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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.12.2008

Troge: An Klimaschutzzielen festhalten

Umweltexperte lehnt längere Schonfristen ab

Andreas Troge im Gespräch mit Christopher Ricke

Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (AP)
Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (AP)

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, hat vor einer Aufweichung der Klimaschutzziele gewarnt und längere Schonfristen für bestimmte Wirtschaftsbereiche abgelehnt. Die deutschen Unternehmen müssten sich den Anforderungen stellen, um nicht den Anschluss bei der Weiterentwicklung innovativer Klimaschutztechniken zu verlieren, sagte Troge.

Christopher Ricke: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Also muss man sich jetzt entscheiden und man muss sich vielleicht auch entscheiden, ob man jetzt das Weltklima rettet oder ob man jetzt die Weltwirtschaft rettet. Es geht darum, ob man wirklich Porsche und Mercedes, die Stahlchemie und Zementindustrie in Bausch und Bogen verdammen darf, weil sie große CO2-Emitenten sind, oder ob man sie etwas behutsam behandeln muss, weil sie auch sehr viele Arbeitsplätze bieten. Das alles kurz vor dem EU-Gipfel, der am Donnertag und Freitag in Brüssel schärfere Umweltauflagen beschließen will. Ich spreche jetzt mit dem Präsidenten des Umweltbundesamtes Andreas Troge. Guten Morgen, Herr Troge!

Andreas Troge: Schönen guten Morgen, Herr Ricke!

Ricke: Der Bundeswirtschaftsminister Michael Glos von der CSU hat es ja klar gesagt, es ist ungeheuer wichtig, dass wir beim Klimapaket erreichen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nicht gefährdet wird. Wer wagt da ihm zu widersprechen?

Troge: Wenn damit gemeint ist, es darf sich nichts ändern an unserer augenblicklichen Produktionszusammensetzung, dann widerspreche ich. Es ist ganz einfach, wir müssen die Anpassung an den Klimawandel jetzt in unserer Wirtschaft verstärkt machen. Wir haben ja schon einiges gemacht in Deutschland, Stichwort Aufbau der neuen Länder. Das war im Grunde das größte Klimaschutzprogramm, das Europa je gesehen hat. Es kommt im Wesentlichen darauf an, und da nähere ich mich auch Herr Glos, die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft nicht zu überfordern.

Ricke: Wenn wir die Deindustrialisierung Ostdeutschlands als großes Klimaschutzprojekt betrachten, dann kann ich doch auch argumentieren, dass der Rückgang der Produktion in der aktuellen Weltwirtschaftskrise das Klima entlastet. Da muss ich doch darüber hinaus nicht mehr viel unternehmen?

Troge: Ich habe es als Umweltschützer und ich habe Umweltpolitik immer so verstanden, dass sie nicht durch Wohlstandsverzicht und Produktionseinbußen Klimaschutz betreibt, also durch Depression, sondern dass sie die Wohlstandsentwicklung weiter voranbringen will, steigende Pro-Kopf-Einkommen mit Innovationen. Und da muss sich einiges ändern. Wir können nicht jeden jetzt bestehenden Arbeitsplatz sichern und gleichzeitig erwarten, wir könnten mit Klimaschutztechniken vorankommen. Entscheidend ist, dass wir in der Tat mehr in rationelle Energienutzung hineinstecken, mehr in erneuerbarer Energien hineinstecken, hier Arbeitsplätze aufwachsen. Entscheidend wird dann sein, wie schnell das geht. Und ich finde, nachdem der Emissionshandel in den zurückliegenden Jahren seit 2005, sagen wir mal, relativ zahm war, was die Ansprüche anging, ist jetzt die Anpassungszeit lang genug bis 2012 verstärke Anforderungen an alle Wirtschaftsbereiche zu stellen. Nebenbei gesagt, das Wettbewerbsargument, das immer gebracht wird, greift relativ wenig, weil unsere Untersuchungen ergeben, dass nur kleine Bereiche der deutschen Wirtschaft zugleich hohe Energiekosten haben und einem intensiven internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, beispielsweise die Grundstoffchemie, schon weniger die Zementindustrie.

