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Konzert

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Konzert / Archiv | Beitrag vom 19.04.2012

"Unbelaubte Gedanken"

Kammermusikalische Geheimverbindungen

Berliner Philharmonie
Berliner Philharmonie (Schirmer, Berliner Philharmoniker)

Es war ein Gipfeltreffen der Zukurzgekommenen, das da im Januar 2009 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie stattfand: Kontrabass, Bratsche und Fagott kennt man aus Witzen und Satiren eher als aus Solowerken von Bach und Brahms. Sie sind für Fundament- und Füllstimmen zuständig und treten selten an die Rampe. Nicht so in diesem Fall: Die Berliner Philharmoniker schicken Kontrabass, Bratsche und Fagott solistisch auf die Bühne.

Das Konzert mit Magdalena Kožená und dem Scharoun Ensemble, das wir heute ursprünglich senden wollten, musste wegen Erkrankung der Solistin auf den 19. Juni verlegt werden. Wir senden einen Mitschnitt am 29. Juni – heute wiederholen wir ein Konzert mit Solisten der Berliner Philharmoniker.

Drei der grandios manieristischen Triosonaten des Barockmeisters Jan Dismas Zelenka treffen auf unbekannte, unwahrscheinliche, ja sogar "unbelaubte" Solostücke der Gegenwart. "Unbelaubte Gedanken zu Hölderlins ‚Tinian’" nennt Heinz Holliger jedenfalls sein Werk für Kontrabass solo. Es widmet sich einer Insel im Pazifik, die nach ihrer Entdeckung 1521 die Fantasie großer Geister zu erregen vermochte, während sich die Potentaten Portugals, Spaniens, Deutschlands und Japans um das Eiland balgten, das nunmehr – wer zuletzt lacht, lacht am besten! – zu den USA gehört.

Holligers Werk dauert nur drei Minuten, stand aber im Zentrum des Konzerts. Denn von der Musik dieses erstaunlichen Komponisten und Oboisten gehen Verbindungslinien in alle Richtungen aus: Holliger hat bei Sándor Veress gelernt – von diesem unterschätzten ungarischen Komponisten erklingt ein Duo für Viola und Kontrabass. Von dort ist der Weg zu den mikroskopischen Solostücken seines Landsmannes György Kurtág nicht weit, der wiederum eines davon dem ebenfalls gespielten Komponisten (und Oboisten!) Elliott Carter gewidmet hat.

Und was hat der aus Böhmen stammende Bach-Zeitgenosse Jan Dismas Zelenka mit all dem zu tun? Zelenka war erstens selbst Kontrabassist, zweitens würde man die Musik dieses Dresdener Kirchenmusikers heute kaum mehr kennen, hätte nicht Heinz Holliger mit seinen Einspielungen eine Renaissance ausgelöst. Zelenkas Triosonaten für zwei Oboen, Fagott und Kontrabass (Basso continuo) sind mitreißend virtuose Stücke, die in ihrer Experimentierfreude die Moderne vorwegzunehmen scheinen.


Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal
Aufzeichnung vom 25.1.09

Jan Dismas Zelenka
Triosonate Nr. 2 g-moll ZWV 181 Nr. 2
Triosonate Nr. 5 F-dur ZWV 181 Nr. 5
Triosonate Nr. 6 c-moll ZWV 181 Nr. 6

sowie Solostücke von Elliott Carter, Heinz Holliger, György Kurtág u.a.

Solisten der Berliner Philharmoniker und Gäste:
Danusha Waskiewicz, Viola
Edicson Ruiz, Kontrabass
Jonathan Kelly, Oboe
Dominik Wollenweber, Englischhorn
Daniele Damiano, Fagott
Raphael Alpermann, Cembalo

nach Konzertende ca. 21:55 Uhr Nachrichten