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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 23.02.2011

"True Grit"

Ein moderner Western der Gebrüder Coen

Von Hans-Ulrich Pönack

Das Western-Genre hat seine besten Filmjahre längst hinter sich, und nur so ein – im allerbesten positiven Sinne – "verrücktes Brüder-Paar" wie das der Coen konnte es heute so wieder beleben, dass daraus bestes Erlebniskino wurde.

Dabei ist die Geschichte keine unbekannte. Weder auf Papier noch auf Zelluloid: Vom 1933 in der Ölstadt El Dorado im US-Bundesstaat Arkansas geborenen Schriftsteller Charles Portis stammt der Roman "True Grit" ("Echter Schneid"). Er erschien 1968 als sein bis dato zweiter Roman. Der hierzulande damals unter dem Titel "Die mutige Mattie" veröffentlicht wurde. Hollywood-Regisseur Henry Hathaway verfilmte ihn bald darauf unter dem originalen Romantitel; bei uns kam er am 21.8.1969 unter dem Titel "Der Marshal" (= deutscher DVD-Titel heute: "Der Marshall") in die Kinos. Mit John Wayne in der Haupt-/Titelrolle, der "dafür" mit dem "Oscar" als "Bester Hauptdarsteller" ausgezeichnet wurde (seinem einzigen übrigens). Das "Lexikon des Internationalen Films" urteilte einst: "Breit angelegter Western, der seine Geschichte mit Humor erzählt und in Darstellung und Kameraarbeit über dem Durchschnitt liegt."

Joel (links) und Ethan Coen besuchen die Berlinale 2011. (picture alliance / dpa)Joel (links) und Ethan Coen besuchen die Berlinale 2011. (picture alliance / dpa)Die Coen-Brüder zählen zu den spannendsten Filmkünstlern der Gegenwart. Joel (geboren am 29.11.1954) & Ethan (21.9.1957) machen seit 1984 ("Blood Simple") gemeinsam ihre Spielfilme, sowohl als Autoren wie auch als Regisseure und zumeist auch als eigene Cutter (unter dem Pseudonym Roderick Jaynes). Diese bewegen sich abseits des herkömmlichen hollywoodschen Mainstreams, wurden weltweit als reizvolle, interpretations-spannende Werke wahrgenommen und hofiert. Und vielfach prämiert: Die Coen-Brüder sind vierfache "Oscar"-Preisträger (1 x für "Fargo"/Original-Drehbuch + 3 x für "No Country for Old Men"/Drehbuch, Regie + Film); bekamen 1991 in Cannes die "Goldene Palme" für "Barton Fink". Schufen feine cineastische Tollhausstücke wie "The Big Lebowski" (1998; mit Jeff Bridges), "O Brother, Where Art Thou?" (2000; mit George Clooney), "Burn After Reading" (2008) oder zuletzt "A Serious Man".

Nun also: Ein Western ist ein Western ist ein Western. 10-fach "Oscar" nominiert. Als 1:1-Road Movie. Das heißt - die sonst so verwinkelten, schönen, spitzen Anspielungen, Verweise, Gesten, Doppelbödigkeiten zum genussvollen Interpretieren, Schmunzeln und Mögen gibt es diesmal nicht. "True Grit" ist 2011 ein Leinwand-Western bester Tradition. Und beginnt in Fort Smith, Arkansas, anno 1872. Bis dorthin fährt die Eisenbahn, hier ist Endstation, "danach" folgt (noch) der Ursprung, die Wildnis. Und hier taucht die 14-jährige Mattie Ross (was für eine Entdeckung: Hailee Steinfeld) auf. Ihr Farmer-Vater wurde umgebracht. Vom Outlaw Tom Chaney (Josh Brolin). Da dies "amtlicherseits" zwar bedauert, aber nicht weiter verfolgt wird, nimmt sie "die Geschicke" selbst in die Hände und engagiert, für 100 Dollar, den heruntergekommenen, versoffenen einäugigen Marshall Rooster Cogburn (Jeff Bridges), der seine ganz eigenen Vorstellungen von Recht und Gesetz hat, gerne erst schießt und hinterher fragt, weshalb sein "offizieller Ruf" nicht gerade der Beste ist und er auch schon einige Male vor Gericht "Auskunft" zu geben hatte.

