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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.12.2013

Umstrittender Philosoph"Überlegungen zum Judentum, die eindeutig antisemitisch sind"

Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft zum Antisemitismusvorwurf

Günter Figal im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der Philosoph Martin Heidegger (AP)
Der Philosoph Martin Heidegger (AP)

Im Frühjahr werden Heideggers philosophische Notizbücher – die "Schwarzen Hefte" – veröffentlicht. Darin soll sich der Philosoph antisemitisch äußern. Günter Figal von der Heidegger-Gesellschaft wünscht sich eine sachliche Debatte darüber - auf Grundlage der Quellen.

Liane von Billerbeck: Er ist einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Martin Heidegger. Und besonders in Frankreich wird er hoch geschätzt, denn viele dortige Philosophen sind von ihm geprägt – und ebenfalls dort wird Heidegger auch immer wieder angefeindet. Grund dafür ist Heideggers Antisemitismus, besonders in seiner Zeit als Rektor der Freiburger Universität 1933, 1934. Im kommenden Frühjahr erscheinen im Rahmen der Heidegger Werkausgabe seine sogenannten „Schwarzen Hefte“. Das sind so philosophische Notizbücher, und darin soll sich der Philosoph Heidegger noch deutlicher antisemitisch äußern als bisher bekannt. Die Herausgeber wollen sich dazu bisher nicht äußern. Ich bin jetzt verbunden mit Günter Figal, er ist der Vorsitzende der Heidegger-Gesellschaft. Grüß Sie, Herr Figal!

Günter Figal: Guten Morgen!

von Billerbeck: Sie kennen einige Textstellen aus diesen sogenannten „Schwarzen Heften“. Was wissen Sie inzwischen so unter der Hand darüber? Was ist da drin?

Figal: Also vielleicht darf ich beginnen, indem ich etwas zu diesen Heften sage. Das ist ein großes Konvolut an Notizbüchern, die Heidegger ungefähr um 1930 herum begonnen hat und die bis in die 60er-Jahre hinein von ihm geführt worden sind. Es ist, nach dem, was man weiß und sagen kann, philosophische Reflexion, es sind aber auch viele auf die Zeit bezogene Reflexionen, und es gibt in diesen ersten Bänden, die jetzt im Frühjahr erscheinen werden. Es ist insgesamt eine größere Edition – einige Passagen eindeutig antisemitischen Inhalts.

von Billerbeck: Wie müssen wir uns das vorstellen? Was ist da anders als das, was wir bisher über Heidegger wussten?

Figal: Vielleicht darf ich das, was Sie in der Anmoderation gesagt haben, leicht korrigieren. Heidegger ist eigentlich nicht für seinen Antisemitismus kontrovers diskutiert worden, denn ein solcher war bisher kaum bekannt, von wenigen persönlichen Äußerungen in Briefen abgesehen. Er hat sich im nationalsozialistischen Deutschland engagiert, er war Rektor, und er stand im ersten Jahr – 1933 – auch durchaus mit Begeisterung auf der Seite dessen, was er eine nationale Revolution nannte und als solche verstand. Was neu ist, ist, dass es in diesen zeitgeschichtlichen oder, besser gesagt, in den Reflexionen, in denen er versucht, sich in seine Zeit zu stellen, auch Überlegungen zum Judentum gibt, die eindeutig antisemitisch sind.

von Billerbeck: Nun kennen wir diese Äußerungen ja nicht, deshalb ist es so ein bisschen schwierig, darüber zu reden.

Figal: Ja.

von Billerbeck: Können Sie da mehr sagen?

Figal: Also ich denke, man sollte dem Verlag nicht vorgreifen, der diese Texte im Frühjahr veröffentlichen wird, und ich denke, man sollte es auch deswegen nicht tun, weil diese Passagen, die, gemessen an einem Umfang von ungefähr 1.200 Seiten der ersten drei Bände, auch nicht sehr umfangreich sind, weil diese Passagen angemessener im Zusammenhang diskutiert werden können. Also wir können den Stellenwert dieser Passagen nur dann versuchen zu verstehen, zu bestimmen, historisch einzuordnen, wenn wir das im Zusammenhang dieser anderen … des ganzen Textzusammenhangs kennen. Und dazu müssen wir die Bücher haben, dazu müssen wir diese Texte lesen können, und dazu sollten wir auch die Möglichkeit haben, sie dann öffentlich zu diskutieren. Also sie so zu diskutieren, dass alle, die sich an dieser Diskussion beteiligen wollen, auch Zugang zu den Quellen haben. Momentan wäre das so eine Geisterdiskussion, die man führen würde. Und das fände ich um der Sache willen nicht so gut.

von Billerbeck: Dann gehen wir in die Zeit zurück, um die es ja auch geht in diesen „Schwarzen Heften“, also auch geht, weil es ist ja ein langer Zeitraum.

Figal: Ja.

von Billerbeck: Sie haben das ja auch schon erwähnt, die Zeit, als Heidegger Rektor in Freiburg war, 1933, 1934, und da wird ja immer von einer Selbstgleichschaltung gesprochen, die Heidegger da fabriziert hat.

Figal: Ja, das ist einerseits sicherlich eine gute Beschreibung, aber es ist nur die Hälfte dessen, was man sagen muss. Das Verhältnis zum Nationalsozialismus, das er hatte, ist kompliziert. Er ist ja bekanntlich nach einem Dreivierteljahr ungefähr vom Rektorat zurückgetreten, weil er mit den Parteistellen sich nicht verstanden hat, und es gibt – gerade aus, sagen wir, dogmatisch-nationalsozialistischer Perspektive – harte Kritik an ihm und seiner Philosophie, ähnlich wie es Gottfried Benn ergangen ist, der ja auch sich mit dem Nationalsozialismus identifizieren wollte und dann nicht in seiner Dichtung von den parteidogmatischen Stellen und Kritikern akzeptiert wurde. Also Heidegger hat sich, so würde ich es sagen, einerseits in diese Zeit und in die, wie er es verstand, nationalsozialistische Revolution hineingeschrieben. Er hat versucht, als Philosoph dort einen Stand in der Geschichte zu finden, und er hat versucht, diese Geschichte mit zu prägen.

von Billerbeck: Ist ihm das gelungen in dieser Zeit?

