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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.05.2009

"Unangemessener Wettbewerbsgedanke"

Weihbischof Anton Losinger warnt vor "Gehirndoping" bei Schülern

Anton Losinger im Gespräch mit Katrin Heise

Losinger: Psychopharmaka verändern die Persönlichkeit.  (Stock.XCHNG / Davor Fanton)
Losinger: Psychopharmaka verändern die Persönlichkeit. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)

Eine Studie hat ergeben, dass immer mehr Schüler leistungssteigernde Medikamente nehmen. Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger hat das Thema auf die Agenda des Ethikrats gesetzt, dessen Mitglied er ist. Er fordert ein gesellschaftliches Klima, in dem nicht nur die Leistung ein Indikator dafür sei, wie viel ein junger Mensch wert sei, so Losinger.

Katrin Heise: Leistungsdruck treibt immer mehr Schüler zur Einnahme von Psychopharmaka. Nach der jüngsten Auswertung der DAK-Arzneimitteldaten steht fest: Jeder achte Schüler in Deutschland nimmt regelmäßig leistungssteigernde Mittel, bevor er zum Unterricht geht. Im Deutschen Ethikrat beschäftigt sic
h der Augsburger Weihbischof Anton Losinger mit dem Thema. Heute tagt der Rat zum Komplex "Der steuerbare Mensch? Über Einblicke und Eingriffe in unser Gehirn", und auch der medikamentös behandelte Schulstress, also nennen wir es mal das Gehirndoping, wird dort diskutiert werden. Ich hatte vorher Gelegenheit, mit Anton Losinger, der im Bistum Augsburg auch als Schulreferent tätig ist, zu sprechen. Herr Losinger, ich grüße Sie!

Anton Losinger: Ich grüße Sie!

Heise: Welche Erfahrungen haben Sie denn im Zuge Ihrer Schulreferententätigkeit mit Schulstress?

Losinger: Wir haben in unserem Umfeld der Schulen zunächst einmal die ganz normale Situation, dass Schülerinnen und Schüler heute unter dem Aufgabendruck an den Schulen natürlich leiden und dass mit diesem Druck auch eine Belastung für das Leben von Schülerinnen und Schülern zusammenhängt. Darüber hinaus allerdings kommt etwas hinzu, das wir heute verstärkt beobachten, nämlich dass ein klinisches Phänomen auftaucht. Wir sprechen vom Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom oder -störung, nämlich ADHS. Hier handelt es sich im Gegensatz zu einer normalen Situation von Schulstress nun tatsächlich um krankhafte Phänomene, die in der Tat therapeutisch beantwortet werden müssen und wo wir Ärzte und auch die Hilfe von Psychopharmaka brauchen, damit Schülerinnen und Schülern in dieser Situation vernünftig geholfen werden kann.

Heise: Wenden wir uns jetzt mal den Schülern, die nicht unter einem klinischen Syndrom leiden, zu, nämlich denen, die unter dem, in Anführungsstrichen, "immer weiter zunehmenden und normalen Schulstress zu leiden haben". Haben Sie da auch wachsende Medikamenteneinnahme infolge dieses Stresses beobachtet?

Losinger: Genau das ist das Problem, nämlich wo es nicht um ein Phänomen einer Erkrankung, einer psychischen Situation, die mit Medikamenten behandelt werden muss, im Sinne einer Therapie geht, sondern wo Eltern solche Medikamente einsetzen, um Leistungssteigerung zu erzielen. Bei Medizinern etwa ist immer wieder von Gehirndoping die Rede. Und dort, wo Schülern in einer solchen Situation, etwa der problematischen Übertrittsphase zum Gymnasium mit dem Ziel der Leistungssteigerung, solche Medikamente verabreicht werden, ist das ethische Problem gegeben.

Heise: Man kann’s aber vielleicht auch anders sehen: Eltern wollen ihren Kindern helfen, einem konkreten Druck in einer bestimmten Schulsituation besser standzuhalten. Das ist doch auch verständlich.

