Interview / Archiv /

Tsolakidis: "Überhaupt keine Hoffnung!"

Mitbegründer der griechischen Kartoffelbewegung setzt keine Erwartungen in neue Regierung

Elias Tsolakidis im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Tsolakidis: In der neuen Regierung "sind genau die gleichen Leute".
Tsolakidis: In der neuen Regierung "sind genau die gleichen Leute". (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Die neue griechische Regierung werde genau wie die alte nur die kleinen Leute zur Kasse bitten, vermutet Elias Tsolakidis. Verzweiflung klingt aus seinen Worten, wenn er vorrechnet, wie wenig seiner Familie zum Leben bleibt. Derzeit ist die Troika in Griechenland unterwegs, um zu überprüfen, ob die Sparauflagen eingehalten werden.

Jan-Christoph Kitzler: Möglicherweise verschärft sich jetzt noch mal die Krisenstimmung in Athen. Eigentlich war ja die Hoffnung, dass Griechenland mit der neuen Regierung in ruhigeres Fahrwasser kommt, aber das sind mal wieder Tage der Abrechnung. Die Troika ist im Land, die Kontrolleure der EU, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds, sie wollen einen Kassensturz machen, und sie wollen bewerten, wie es um die Reformen steht, die Griechenland versprochen hat, damit weiter die Hilfsgelder fließen. Vielleicht ist das alles nur die besorgte Außenansicht auf das Land – bei all den Milliarden, um die es geht, vergisst man so leicht, dass viele Griechen in die Armut gerutscht sind, 22 Prozent Arbeitslosigkeit, viele können sich nicht mehr das leisten, was sie zum Leben brauchen. Die Kartoffelbewegung will da etwas Abhilfe schaffen. Ich bin verbunden mit Elias Tsolakidis, der sie mitbegründet hat und der ein Pendler ist zwischen Deutschland und Griechenland. Schönen guten Morgen!

Elias Tsolakidis: Guten Morgen!

Kitzler: Fangen wir mal bei der Troika an: Sorgt das überhaupt noch für Panik bei den Griechen oder sagen sich viele, schlimmer kann es eh nicht mehr kommen?

Tsolakidis: Ja, eben! Es ist genau so wie Sie das sagen. Panik wofür? Von einem Menschen, der nichts hat, können Sie nichts bekommen. Das ist ganz einfach. Wissen Sie, Reformen hin und Reformen her, die Rentner können diese Rechnung nicht bezahlen. Die Lehrer – ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Meine Frau ist Lehrerin. Sie bekam vor zwei Jahren 1.300 Euro, und heute bekommt sie 700. Allein für unsere fünfköpfige Familie in Griechenland brauchen wir nur für Milch 90 Euro im Monat. Können Sie sich das vorstellen?

Kitzler: Die Preise sind die gleichen geblieben, gleichzeitig ...

Tsolakidis: Nein, die Preise haben sich erhöht!

Kitzler: Haben sich im Gegenteil sogar erhöht?

Tsolakidis: Ja, und das kann nicht sein, das kann nicht sein. Sie können nicht von einem Rentner, der 320 Euro im Monat Rente bekommt, Sie können nicht von ihm verlangen, dass er noch Steuern über 5.000 Euro bezahlt – die Rechnung geht nicht auf. Deswegen mache ich mir überhaupt keine Hoffnung.

Kitzler: Mit der Kartoffelbewegung wollen Sie da Abhilfe schaffen. Wie funktioniert das denn überhaupt? Der Name ist ja ein bisschen komisch.

Tsolakidis: Ja, also es ist Folgendes: Vor sechs Monaten ungefähr, vor dem Weißen Turm in Thessaloniki haben Kartoffelbauern Kartoffeln umsonst verteilt, sie wollten – das war ein Protest – sie wollten protestieren, weil sie produzieren Kartoffeln, verkaufen ihre Kartoffeln an die Großhändler für 12, 15 Cent, und die Endverbraucher kauften die Kartoffeln für 90 Cent im Supermarkt. Irgendjemand verdient dazwischen sehr viel. Also wir haben uns überlegt, diese Kartoffelbauern anzusprechen und sie zu fragen, ob sie uns eine große Menge Kartoffeln verkaufen könnten, die wir übers Internet bestellen könnten. Sie waren damit einverstanden, wir haben einen Preis mit denen vereinbart, natürlich alles gegen Rechnung, ganz offiziell, und sie wollten 23 Cent pro Kilo haben, und wir haben ihnen 25 Cent pro Kilo gegeben. Also das ist ein Zehn-Kilo-Sack für 2,50 Euro. Und innerhalb von Stunden hatten wir eine Bestellung von 24 Tonnen. Tatsächlich, der Bauer kam zu uns nach Katerini, hat hier seine Kartoffeln innerhalb von wenigen Stunden verkauft und hat die nächste Bestellung über 75 Tonnen bekommen. Und das haben natürlich andere Städte auch mitgemacht ...

Kitzler: Das heißt, der Bedarf ist riesig an so einem Projekt.

