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Tonart | Beitrag vom 10.02.2016

Trixie Whitley: "Porta Bohemica""Ich wollte nie das Gleiche machen wie mein Vater"

Von Mathias Mauersberger

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(picture alliance / dpa / Martial Trezzini)
Gitarrenmusik spielt bei Trixie Whitleys Werken eine besondere Rolle. (picture alliance / dpa / Martial Trezzini)

Kinder bekannter Musiker haben es oft schwer, aus dem Schatten ihrer Eltern zu treten - so auch Trixie Whitley, Tochter der Bluesrock-Größe Chris Whitley. Mit ihrem zweiten Album schafft sich die gebürtige Belgierin nun ihre eigene musikalische Identität.

"Ich hatte eine ziemlich konfliktreiche Beziehung zu meinem Vater – ich habe ihn fast nie gesehen. Ich wurde von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen, die kein Geld hatte. Wenn die Leute meinen Vater heute idealisieren, dann ist das für mich eine große Konfrontation..."

Trixie Whitley sitzt im Backstage Raum eines Berliner Klubs, sie trägt Kapuzenpulli und Jogginghose, wirkt zurückhaltend und unprätentiös. Es ist schwer, die 28-Jährige nicht mit ihrem Vater in Verbindung zu bringen – die feinen Gesichtszüge, die schlanke Statur, aber auch ihre Stimme und das bluesige Gitarrenspiel erinnern immer wieder an Chris Whitley, den legendären Blues-Gitarristen, der im Jahr 2005 verstorben ist.

"Ich wollte nie das Gleiche machen wie mein Vater. Aber ich konnte ohne Musik nicht atmen oder funktionieren! Das war für mich ein großer Konflikt: Auf der einen Seite fühlte ich mich von meinem Vater im Stich gelassen. Auf der anderen Seite lenkte mich das Schicksal eben auf einen Weg, der fast identisch war wie seiner! Das ist eine viel komplexere Tatsache, als die meisten Leute sich vorstellen können..."

Pendeln zwischen New York und Belgien – eine prägende Erfahrung

Ihre Kindheit verbrachte Trixie Whitley zwischen den Kulturen: Sie wurde in Belgien geboren, zog dann mit ihrer belgischen Mutter zwischen New York und dem belgischen Gent hin und her – eine Erfahrung, die ihr Leben prägte und sich auch im Titel ihres neuen Albums widerspiegelt.  Es ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Euro-City, der von Hamburg nach Budapest fährt.

"Der Titel ‚Porta Bohemica' fühlte sich irgendwie vertraut an. Ich bin sozusagen als ‚Bohemien' aufgewachsen, habe mich nie irgendwo zuhause gefühlt. Als Kind bin ich von New York nach Belgien gezogen, in eine kleine Stadt. Das war eine seltsame Situation – es gab keine Kinder, mit denen ich etwas hätte anfangen können! Ich denke, das hat ein tiefes Gefühl der Einsamkeit in mir erzeugt. Ich fühlte mich so, als würde ich nirgendwo dazugehören ..."

Ironischerweise war es Daniel Lanois, der Trixie Whitley im Jahr 2008 zu ihrer Karriere als Musikerin verhalf. Der Produzent von U2 und Peter Gabriel hatte in den 90er-Jahren schon mit ihrem Vater zusammengearbeitet – er verpflichtete die Sängerin für sein Projekt "Black Dub". Eine Allstar-Band mit Rolling Stones-Bassist Daryl Johnson und Jazz-Legende Brian Blade am Schlagzeug.

"Ich erinnere mich, dass ich total überwältigt und verängstigt war – und mich ständig fragte, wieso diese Leute ausgerechnet mit mir arbeiten wollten. Das konnte ich überhaupt nicht verstehen. Erst jetzt, nach meinem zweiten Album, wird mir langsam klar, warum: weil ich tatsächlich etwas zu bieten habe – und das lange Zeit nicht wahrhaben wollte..."

Für ihr neues Album reiste Trixie Whitley quer durch die USA: In New York, Tennessee und Los Angeles nahm sie jeweils Teile der Songs auf – tauschte immer wieder Mitmusiker aus, spielte neben Gitarre und Klavier auch das Schlagzeug selber ein. Das Ziel sei es gewesen, sich vom eigenen Perfektionismus zu befreien, und die Magie des Augenblicks einzufangen.

Der Instinkt als Quelle der Kreativität

"Die Intention des Albums war für mich ganz klar: Ich wollte mich in völliger Offenheit üben. So dass die Quelle meiner Kreativität nicht durch Bewertungen, Zynismus oder vorgefertigte Theorien verdeckt werden konnte – ein sehr instinktives Vorgehen! Da wären wir dann auch wieder bei dieser mysteriösen Zug-Linie – eine Metapher, die den kreativen Entstehungsprozess des Albums für mich gut beschreibt."

Zerbrechliche Balladen und düsterer Blues: Mit ihrem zweiten Solo-Album hat Trixie Whitley endgültig ihre Nische gefunden. Es ist schwer, den Stil der 28-Jährigen zu definieren – und doch sind die wandelbare Stimme, das kantige Gitarrenspiel und die unkonventionellen Arrangements unverkennbar, heben die New Yorkerin aus dem Meer junger Pop-Sängerinnen heraus. "Porta Bohemica" ist das reife Werk einer selbstbewussten Künstlerin, und für Trixie Whitley nur eine weitere Etappe auf dem Weg zu künstlerischer Freiheit und Selbstbestimmung.

"Ich denke, dieses Album zeigt, wo ich als Künstlerin momentan stehe. Mir geht es darum, Stärke in meiner eigenen Verletzlichkeit zu finden. Man braucht dazu eine Menge ‚Eier'. Die meisten Leute haben nicht den Mut, sich verletzlich zu zeigen. Das hat auch mit unserer Kultur zu tun: Sensibilität wird als schwach dargestellt – aber es ist das Gegenteil! Wenn du dich mit deiner eigenen Verletzlichkeit wohl fühlst, dann ist das eine sehr starke Eigenschaft!"


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