Figal: Natürlich nicht. Er hat sich zugleich – und das ist der zweite Aspekt – aus dem Nationalsozialismus aber auch herausgeschrieben. Also er hat versucht, das, was er als Nationalsozialismus verstand, so umzudeuten und auch Alternativen dazu zu entwickeln, und es ist klar, dass er damit sich dann auch in eine Isolation hineingebracht hat, die ihm keine öffentliche Wirkung in dieser Zeit beschert hat, bescheren konnte.

von Billerbeck: Also ist er quasi zurückgetreten, weil er nicht das erreichen konnte, was er wollte?

Figal: Ja, er hat gesehen, dass seine großen Visionen und seine große Vorstellung davon, dass er den Nationalsozialisten sagen müsse, was sie eigentlich tun sollen und wie sie eigentlich denken sollen, dass dieses nicht auf Resonanz stieß, und von daher, kann man sagen, ist dieses Rektorat gescheitert. Und die Texte, die wir aus den 30er-Jahren schon kennen, sind eigentlich immer Versuche, in der Zeit gegen die Zeit zu denken. Und diese eigentümliche Spannung, so vermute ich, wird es auch sein, die uns in Bezug auf diese „Schwarzen Hefte“ sehr beschäftigen wird. Wir müssen versuchen, dieses komplexe und historisch ganz schwer zu bestimmende Verhältnis, das er in diesen politischen Umständen mit ihnen, ganz eindeutig mit ihnen, aber auch sich von ihnen absetzend versucht hat, zu entwickeln.

von Billerbeck: Der Philosoph Alain Badiou, der hat bei uns im Interview auch etwas gesagt, nämlich: Immer diese Teilung zwischen Werk und zwischen völkischem Denken, also zwischen einerseits … vielleicht hören wir das mal, was er bei uns gesagt hat.

Alain Badiou: Wissen Sie, ich habe nie in Zweifel gestellt, dass Heidegger durch den Nationalsozialismus sozusagen verführt worden ist, ebenso wenig wie ich geleugnet habe, dass er nun eigentlich ein ganz gewöhnlicher Antisemit ist, dass er sich auch wirklich mit eindeutig antisemitischen Aussagen geäußert hat. Das alles sei unbenommen. Aber die große Frage ist doch: Kann diese nationale Verstrickung und auch der Antisemitismus Heideggers, der ja nicht zu leugnen ist, ein ausreichender Grund sein, um auch seine gesamte sonstige Philosophie in den Orkus zu werfen?

Und da sage ich nun, ich bin ja keineswegs ein Heideggerianer, aber ich sage hier eben: Nein. Was den Antisemitismus, den Nationalismus angeht, so muss er eben beurteilt werden, und er ist sogar vor ein Gericht gestellt worden. Alles das ist ja unbenommen. Aber wir dürfen doch nicht in den Fehler verfallen, alles andere seiner Philosophie zu verwerfen. Wir müssen genau unterscheiden, an welchen Stellen seine Philosophie angesteckt ist von diesem Nationalismus oder Antisemitismus, und andererseits müssen wir schon schauen: Was bleibt von seiner Philosophie? Ich meine also, wir müssen Heidegger nun aufteilen.

von Billerbeck: Tun Sie das auch, Heidegger aufteilen, Werk und Person?

Figal: Nicht Werk und Person, sondern ich teile sogar noch etwas genauer auf, nämlich im Werk. Als Philosoph muss ich nicht jeden Satz, den Heidegger geschrieben hat, unterschreiben, das wäre sogar sehr, sehr merkwürdig, wenn ich das tun würde, sondern ich habe mich ja in meiner Arbeit viel mit seinen Texten beschäftigt und ich denke, ich kann sagen, dass die meisten der Sätze, die ich dann selber dazu geschrieben habe, eher sehr kritisch sind. Mich interessieren an Heidegger ganz bestimmte Fragen, mich interessiert Heidegger als Phänomenologe, also zusammen mit seinem Lehrer Husserl.

Und die Texte, die man in diesem Zusammenhang studieren kann, also zum Beispiel das Hauptwerk „Sein und Zeit“, das sind Texte, die von diesen politischen Diskussionen sehr weit entfernt sind, und viele andere Texte auch. Und ich denke, wenn ich einen Satz noch sagen darf, wir werden unterscheiden müssen in Zukunft zwischen Heidegger als einem systematischen Philosophen, mit dem wir argumentieren können, gegen den wir argumentieren können, und Heidegger als einer historischen Figur des 20. Jahrhunderts, die von den Pathologien dieses Jahrhunderts, wie Badiou sagt, angesteckt war und diese Pathologien zum Teil mit ausgetragen hat. Und was das betrifft, ist er sicherlich, um das 20. Jahrhundert zu verstehen, eine zentrale Figur.

von Billerbeck: Das sagt Günter Figal, der Vorsitzende der Heidegger-Gesellschaft, über das, was uns möglicherweise im nächsten Frühjahr aus den „Schwarzen Heften“ erwartet und was das sagt über das Werk und den Mann Martin Heidegger. Das Interview mit dem Philosophen Alain Badiou können Sie übrigens heute Nachmittag bei uns im „Radiofeuilleton“ hören. Herr Figal, ganz herzlichen Dank!

Figal: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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