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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2010

Ungewollte Erinnerungen

Die Romanverfilmung "Small World" mit Gérard Depardieu

Von Jörg Taszman

Das Leben des 60-jährigen Konrad Lang ist auf symbiotische Weise mit der Industriellenfamilie Senn verwoben. Doch Konrad leidet an Alzheimer, und während er die alltäglichen Sachen vergisst, erinnert er sich um so besser an Ereignisse aus früherer Kindheit. Das macht Clanchefin Elvira zunehmend nervös. Der französische Regisseur Bruno Chiche hat den Bestsellerroman von Martin Suter jetzt mit Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara in den Hauptrollen verfilmt.

Eigentlich will es sich der leicht vergessliche Konrad nur gemütlich machen im Haus der Industriellenfamilie Senn. Kurz darauf geht es in Flammen auf. Später platzt Konrad mitten in ein Familienfest und wird von der Patriarchin Elvira Senn aufgenommen. Als Kind war er einst der beste Freund ihres Sohnes Thomas gewesen. "Small World" ist im Roman von Martin Suter zunächst ein Buch über die Krankheit Alzheimer, die Konrad befallen hat. Regisseur Bruno Chiche hat sich jedoch weniger für die medizinischen Aspekte dieser Krankheit interessiert.

Bruno Chiche: "Die Krankheit Alzheimer hat in unserem Film zwei Funktionen. Ich mochte den Roman von Martin Sutter sehr. Er hat mich wirklich tief berührt. Und das Buch hat für mich auch etwas Kinematografisches und funktioniert wie ein Thriller. Die Ironie und das Paradoxe an dieser Krankheit ist ja Folgendes: Je mehr man das Gedächtnis für gewisse Dinge verliert, umso mehr findet man es für andere Dinge wieder. Und Konrad, die Figur, die Alzheimer hat und von Gérard Depardieu gespielt wird, verliert sein Gedächtnis, aber er erinnert sich wieder an seine Kindheit."

Regisseur Bruno Chiche hat sich in seiner Verfilmung von "Small World" vor allem für die großbürgerliche Familie interessiert. Anders als ein Claude Chabrol sieht Bruno Chiche nicht sarkastisch oder bösartig auf das Großbürgertum. Ihn interessieren die Intrigen und die Familiengeheimnisse. Es geht ihm um das Ungesagte, die Fatalität von Familienzwängen, wenn keiner wirklich mit dem Anderen spricht.

Nur die junge, angeheiratete Simone - gespielt von Alexandra Maria Lara - will sich mit den Lügen nicht anfreunden. Sie fühlt sich zu Konrad, dem Außenseiter, der einst Teil dieser Familie war, hingezogen. Für Bruno Chiche war es wichtig, diese Rolle mit einer Ausländerin zu besetzten.

"Ich mag am Spiel von Alexandra Maria Lara sehr , dass sie sich so wenig zur Schau stellt. Sie ist immer Beobachterin, dabei sehr berührend, weil sich alle Gefühle, die sie ausdrückt, in ihren Augen wiederfinden. Und Alexandra ist im Film die Beobachterin. Man sieht den Film durch die Augen von Alexandra ... "

Simones große Gegenspielerin ist Elvira, gespielt von Francoise Fabian, die 1956 ihre Karriere u.a mit "Till Eulenspiegel" von Gérard Philippe begann, einer Koproduktion zwischen Frankreich und der DDR. Seitdem sah man Francoise Fabian in Klassikern wie Luis Bunuels "Belle de Jour" oder kürzlich in "5x2" von Francois Ozon. Sie spielt Elvira als eine skrupellose, machtbesessene Frau, die immer genau weiß was sie will. Auch Elvira leidet unter einer Krankheit: Diabetes.

Francoise Fabian: "Sie sagt einmal im Film: Diese Krankheit hat mich stark gemacht. Durch die Willenskraft, mit der es mir gelungen ist, meine Diabetes zu kontrollieren, habe ich gelernt, alles zu kontrollieren. Es stimmt, dass sie über alles die Kontrolle haben möchte. Das hat ihr Macht über diese Familie und alle Menschen gegeben, die um sie herumstreifen. Sie kalkuliert alles."

Neben all diesen starken Frauen besticht und behauptet sich aber auch der Star des Films, Gérard Depardieu. Wenn Depardieu einen Regisseur und einen Film mag, unterstützt er ihn nach Kräften. So auch "Small World". Er spielt diesen Konrad als einen fast unschuldigen, kindlichen Mann, gefangen in einem mächtigen Körper. Je wunderlicher dieser Konrad wird, umso zarter wird das Spiel dieses Vollblutschauspielers.

"Es stimmt, dass mir Konrad sehr viel näher ist als Menschen, die sich an alles erinnern. Ich mag ältere Menschen, die so zwischen 97 und 100 Jahre alt sind und einfach nur erzählen. Aber es interessiert mich nur dann, wenn sie von ihrer Kindheit und Jugend erzählen ... Ich drehe auch gerne in Krankenhäusern oder Altersheimen, wo man sie in ihrer Einsamkeit sieht. Sie sind allein. Sie sind wie Konrad."

"Das Monster ist das Leben", sagt Depardieu dann noch, wenn es um die Intrigen und Figuren im Film geht. Er selber sucht sich seine Rollen wieder sorgfältiger aus, dreht nur noch, was ihm Spaß macht. "Ich will nur noch leben", meint Depardieu, der auch Winzer und Besitzer eines Fischrestaurants ist. Nach Berlin kam er auch, um seinen neuen Perlwein vorzustellen. Gérard Depardieu hat ihn "Princesse" genannt. Zur Premierenfeier hat er dann einige Kisten mit "Princesse" spendiert.

Filmhomepage "Small World"

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