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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2010

Unfairer Wettbewerb

Jean Feyder: "Mordshunger", Verlag Westend, Frankfurt 2010, 336 Seiten

Weltbank-Präsident Robert Zoellick auf der Eröffnungspressekonferenz des jährlichen Treffens von IWF und Weltbank im Oktober in Washington. (AP)
Weltbank-Präsident Robert Zoellick auf der Eröffnungspressekonferenz des jährlichen Treffens von IWF und Weltbank im Oktober in Washington. (AP)

Einen detaillierten und sachkundigen Bericht der Ungerechtigkeit in der Welt hat der Luxemburger Experte Jean Feyder mit "Mordshunger" verfasst. Die Weltbank, WTO und IWF kommen dabei nicht gut weg: Sie sind für ihn die Verursacher des Elends von mehr als einer Milliarde Menschen.

Durch die in den neunziger Jahren vom Westen erzwungene Öffnung der Märkte weltweit verhungern jedes Jahr Millionen Menschen, werden bäuerliche Existenzen zerstört und verschaffen sich einige multinationale Konzerne riesige Profite. Auf diese Kurzformel lässt sich Jean Feyders Buch 'Mordshunger' bringen.

Der Luxemburger Experte für Entwicklungshilfe, der seit Jahren in internationalen Gremien für mehr Unterstützung für kleinbäuerliche Betriebe eintritt, inzwischen als Präsident der UNCTAD, der Konferenz der UN für Handel und Entwicklung, listet in seinem unglaublich detaillierten und sachkundigen Bericht zahlreiche Gründe auf, die für bitterste Armut und Verelendung von über einer Milliarde Menschen verantwortlich sind.

An erster Stelle stehen nicht Korruption und staatliche Misswirtschaft, wie gerne behauptet wird, sondern die von Weltbank, Welthandelsorganisation und Internationalem Währungsfonds durchgesetzten sogenannten Handelsliberalisierungen, das heißt der Wegfall aller Einfuhrhindernisse. Hoch subventionierte Nahrungsmittel aus den USA und Europa verdrängten fortan mit Dumpingpreisen die einheimischen Produzenten. Ein extrem unfairer Wettbewerb, der Millionen Kleinbauern zur Aufgabe der Landwirtschaft zwang und viele lokale Märkte zerstörte. Nationen, die sich vorher selbst versorgt hatten, wurden zu abhängigen Lebensmittelimporteuren.

Jean Freyer zeigt aber auch eine Reihe positiver Beispiele. China zum Beispiel konnte durch die Abschottung seiner Landwirtschaft Hunger und Armut drastisch senken. Der Entwicklungsexperte plädiert dafür, den Entwicklungsländern einen ähnlichen Schutz zu gewähren, wie ihn die Industrienationen anfangs für sich beanspruchten. Durch hohe Importzölle wehrten die sich so lange gegen Konkurrenten, bis die eigene Wirtschaft wettbewerbsfähig war.

Zur Armut tragen aber auch noch andere Faktoren maßgeblich bei, die Jean Freyer akribisch aufzählt. Dazu gehört das Handelsmonopol einiger weniger transnationaler Saatgut- und Großhandelsunternehmen, die die Preise bestimmen und oftmals weniger zahlen, als die Ernte die Bauern gekostet hat.

Das führt zur Zerstörung von Kleinbetrieben und zur Landaneignung von Großproduzenten. Er weist zudem nach, dass Gentechnik und Patente auf Pflanzen und Tieren die Kosten für die Bauern explodieren lassen und zu extremer Abhängigkeit führen. Dass immer mehr Staaten Land in Afrika kaufen oder pachten, um ihre Nahrungsmittelversorgung zu sichern, ist beunruhigend, denn dafür werden allerorten Bauern entschädigungslos verdrängt.

Viele Argumente kennt man bereits. Doch so gebündelt und bestens belegt findet man sie selten. Alle wichtigen Institutionen, Unternehmen und Selbsthilfegruppen werden vorgestellt. Dabei formuliert Jean Feyder bisweilen eher diplomatisch und zurückhaltend.

Er lässt aber keinerlei Zweifel daran, dass sich die Entwicklungshilfe der Industriestaaten stark ändern und viel mehr Rücksicht auf die Landbevölkerung nehmen muss. Nur wenn man sie unterstützt, wird der Hunger weltweit wirksam bekämpft werden können. Keine Frage: das beste Sachbuch zum Thema bislang.

Besprochen von Johannes Kaiser

Jean Feyder: Mordshunger – Wer profitiert vom Elend der armen Länder?
Aus dem Französischen von Michael Bayer und Enrico Heinemann
Verlag Westend, Frankfurt 2010
336 Seiten, 24,95 Euro

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