmack – als Preis gab es unter großem Medienecho den "Goldenen Windbeutel". Aus Sicht von Foodwatch waren das besonders Dreiste an dem Getränk die sechseinhalb Stück Würfelzucker pro Packung – und dann sponsort die Firma auch noch Sportevents, um die Kinder, wie Foodwatch schreibt, "anzufixen". Foodwatch forderte deshalb den Hersteller auf, alle Werbeaktivitäten zu stoppen, die sich an Kinder richten würden.

Kinder lieben bekanntlich Süßes – diese Vorliebe ist angeboren. Je schlanker die Kids, desto größer ihr Verlangen nach Süßem. Der Grund dafür ist naheliegend: Die meiste Energie braucht der Mensch, um seine Körpertemperatur zu halten. Kinder haben einen geringeren Querschnitt. Sie kühlen dadurch viel schneller aus. Deshalb nimmt der Hang nach einem schnellen Energieträger mit der Schlankheit zu. Dickere Kinder sind besser isoliert und konsumieren im Schnitt weniger Süßes. Der erste, dem dies schon vor zwei Jahrzehnten auffiel, war übrigens Professor Volker Pudel, der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Wirklich brisant wäre die Limo, wenn sie statt Zucker Süßstoffe enthielte – die sind erkennbar das größere Problem in Kindergetränken. Süßstoffe fördern bekanntlich eine Gewichtszunahme und auf ihnen lastet der schwere Verdacht, Diabetes auszulösen. Zucker ist übrigens teurer als die kalorienfreien Chemiecocktails. Inzwischen werden so viele Süßstoffe konsumiert, dass sie unsere Gewässer bereits stärker belasten als Pestizide. Unter ökologischen Aspekten ist ein Zuckerzusatz sogar löblich.

Bei den vermeintlich gesunden Fruchtsäften regt sich keiner auf

Aus Sicht von Foodwatch wäre Obst für die Kinder die bessere Speise. Der Verein beklagt, der Werbeetat für Obst und Gemüse betrage mit gut sieben Millionen Euro nur ein Hundertstel des Etats für Süßwaren, Eiscreme und Schokolade. Der Vergleich stimmt so nicht: Allein für die sogenannte Schulobstaktion werden von der EU jährlich 90 Millionen Euro ausgegeben. Dazu kommen reichlich Steuergelder für die 5-am-Tag Kampagne und sonstiger Esst-mehr-Obst-Aktivitäten. Warum sollte die Branche da noch eigenes Geld hinterherwerfen?

Schau‘n wir uns doch mal die vorbildlichen Fruchtsäfte an: Wenn die Zuckerwürfel bei Kinderlimos als Maßstab dienen, dann gilt das auch für andere Getränke. Während die gebeutelte Orangenlimo 6,5 Stück Würfelzucker auf 0,2 Liter bietet, ergibt der Gesamtzucker in Multivitaminsäften schon 10 Würfel. Noch mehr bietet der "gesunde" Traubensaft. Da ist in manchen Produkten sogar doppelt so viel drin wie in den geschmähten Erfrischungsgetränken. Aber da regt sich keiner auf – denn die WählerInnen trinken das klebrige Zeug ja selbst. Da geben vor allem die Hageren ihrem Affen Zucker – und das gleich volle Lotte. Das Ganze war wohl eher eine Abstimmung für Nörgler, Heuchler und Wichtigtuer.

Kann es Zufall sein, wenn sich Foodwatch nicht etwa "schlechte" Produkte herausgreift, sondern fünf beliebte, umsatzstarke Markenartikel zur Wahl stellte? Hier geht’s richtig ums Geld. Billige Handelsmarken und No-Name-Produkte sind weniger geeignet, denn mit den Handelskonzernen legt man sich lieber nicht an. Die sind viel mächtiger als Nestle oder der windgebeutelte Limoabfüller. Die Markenartikler können sich nun überlegen, ob hier nicht großzügige Spenden an den Verein Abhilfe schaffen. Schließlich müssen auch unsere Schutz-Organisationen Umsatz erwirtschaften wie Spielhallen oder Abmahnvereine auch. Schutz kostet Geld.

Was dürfen Kinder essen und trinken? Kann diese Frage Gegenstand eines öffentlichen Scherbengerichts sein, das potenziellen Zahlern galt, aber letztlich die Kinder trifft? Wer legitimiert diese angeblichen 200.000 Wähler unter 80 Millionen Mitbürgern? Da möchte ich doch Foodwatch am liebsten eine zerbrochene Urne für den dreistesten Wahlbetrug verleihen. Mahlzeit!

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