Ricke: Na, sehen wir uns doch mal die Stahlindustrie und das, was daran hängt. Stahl ist emissionsreich, wenn wir Stahl in der Krise weiter belasten, kommt das in den Autofabriken an. Und genau da bangen wir doch alle um die Arbeitsplätze und schauen nach Detroit und sehen, was dort geschieht. Wir müssen doch die deutsche Autoindustrie jetzt schonen, so wie es ja mit dem Kompromiss beim CO2-Ausstoß auch schon als erster Schritt getan worden ist?

Troge: Nein, ich will nicht auf den Kompromiss jetzt eingehen. Das ist ein eigenes Thema, was die Autoindustrie angeht. Wichtig ist doch der große Zusammenhang zunächst einmal. Würde Europa nicht anspruchsvolle Klimaschutzziele auch mit Instrumenten sichern, tatsächlich die Ziele anstreben, so haben wir die Chance auf eine internationale Anschlussregelung zum Kyoto-Protokoll praktisch verspielt. Dies in einer Zeit, in der der gewählte US-Präsident Obama mit Milliarden-Programmen vieles von dem nachholt, was in Deutschland und was auch in der übrigen EU bereits anläuft. Die Unternehmen schießen sich gewissermaßen vielfach selbst ins Knie, wenn sie nicht auf den Pfad der Wettbewerbsfähigkeit in Klimaschutzinnovationen bleiben, weil uns sonst die Amerikaner in den nächsten Jahren sehr schnell den Rang ablaufen werden. Mein Eindruck ist, dass zunächst einmal etwas Druck vom Kessel genommen werden soll durch diverse Lobbyverbände, um Zeit zu gewinnen. Ich sage nur, die Zeit ist da nicht gewonnen, wenn wir nicht gleichzeitig die Anreize in Richtung Klimaschutz setzen und es werden die Unternehmen bei der Regierung auf der Matte stehen in drei bis fünf Jahren und sagen, unterstützt uns gegen die viel stärker gewordene Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten im Bereich erneuerbare Energien und Effizienztechnik.

Ricke: Im Bereich der Umwelttechnik ist Europa führend. Können wir diesen Vorsprung nicht dadurch nutzen, dass wir jetzt etwas langsamer laufen, dass wir nicht immer vorneweg rennen, sondern dass wir uns wirklich jetzt auch in der konventionellen Industrie um den Erhalt der Arbeitsplätze bemühen?

Troge: Wer nicht vorneweg rennt, und ich gebe zu, wir brauchen auch Leute, die uns hinterherlaufen, aber bitte mit etwas Abstand, der wird die Exporterfolge nicht erzielen. Schauen Sie sich an, was die deutsche Windenergieindustrie in den USA für starke Marktanteile hat. Ich weise auf noch ein Thema hin. Schauen wir uns die Kohlekraftwerke an. Wir stehen in Deutschland zwangsläufig vor der Entscheidung, jetzt verstärkt in eine eher verteilte dezentrale Stromversorgung, Stromversorgung und Wärmeversorgung zu gehen über die sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung, die etwa doppelt so effizient ist wie die Kohlekraftwerke, die nur Strom erzeugen. Warum sage ich das? Wir haben in Deutschland Klimafolgen zu befürchten, die eben nicht mehr sicherstellen, dass wir jederzeit für die konventionellen Kraftwerke ausreichend Kühlwasser an jedem Ort haben werden. Und jeder Investor ist klug beraten, dann das zu Kühlende zu reduzieren, indem man eben die Abwärme nutzt und daraus Wärme macht oder Nutzkälte. Sie sehen, es läuft eher Hand in Hand. Die Frage ist, wie lang legt man die Perspektive an.

Ricke: Und wie lang müsste man sie aus Ihrer Sicht anlegen? Ist das nicht eher doch ein Projekt für 30, 40, 50 Jahre?

Troge: Das ist richtig. Vielleicht dauert es ein, zwei Jahrzehnte. Nur, was lange dauert, muss man früh anfangen, Herr Ricke.


Ricke: Vielen Dank, Herr Troge!

Troge: Ich danke Ihnen!

Das Gespräch mit Andreas Troge können Sie bis zum 9. Mai 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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