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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.05.2014

Ukraine"Regelrechte Propaganda"

Journalistin Nataliia Fiebrig über russische Medien im Ukraine-Konflikt

Moderation: Korbinian Frenzel

Ein Demonstrant am Platz der Unabhängigkeit in Kiew am 16. Dezember 2013. (picture-alliance / dpa / Nikitin Maxim)
Demonstrationen in der Ukraine (picture-alliance / dpa / Nikitin Maxim)

Die Propaganda russischer Staatsmedien sei ein "gewaltiges Problem", sagt Nataliia Fiebrig, Korrespondentin des ukrainischen Fernsehens "1+1". In der Ukraine sei man nicht in der Lage, dem etwas entgegenzusetzen.

Korbinian Frenzel: Die Ukraine ist bei uns immer wieder Thema in diesen Tagen, mit Blick auf die Lage dort und Reaktionen aus der ganzen Welt. Im internationalen Pressegespräch wechseln wir jetzt diese Perspektive. Wie gehen unkrainische Journalisten mit dieser schwierigen Situation um. Das wollen wir fragen.

Nataliia Fiebrig zu Gast bei uns. Sie ist Korrespondentin des ukrainischen Fernsehens "1+1" in Berlin. Einen schönen guten Tag!

Nataliia Fiebrig: Guten Tag!

Frenzel: Das erste Opfer des Krieges, sagt man ja geflügelt, ist die Wahrheit. Jetzt haben wir glücklicherweise in der Ukraine noch keine Kriegssituation, aber doch eine ziemlich angespannte Lage und wir sehen, alle Seiten probieren, mit Informationen, ja, auch zu manipulieren. Wie gehen Sie damit um?

Fiebrig: Das stimmt, dass dieses gewaltige Problem existiert. Obwohl, ich würde die Seiten nicht wirklich vergleichen oder vergleichen können. In der Ukraine und für ukrainische Medien und Bürger gibt es ein großes Problem, das wir eben das so sehen, dass gerade in russischen Staatsmedien eine regelrechte Propaganda betrieben wird und das hat man angefangen bereits von Maidan-Ereignissen und bis zuletzt.

Oft werden auch diese Manipulationen dokumentiert oder irgendwie gezeigt. Aber das reicht eben nicht aus. In der Ukraine ist einfach die Struktur der Medien ganz anders. Und man ist einfach gar nicht in der Lage, dem etwas entgegenzusetzen. Und das merkt man schon, dass auf der Krim und auch in dem besetzten Städten im Osten der Ukraine als erstes ukrainische Fernsehsender abgeschaltet werden.

Irgendwann kam auch die Entscheidung, in der Ukraine, man soll jetzt russische Fernsehsender abschalten oder irgendwie darauf reagieren, weil es eben nicht einfach um eine andere Meinung geht, sondern um eine falsifizierte Darstellung oder falsifizierte Realität, die so nicht existiert.

Frenzel: Sie haben jetzt von den russischen Medien gesprochen, die da, ja, wir haben das ja auch mitbekommen, anders berichten, eine andere Haltung reinbringen, andere Informationen vermitteln, teils auch mit Propaganda.

Wie ist das in der Ukraine selbst, gibt es da auch eine gespaltene Medienlandschaft, also, wo es, ich sage mal in Anführungszeichen, europäische Medien gibt und dann auf der anderen Seite pro russische?

Filigrane Unterschiede in der Wortwahl

Fiebrig: Jetzt momentan ist es nicht so. Wir hatten diese Situation gehabt, als der Maidan noch stand und aktiv war. Und da war es tatsächlich so, dass es Fernsehsender oder Medien gab, die versucht haben, das objektiv zu zeigen. Und es gab auch große Fernsehsender, die pro-Regierungslinie quasi treu waren und die hatten dann ein Problem, weil eben, es ist natürlich nicht so einfach das komplett zu falsifizieren, wenn auch die Kiewer können ruhig zum Maidan gehen und auch sehen, was da läuft.

Und wenn sie dann den Fernseher einschalten und sehen, dass es ganz anders gezeigt wird, dann gab es schon ein Problem. Also einige Fernsehsender mussten dann auch Moderatoren komplett umtauschen. Und wie die Lage jetzt ist, jetzt gibt es gar keine große Spaltung. An sich kann ich nicht sagen, dass es große Medien in der Ukraine gibt die eine sehr pro-russische Position eingenommen haben.

Es gibt vielleicht filigrane Unterschiede in der Wortwahl: Wie nennt man diese Aufständischen oder nennt man die Terroristen? Wie teilt man: Wo sind Terroristen und wo sind die Örtlichen, die vielleicht auch unterstützen?