Losinger: So kann man natürlich auch sagen, wenn man einem Kind Hustensaft gibt, um das Kind davon zu befreien, dass es durch eine Erkältung gehindert wird, ordentlich zu lernen. Dort, wo Psychopharmaka zur Anwendung kommen, müssen wir natürlich immer auch erstens mit dem Problem der persönlichkeitsverändernden Wirkungen rechnen und zweitens mit dem Problem der Langzeitwirkungen, die Psychopharmaka auslösen können. Das Problem multipliziert sich dort noch einmal, wo solche Medikamente, etwa Ritalin ist eines dieser bekannten Medikamente, zur Anwendung kommen, dass das nicht selten an der Verschreibungspflicht des Arztes vorbeigeht und von Eltern sozusagen auf eigene Rechnung eingesetzt wird. Dort besteht für Kinder in der Tat eine nicht kalkulierbare Gefahr.

Heise: Sie haben zu Recht darauf hingewiesen, dass Medikamentengaben natürlich unter ärztlicher Voraussetzung notwendig sind und nicht an Ärzten vorbei geschehen soll, dass man über Langzeitwirkung und so weiter noch nicht genug weiß. Wie stehen Sie aber generell zu dem Thema? Wenn man Leistungsanforderungen in unserer Gesellschaft sieht, Kinder wachsen in diese hinein, warum ihnen nicht helfen, sie vielfältig auch mit konzentrationsfördernden Mitteln also unterstützen, mit Leistungsanforderungen fertig zu werden?

Losinger: Ich nenne Ihnen sehr gern den Vergleich zum Radsport. Wenn man im Radsport so weit kommt zu sagen, die physischen Grenzen sind erreicht und ab jetzt kann man nur noch etwas werden mit Doping, dann betreten Sie eine schiefe Ebene, die letztendlich nicht mehr an ein Ende kommt und wo letztendlich die Gesundheit der Sportler direkt in Kauf genommen wird. Auch das ist eine Situation, die im Schulumfeld entstehen kann, dass Schülerinnen und Schüler in diesem jugendlichen Alter in eine nicht mehr erträgliche Konkurrenzsituation und unter Leistungsdruck gestellt werden, den sie nicht bewältigen können. Und an diesem Punkt würde ich sagen, hier ist unsere Gesellschaft gefordert. Wir müssen auch für Schülerinnen und Schüler ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem sie als junge Menschen auch wachsen können, sich entwickeln können und in dem nicht der Leistungsindikator schlichtweg ein Indikator dafür wird, wie viel ist ein junger Mensch eigentlich wert?

Heise: Im Bezug auf den Einsatz von sogenannten Denkdrogen, da kann man auch von einer ganz anderen Warte heraus rangehen. Wir haben vor einigen Monaten mit Thomas Metzinger gesprochen. Er ist Professor für Philosophie an der Universität Mainz. Dabei, in diesem Gespräch, ging es ausdrücklich nicht um den Einsatz bei Kindern und Jugendlichen, sondern um den generellen Einsatz in der Gesellschaft, eben bei Erwachsenen, die über sich selber bestimmen können. Und Thomas Metzinger sagte damals:

Thomas Metzinger: Man muss das, denke ich, ganz nüchtern sehen, es ist wichtig, dass man das nicht aus irgendeiner weltanschaulichen Perspektive heraus betrachtet, sondern einfach sehen, dass neue Technologien auf uns zukommen, es sind die allerersten Anfänge von etwas, was in den nächsten 20 bis 50 Jahren dann stärker unsere Lebenswelt verändern wird. Und diese Technologien erlauben uns jetzt, geistige Fähigkeiten genauer zu kontrollieren: Wachheit, Konzentrationsfähigkeit, Merkfähigkeit und so was. Und die Frage ist einfach, wie holen wir da die meisten positiven Aspekte für uns als Gesellschaft als Ganze heraus aus dieser Entwicklung, und wie minimieren wir den Preis, den wir dafür zahlen?

Heise: Thomas Metzinger, ein Zitat von ihm hier vom Deutschlandradio Kultur. Herr Losinger, wie sehen Sie das, was Thomas Metzinger sagte?

