Dienstag, 3. März 2015MEZ21:22 Uhr

Buchkritik

Michael WildenhainGeschichte einer Verblendung
(picture alliance / Stephan Persch)

"Das Lächeln der Alligatoren" befasst sich mit großen Themen: Liebe, deutsche Geschichte, politischer Terror. Mit seinem neuen Roman gelingt es Michael Wildenhain, die Verstrickungen von Privatem und Politischem anschaulich zu erzählen.Mehr

Russlands GeschichteVon Stalin zu Putin
Russische Politiker legen an einer Stalin-Büste in Moskau im Mai 2013 Blumen nieder. (picture alliance / dpa / Vladimir Fedorenko)

"Hundert Jahre Revolution" nennt der britische Historiker Orlando Figes sein neues Russland-Buch. Er beschreibt den beispiellosen Terror gegen das Volk unter Stalins Herrschaft und erklärt, warum die Tradition des autoritären Staates bis heute fortwirkt.Mehr

RomanAuf den Spuren des Urgroßvaters
Autorin Anne Weber (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)

In ihrem Buch "Ahnen" spürt die Autorin Anne Weber der Geschichte ihres Urgroßvaters nach. Der Pfarrer war ein Freund von Walter Benjamin und Martin Buber - und zugleich ein glühender Nazi, der vorschlug, die Insassen einer "Irren- und Idiotenanstalt" zu vergiften.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.01.2013

Tyrannei eines verleumderischen Nachbarn

Dirk Kurbjuweit: "Angst", Rowohlt Berlin 2013, 253 Seiten

Im Treppenhaus trifft man sie für kurze Zeit: Nachbarn halten manch schwelenden Konflikt bereit. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Im Treppenhaus trifft man sie für kurze Zeit: Nachbarn halten manch schwelenden Konflikt bereit. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Ein Mieter im Souterrain mit düsterer Vergangenheit erweist sich schon bald als Albtraum. Dirk Kurbjuweits Roman erzählt davon, wie sich Angst in die Köpfe auch derjenigen einschleicht, die vermeintlich angstfrei leben könnten.

Ein Vater hat sich für seinen Sohn und dessen Familie geopfert. Ein Vater – der 78-jährige Hermann Tiefenthaler – hat mit einem Kopfschuss aus seiner Walther PPK das Leben des Mannes beendet, der bereits seit Monaten den 45-jährigen Architekten Randolph Tiefenthaler und seine Frau Rebecca terrorisierte. So beginnt Dirk Kurbjuweit seinen sechsten Roman "Angst", der in der für diesen Autor so charakteristischen stilistischen Gelassenheit von den Zuspitzungen in der Psyche eines Menschen erzählt. Ich-Erzähler Randolph, der zu Anfang seinen zu acht Jahren Haft verurteilten Vater im Gefängnis besucht, muss sich "von der Seele schreiben", was ihn und seine Familie monatelang aus der Bahn warf.

Aus der Absicht, in einer Eigentumswohnung im Berliner Südwesten zu klassisch bürgerlicher Ruhe zu kommen, wurde nichts. Der Mieter im Souterrain, Dieter Tiberius, ein Hartz-IV-Empfänger mit düsterer Heimvergangenheit, erweist sich bald als Albtraum. Erst behelligt er Rebecca mit Liebesbeteuerungen; dann unterstellt er ihr und Randolph, ihre beiden Kinder sexuell zu missbrauchen, und erstattet Anzeige. Empört wendet sich das Ehepaar an die Polizei, schaltet eine Anwältin ein – und muss feststellen, dass ihr fester Glaube an den Rechtsstaat und seine Eingriffsmöglichkeiten tief erschüttert wird. Kein Weg scheint gangbar, um der Tyrannei des verleumderischen Mieters einen Riegel vorzuschieben, und auch die Versuche, den Widersacher mit Geld oder Drohungen einzuschüchtern, fruchten nichts.

Dirk Kurbjuweit erzählt auf beharrlich nachdrückliche Weise davon, wie sich "Angst" in die Köpfe auch derjenigen einschleicht, die vermeintlich angstfrei leben könnten, und wie aus Vorwürfen allmählich Fantasiebilder werden, die die Absurdität der Vorwürfe perfide untergraben und Misstrauen unter den Eheleuten säen. Dass die Entstehung von Angst unterschiedliche Ursachen hat, zeigt der Roman – ohne je zum illustrierten Psychologiekursus zu werden – am Beispiel der Tiefenthaler’schen Familiengeschichte.

Als Sohn Randolph (wie sein Autor übrigens) 1962 geboren wird, regieren die Kuba-Krise und die Furcht vor einem neuerlichen Weltkrieg. Vater Hermann reagiert darauf mit dem Bau eines Bunkers und der Bereitstellung eines Waffenarsenals, das seine Familie permanent in Angst und Schrecken versetzen wird. Gleichzeitig scheint auch die Stadt Berlin besonders geeignet zu sein, um eine allenthalben spürbare Überempfindlichkeit in die Katastrophe umschlagen zu lassen.

Wo alles "überladen mit Eindrücken, Geräuschen, Begegnungen, Zumutungen aller Art" ist, genügt ein "kleines Mehr", um seine Bewohner in die Verzweiflung zu treiben, in die "Neurasthenie, wie das früher hieß". Die Tiefenthalers halten diesem Druck nicht stand, und es zeigt Dirk Kurbjuweits großes literarisches Geschick, uns dieses explosive Gemisch beklemmend nah zu bringen. Darüber hinaus ist "Angst" ein bewegender Eheroman, der mit einer überraschenden Pointe endet, die hier gewiss nicht verraten sei.

Besprochen von Rainer Moritz

Dirk Kurbjuweit: Angst. Roman
Rowohlt Berlin 2013
253 Seiten, 18,95 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Von den Ängsten erzählen
Kein Land für Unschuld
"Wutbürger"