Frenzel: Wie machen Sie das in Ihrem Sender? Wie bezeichnen Sie diejenigen, die da in Donezk oder in anderen Städten die Gebäude besetzt halten, zum Beispiel?

Fiebrig: In unserem Sender ist es so, dass die Leute, die Gebäude besetzt haben, die Leute entführen, Menschen entführen, foltern, die werden als Terroristen genannt.

Frenzel: Sie sind Deutschland-Korrespondentin Ihres Senders in Berlin. In der Stadt, in der es sehr viele Russen gibt, aber auch sehr viele Ukrainer. Haben Sie gespürt, dass dieser Konflikt hier angekommen ist unter den Menschen?

Fiebrig: Das auf jeden Fall. Der Konflikt schlägt sich auch hier nieder und es wird regelrecht diskutiert. Teilweise gibt es einen Keil sogar, der durch Familien, durch Freunde geht. Es ist schon schwieriger geworden. Was ich am schlimmsten finde eigentlich in dieser Situation, manchmal ist man so weit in den Positionen auseinander, dass man eher dem Bild vom Fernseher glaubt, als den eigenen Freunden oder den eigenen Verwandten, die aus der Ukraine etwas anderes berichten.

Man sagt, ja, aber wir haben ja im Fernsehen ja gehört. Und, die Positionen liegen wirklich so weit auseinander, dass es manchmal auch persönlich wird, leider.

Frenzel: Haben Sie den Eindruck, dass das wirklich Spuren hinterlassen wird, also, das es Menschen auch richtig auseinandertreibt? Jetzt hier konkret, aber auch mit Blick auf Ihr Land? Man muss ja wieder zusammen finden.

Unverständnis bei vielen Ukrainern

Fiebrig: Ich glaube, im Lande, in der Ukraine wird es wahrscheinlich noch dauern. Es ist sehr wichtig, dass die Lage sich beruhigt und wirklich ein gesellschaftlicher Konsens und Dialog stattfindet. Das will auch keiner verneinen. Also, es ist wirklich notwendig. Die Frage ist nun, wie, also, mit wem sprechen wir? Weil jeden Tag die Lage auch im Osten der Ukraine ist jetzt unglaublich angespannt. Das höre ich auch von unseren Journalisten, die vor Ort sind, die teilweise gar nicht zugelassen werden oder die Möglichkeit haben zu berichten.

Was jetzt die Situation zwischen Russen und Ukrainern angeht, befürchte ich, dass bei vielen Ukrainern das auf Unverständnis stößt und auch gerade diese Berichterstattung in den russischen Medien. Also, ich hoffe schon, dass es zugespitzt wird, dass die Unterstützung von dieser Politik Putins wahrscheinlich doch nicht so riesengroß ist. Aber dieses Unverständnis bei vielen Ukrainern ist schon da. Und das ist wirklich sehr schade, weil wir sind wirklich sehr nah zueinander. Und auf diese Weise die Völker so, quasi zerstritten zu machen, das ist schon traurig.

Frenzel: Lassen Sie uns noch kurz auf Deutschland schauen, auf die Rolle Deutschlands. Sie beobachten das ja auch als Korrespondentin. Der Versuch, da ja irgendwie eine Vermittlerrolle einzunehmen, zwischen Ost und West. Wie sehr schaut man die Kiew darauf wie sich die Bundesregierung verhält?

Fiebrig: Das ist für Kiew sehr interessant. Gerade Angela Merkel, ihr gehört eine besondere Rolle auch zugeschrieben, deswegen wird nach Berlin mit einem großen Interesse geschaut.

Wie das dann bewertet wird unter den Ukrainern, das ist dann unterschiedlich. Und eben was man dann auch davor wusste. Aber an sich ist eigentlich Deutschland sehr präsent in den ukrainischen Medien und alles, was Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier gesagt haben, wird auch weitergegeben.

Aber man verfolgt vielleicht auch weniger quasi diesen Entscheidungsprozess sondern man will die Entscheidungen, die Deutschland und Berlin, in der Europäischen Union gefasst werden, was die weitergeben.

Also, was die Ukraine interessiert, gibt es jetzt Sanktionen oder nicht? Was machen dann ... gibt es was Konkretes, - und diese quasi Gedankenspiel, was wir damit machen, das wird vielleicht weniger Interesse finden als konkrete Entscheidungen.

Frenzel: Vielen Dank für diese Einschätzungen. Vielen Dank für dieses Gespräch und Ihrem Besuch im Studio!

Fiebrig: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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