Tsolakidis: Der Bedarf ist riesig, weil wir kriegen die Produkte, von denen wir sprechen, also Mehl, Olivenöl, Reis, Kartoffeln, Zwiebeln, für ein Drittel des Preises.

Kitzler: Kann man das so zusammenfassen, die Hoffnung in die griechische Politik ist am Nullpunkt angelangt, aber es gibt immer noch die Kraft der Griechen, sich irgendwie selbst zu helfen?

Tsolakidis: Gucken Sie mal, etwa 30 Prozent der Menschen haben für eine neue Regierung gewählt. Sie sind dafür und sie haben Hoffnung. Ich habe keine Hoffnung. Das muss ich klarstellen, ich gehöre zu den Menschen, die von dieser neuen Regierung nicht viel erwarten, weil im Grunde genommen – das sind genau die gleichen Leute.

Kitzler: Reden wir am Ende noch mal kurz über das Verhältnis zwischen Griechen und Deutschen. Sie sind ja ein Pendler zwischen beiden Ländern, es gibt da ja viele negative Bilder. Die Deutschen haben Angst um ihre Steuergelder, gleichzeitig schimpfen die Griechen über die Deutschen, die hart sind – sind das alles nur mediale Produkte, mediale Bilder oder gibt es Ihnen da auch zu viele Missverständnisse zwischen Deutschen und Griechen?

Tsolakidis: Ich muss sagen, das ist – erlauben Sie mir bitte den Ausdruck – das ist ein billiges Spiel. Das ist ein billiges Spiel, also die Medien haben dazu beigetragen, dass ein sehr negatives Bild auf beiden Seiten entstanden ist, das finde ich sehr schade. Die Völker müssen untereinander solidarisch sein, genau so wie die Griechen untereinander, genau so müssen auch die Deutschen mit den Griechen solidarisch sein und umgekehrt auch. Und nicht, weil wir Schulden haben!

Kitzler: Vielleicht ist das Problem ja, dass auch wir in Europa irgendwie mit der griechischen Politik rechnen müssen, dass die was bewegt. Und wenn noch nicht mal die Griechen die Hoffnung haben, haben es vielleicht die Europäer auch nicht.

Tsolakidis: Ja, ich gebe Ihnen recht. So ist es. Ich kann von der heutigen Regierung nicht viel erwarten. Das tut mir leid, so ist es. Sie haben mich enttäuscht, sie sind nicht in der Lage – gucken Sie mal, wie kann jemand bezahlen, ohne Geld zu haben? Das Land muss dafür sorgen, dass die Entwicklung kommt. Aber wie soll die Entwicklung kommen, wenn die Großen nicht angetastet werden? Wenn Sie nicht bezahlen – ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Hochtief ist in Griechenland tätig, hat in Athen den Flughafen gebaut. Der Flughafen schuldet 500 Millionen Euro an den griechischen Staat, aber sie bezahlen nicht. Der Rentner muss das bezahlen, das geht nicht, diese Rechnung geht nicht auf, und diese Regierung, die an der Macht ist, wird genau das Gleiche machen wie die letzte, sie wird diese Leute nicht an die Kasse bitten.

Kitzler: Keine Hoffnung also in die griechische Politik und keine in den griechischen Staat, aber trotzdem noch Kraft zur Selbsthilfe – das war Elias Tsolakidis, der Mitbegründer der sogenannten Kartoffelbewegung und ein Pendler zwischen Deutschland und Griechenland. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tsolakidis!

Tsolakidis: Auf Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links bei dradio.de:

Mit Kartoffeln gegen den Wucherkapitalismus - <br> Nahaufnahmen aus Griechenland: Bürger wehren sich gegen überhöhte Preise

Rein in die Kartoffel, raus aus der Kartoffel - <br> Andrea Mavroidis' Reisetagebuch aus Griechenland

Tagebuchnotizen aus Griechenland - <br> Reporterin Andrea Mavroidis' persönlicher Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Interview

KoalitionStefan Liebich: Rot-Rot-Grün ist möglich

Stefan Liebich, (Die Linke) aufgennommen am Sonntag (23.10.2011) während des Bundesparteitag seiner Partei in Erfurt.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich sieht Gemeinsamkeiten mit SPD und Grünen in der sozialen Umverteilung. Er zeigt sich aber skeptisch, was ein mögliches Bündnis mit den beiden anderen Parteien betrifft.

Reich der MitteChinas Angst vor dem Abstieg

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält in Peking bei einem deutsch-chinesischen Forum für Energieeffizienz vor einer Plakatwand stehend eine Rede.

Der Umschwung vom Wachstumsmodell zum Hochlohnland schaffe die Notwendigkeit von Reformen in China, sagt die Wissenschaftlerin May-Britt Stumbaum. Massive Umweltprobleme wie auch Korruption müssten bekämpft werden.

Ukraine-Konflikt"Da fehlt die politische Führung"

Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Deutschlandfahne

Der frühere Verteidigungsstaatssekretär Walther Stützle wirft der Bundesregierung schwere Versäumnisse in der Sicherheits- und Russlandpolitik vor. Deutschland habe seine konzeptionell führende Rolle in der transatlantischen Allianz verloren.