Cogburn ist (zögerlich) bereit, den Job zu übernehmen und Chaney seiner gerechten Strafe zuzuführen. Doch er ist keinesfalls gewillt, diese junge energisch-störrische kleine Lady auf den unwegsamen Weg durch die Wildnis und das Indianergebiet mitzunehmen. Doch da kennt er Mattie Ross schlecht. Die ist fortan ebenso mit dabei wie der Texas-Ranger LaBoeuf (Matt Damon), ein noch ziemlich junger, stolzer Schnösel, der auf das Kopfgeld für Tom Chaney "scharf" ist und mit dem "stinkenden" Cogburn überhaupt nicht klarkommt. Ein sehr ungleiches Trio macht sich also daran, die Welt wieder einmal "ein bisschen gerechter" zu gestalten und vom "Gesindel" zu befreien. Da wäre es eigentlich von Vorteil, wenn man sich unterwegs untereinander wenigstens halbwegs "verstehen" würde; doch das Gegenteil ist der spannende Fall.

Ein prächtiger Rundum-Western. Mit prächtigen Charakteren. Und "technisch" wie gedanklich 1:1: das, was wir sehen, ist auch so. Keine Fallstricke, keine Seiteneinsteiger-Figuren, keinen doppelter Boden mit Intensiv-Fallen. Wir haben den Marshall (heute mit zwei ll), seine Quasi-"Reise-Tochter", den zickigen Texas-Bubi und die ganz Fiesen von der Abschussliste. Man reitet, trinkt, futtert Undefinierbares, duelliert sich. Kriegt ´ne ganze Menge ab. Erzählt nach und nach "so einiges". Weises, Komisches, halt Grummelzeugs. Wie das halt so ist, wenn man eine Zeit lang so eng aufeinanderkluckt. Schöne Motive, große Gefühle, temperamentvolle Ausbrüche, existenzielle Ansichten über das noch "ungeordnete" USA-Land. Wo der Unterschied zwischen Gesetz und Gesetzesbefolgung noch nicht doll "ausgeprägt" ist.

Es bereitet viel Spaß, hier zuzuschauen. Und vor allem - zuzuhören. Denn die Akteure sind grandios. "Obercool" Jeff Bridges, einst schon als "Dude" Big Lebowski im schrägen Einsatz, setzt seinen stoischen Vorjahres-"Oscar"-Loser-Part als Bad Blake in "Crazy Heart" begeisternd fort. Man sollte, man muss sich ihn in der Originalsprache (mit Untertiteln) antun, wie er da "südstaatisch" undefinierbar-köstlich herumgrunzt; das ist einfach unglaublich schön-queres Gebrabbel. Der 61-Jährige ist auf dem Höhepunkt seiner langen Karriere angelangt (und übrigens gerade ja auch "ordentlich" in "Tron: Legacy" auf der Leinwand zu erleben). Tapert als fluchender Fett-Oldie "präsent" durch die Prärie und überlässt seiner (bei den Dreharbeiten 13-jährigen) vorzüglichen Partnerin Hailee Steinfeld mit die reizvolle Bühne. Und wie dieses kraftvolle, selbstbewusste Persönchen ihre Mattie Ross dominant "durchzieht", ist glaubwürdige Power-Persönlichkeit vom Allerbesten. Während der prominente "Rest" (wie Matt Damon, Josh Brolin und Barry Pepper) sich für aufmüpfige Stichworte nicht zu schade ist.

"True Grit" von den Coen-Brüdern ist ein atmosphärischer, brillanter Edel-Cinemascope-Western. Knapp zwei Stunden Klasse-U(nterhaltungs-)Kino.

Regie: Joel & Ethan Coen, USA 2010, 110 Minuten

Filmhomepage

Links bei dradio.de:

Interview mit den Gebrüdern Coen

Ein Western in Anführungsstrichen <br> Die Coen-Brüder sprechen auf der Berlinale über ihren neuen Film "True Grit"

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Schon Farbe ist den Coens zu viel
Ein Western in Anführungsstrichen

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