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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.07.2012

Umbau der NS-Gesellschaft

Rüdiger Hachtmann: "Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945"

Rezensiert Klaus-Rüdiger Mai

Die Deutsche Arbeitsfront wurde wenige Montate nach der Machtergreifung der Nazis gegründet. (AP Archiv)
Die Deutsche Arbeitsfront wurde wenige Montate nach der Machtergreifung der Nazis gegründet. (AP Archiv)

Was haben Volkswagen und Volksfürsorge gemeinsam? Sie gehörten einmal dem Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront an. Nun wurde kaum ein Zeitraum historisch intensiver erforscht als das Dritte Reich. Hier spektakulär Neues zu bieten, scheint deshalb unmöglich zu sein. Dem Historiker Rüdiger Hachtmann ist das Unmögliche gelungen.

Seine voluminöse Studie stellt erstmalig einen wichtigen Bestandteil des Lebens unter dem Nationalsozialismus dar. Und er ist selbst überrascht, auf welche Lücke in der Forschung er gestoßen ist:

"Weder in kleinen noch in größeren Untersuchungen ist das Wirtschaftsimperium der Arbeitsfront als Gesamtkomplex bisher ein Thema der NS-Forschung gewesen. Auch mir ist erst im Laufe der näheren Beschäftigung mit dem Generalthema "Deutsche Arbeitsfront" bewusst geworden, welche riesige Dimension der Konzern der DAF besessen hat."

Der Titel lässt eine spannungsarme Wirtschaftsgeschichte vermuten, doch das Buch entpuppt sich als ein Gesellschaftskrimi, der bis in unsere Gegenwart reicht. Nach der Machtergreifung 1933 mussten die Nationalsozialisten das Problem des Klassenbewusstseins der organisierten Arbeiterbewegung lösen.

Man konnte zwar die SPD und die KPD verbieten, ihre Funktionäre verfolgen, töten, foltern, einsperren, Angst und Schrecken verbreiten, aber wie sollte man nun mit den mächtigen Gewerkschaften umgehen? Wie sollte man die Solidarität der Arbeiter, ihren Alltagssozialismus zerstören, den sie in den Gewerkschaften und vor allem in den Genossenschaften lebten?

Cover: "Rüdiger Hachtmann: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945" (Wallstein Verlag Göttingen)Cover: "Rüdiger Hachtmann: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945" (Wallstein Verlag Göttingen)Einige höhere Gewerkschaftsfunktionäre dienten sich dem neuen Regime an, aber die Nazis lehnten das Angebot ab, verboten die Gewerkschaften und gründeten die Deutsche Arbeitsfront, in die alle deutschen Arbeiter, die den Rassekriterien entsprachen, eintreten sollten. Was wie eine große Einheitsgewerkschaft aussah, war keine:

"Zentrale Aufgabe der DAF war es, die bis 1933 zu erheblichen Teilen antifaschistisch gesinnte Arbeiterschaft mit dem Nationalsozialismus zu versöhnen und in eine angestrebte deutsche "Volks- und Leistungsgemeinschaft" zu integrieren."

Es ging um Gleichschaltung, und wie sich die Nationalsozialisten diese Gleichschaltung vorstellten, brachte Adolf Hitler am Beispiel der Jugend klar zum Ausdruck (am 2.12.1938 im österreichischen Reichenberg):

"Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben und Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen und dort oft zum ersten Mal eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront ... und so weiter ... und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben."

Rüdiger Hachtmann verfolgt nun am Beispiel des riesigen Firmenkonsortiums der "Arbeitsfront" den Prozess der Gleichschaltung. Eine vor allem für unsere Gegenwart spannende Frage bilden dabei die Genossenschaften der Arbeiterbewegung, zumeist Unternehmen der Gewerkschaften.

Konsumgenossenschaften, Volksfürsorge, Arbeiterbank, Baugenossenschaften, Büchergilde Gutenberg wurden im Kaiserreich bzw. in der Weimarer Republik gegründet, um preisgünstige Angebote zu schaffen: für Lebensmitteleinkauf und Wohnen, für Lebensversicherungen und Kontoführung sowie für die Bildung. Sie sollten zugleich innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft zu einer sozialistischen Alternative werden und als Schule der Demokratie wirken, der Basisdemokratie, wenn man so will.

Gerade in unserer Zeit, in der sich Kapitalismus und repräsentative Demokratie in einer tiefen Krise befinden, gewinnt Hachtmanns Darstellung des Genossenschaftswesens atemberaubende Aktualität. Der Wissenschaftler zeigt, dass die Genossenschaften der Arbeiterbewegung verglichen mit den privatrechtlichen Konkurrenten recht gut durch die große Wirtschaftskrise von 1929-1933 kamen.

Und er macht deutlich, dass es ein staatsterroristischer Akt war, die Gewerkschaften zu zerschlagen und die gemeinwirtschaftlichen Unternehmen in die Deutsche Arbeitsfront zu überführen. Arbeitnehmerorganisation und Firmeninhaber zugleich sein zu wollen, daraus machte die DAF ein eigenes Geschäftsmodell, das Hachtmann konsequent charakterisiert:

"als ‚volksgemeinschaftlichen Dienstleister’ "."

Der Autor zeichnet nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung dieser Genossenschaften und Firmen nach, sondern untersucht, wie gerade das basisdemokratische Element, das Genossenschaftliche in den Genossenschaften zerstört wurde. Im Grunde wurden die Genossenschaften entkernt und zu rein marktwirtschaftlichen Firmen umgebaut.

Als die Gewerkschaften nach 1945 die Firmen und Genossenschaften wieder übernahmen, erlagen sie der "Faszination großer ökonomischer Einheiten" der Deutschen Arbeitsfront. Anstatt an die basisdemokratische Tradition der Unternehmen vor 1933 anzuknüpfen, schrieben sie eher die Firmenstrategien der DAF fort und scheiterten an ihnen – wirtschaftlich wie politisch.

So kommt der Historiker zu dem beeindruckenden Fazit:

""Obwohl der marktradikale, durch Finanzspekulationen überwucherte Kapitalismus heute in eine tiefe Krise geraten ist, erscheint er "alternativlos". Wirtschaftliche und gesellschaftliche Alternativen jenseits von Neoliberalismus und staatlicher Kommandowirtschaft, wie sie das basisnahe Genossenschaftswesens bis 1933 verkörpert hat, sind verschüttert."

Rüdiger Hachtmanns Buch gräbt geradezu archäologisch diese verschütteten Ansätze aus und ist daher Geschichtsforschung im besten Sinne: Es schärft den Blick für unsere Gegenwart.


Rüdiger Hachtmann: Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront 1933-1945
Geschichte der Gegenwart (Hg. Frank Bösch, Martin Sabrow), Bd. 3

Wallstein Verlag Göttingen, Februar 2012

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