Losinger: Ich sehe an den Möglichkeiten, die durch die Entwicklung neuer Medikamente, auch gehirnstimulierender Medikamente gegeben ist, durchaus etwas Positives. Und ich sehe durchaus eine ganze Reihe von Nutzmöglichkeiten, die für die Gesellschaft angemessen und richtig sind. Etwa wenn Sie bei bestimmten Erscheinungen von Depressionen, etwa auch Altersdepressionen, heute sehen, dass eine solche Therapie immer vernünftigerweise mit hervorragend inzwischen geeigneten neu entwickelten Medikamenten unterstützt werden kann oder dass auch im Bereich der Psychotherapie Aufhellungsmittel heute eigentlich in einer sehr vernünftigen Weise zur Anwendung kommen, dann ist das richtig. Und in diesem Sinne kann ich durchaus auch bestimmte Medikamente sehen, bei denen leistungssteigernde Merkmale im Denken eines Menschen geweckt werden. Allein was früher mit Vitamin C in diesem Umfeld gedacht und auch gemessen wurde, ist zunächst einmal nicht falsch. Die Grenze – und die ziehe ich noch einmal sehr deutlich – muss dort gesehen werden, wo Menschen letztendlich instrumentalisiert werden von einem unangemessenen Wettbewerbsgedanken, wo eine Gesellschaft sie unter Druck setzt und sozusagen als funktionierende Einzelteile braucht und wo a) die Frage der Persönlichkeitsveränderung tangiert wird und b) Langzeitwirkungen erreicht werden, die im Moment nicht absehbar sind.

Heise: Sie appellieren also an die Gesellschaft. Wie kann aber den Eltern konkret, die in diesem Dilemma stecken, geholfen werden? Was tut zum Beispiel die kirchliche Institution da?

Losinger: Ich sehe die Eltern in der Tat unter einem wirklich zum Teil unerträglichen Dilemma, wenn sie in dieser Übertrittsphase ihrer Kinder etwa und der Frage der Zulassung zum Gymnasium wirklich vor eine Gewissensfrage gestellt sind: Was kann und muss ich für mein Kind tun, dass es diesen Zukunftsschritt für sich schafft? Und hier muss ich die Eltern in der Tat immer wieder in der Richtung beruhigen und ihnen sagen, das Leben ihres Kindes hat in sich einen Wert und es ist nicht vertan, selbst wenn das Kind den Übertritt aufs Gymnasium nicht schaffen sollte. Und gerade dort, wo eine solche Entscheidung, unter welchen Umständen auch immer, nicht von einem positiven Ausgang begleitet ist, müssen die Eltern und müssen die Gesellschaft für dieses Kind auch eine Atmosphäre bereitstellen, dass auch dieses Kind in eine gute Zukunft gehen kann.

Heise: Und da können Sie konkret, also in Gesprächen, den Eltern helfen?

Losinger: Wir versuchen, überall dort, wo wir an unseren kirchlichen Schulen damit konfrontiert sind, den Eltern sehr breite Gespräche anzubieten. Wir schulen und trainieren unsere Lehrer darin, dass sie in der Überprüfung der Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler genauso wie in dem vermittelnden Gespräch mit den Eltern sensibel, vernünftig, klug und richtig argumentieren. Damit kann man im Vorfeld schon einiges an Problemen, würde ich sagen, entzerren.

Heise: Welche Aufgabe sehen Sie da beim Deutschen Ethikrat liegen, bei diesem Thema?

Losinger: Wenn ich es auf die ethische Problematik und Ebene hebe, dann muss ich sagen, wird dem Ethikrat sowie der klassischen Ethik also die Drei-Kriterien-Frage nicht erspart bleiben, nämlich erstens: Welche Ziele verfolgen wir? Zweitens: Welche Mittel setzen wir dazu ein? Und drittens: Haben wir wirklich eine genaue und verantwortete Folgenabschätzung unseres Tuns vorgenommen?

Heise: Weihbischof in Augsburg, Schulreferent und Ethikratsmitglied Anton Losinger. Er hat das Thema Gehirndoping bei Schülern auf die Agenda der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates gesetzt. Herr Losinger, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch!

Losinger: Ich bedanke mich bei Ihnen!

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Debatte um Denkdrogen

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