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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.08.2012

Triumph der Homophobie

Warum es homosexuelle Eltern in Deutschland noch immer so schwer haben

Carolin Emcke im Gespräch mit Susanne Burg

Eine gehisste Regenbogenflagge am Hamburger Rathaus (picture alliance / dpa / Malte Christians)
Eine gehisste Regenbogenflagge am Hamburger Rathaus (picture alliance / dpa / Malte Christians)

Argentinien macht es vor - dort wurden jetzt zwei Männer offiziell auch als Eltern anerkannt. Ein Durchbruch, von dem man hierzulande nur träumen kann, sagt die Autorin Carolin Emcke. Hier in Deutschland würden gleichgeschlechtlichen Eltern noch immer viele Steine in den Weg gelegt.

Susanne Burg: Inwieweit sich Deutschland ein Vorbild an Argentinien nehmen sollte und wie gleichgeschlechtliche Paare, die hier Kinder haben wollen oder welche haben, mit der rechtlichen Situation umgehen, darüber will ich nun mit der Journalistin Carolin Emcke sprechen. Von ihr ist in diesem Jahr das Buch "Wie wir begehren" erschienen – eine sehr persönliche und dann doch auch gesellschaftspolitische Geschichte über ihre Lust auf Frauen. Guten Tag, Frau Emcke!

Carolin Emcke: Ja, hallo, guten Tag, Frau Burg!

Burg: Werfen wir also einen Blick auf die deutsche Situation und beginnen wir am Anfang: Ein lesbisches Paar hat einen Kinderwunsch und überlegt, eine künstliche Befruchtung vorzunehmen. Die Richtlinie der Bundesärztekammer von 2006 schließt aber die künstliche Befruchtung bei gleichgeschlechtlicher Partnerschaft aus. Welche Möglichkeiten haben diese beiden Frauen dann

Emcke: Ja, man muss erst mal sagen, das, was wir gerade eben im Beitrag gehört haben, ist tatsächlich eine Sensation, also da hinkt Deutschland lange hinterher. Wenn in Deutschland lesbische Paare Kinderwunsch haben, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die allerdings eben von nach wie vor in der diskriminierenden Gesetzgebung einfach beschränkt wird. Die eine Möglichkeit ist, eine Frau, eine einzelne Frau aus einem lesbischen Paar stellt einen Antrag auf Adoption. Es ist in Deutschland nicht möglich, für zwei Frauen oder zwei Männer als Paar ein Kind zu adoptieren. Es ist relativ grotesk, man sollte ja annehmen, dass der Gesetzgeber es besser findet, wenn ein Kind zwei Eltern hat, kurioserweise trumpft da die Homophobie sozusagen in diesem Familienkonzept. Und insofern, es gibt eine Möglichkeit, das ist, eine einzelne Frau aus einem solchen Paar stellt Antrag auf Adoption als Single.

Und das Zweite ist, das haben Sie gerade erwähnt, bei der Möglichkeit der Fremdinsemination – also das heißt, dass es einen Samenspender von einer Samenbank gibt –, können heterosexuelle Paare, bei denen aus welchen Gründen auch immer der Kinderwunsch nicht erfüllbar ist, zu einer solchen Samenbank gehen und einen fremden Samen verwenden, um ein Kind zu bekommen, um diesen Kinderwunsch erfüllt zu bekommen. Das dürfen lesbische Paare nicht, da gibt es – das haben Sie gerade erwähnt – diesen Kommentar der Ärztekammer, die davon abrät.

Die dritte Variante ist: Eine von zwei Frauen aus einem lesbischen Paar ist die biologische Mutter von einem Kind, sei es, weil sie ein Kind aus einer früheren heterosexuellen Beziehung hat, sei es, weil sich irgendein Freund oder Bekannter als Samenspender zur Verfügung gestellt hat. Dann gibt es die Möglichkeit einer sogenannten Stiefkindadoption, also die zweite Frau, die nicht biologische Mutter, kann ein solches Kind adoptieren.

Burg: Bleiben wir mal dabei. Also sagen wir mal, eine Frau hat jetzt ein leibliches Kind, die Partnerin kommt dazu oder ist schon da – seit 2005 gibt es dieses Recht auf Stiefkindadoption.

Emcke: Exakt.

Burg: Das bedeutet, dass eben der Partner das leibliche Kind des anderen Partners adoptieren kann.

Emcke: Genau, richtig.

Burg: Hat das ein Stück weit Gleichberechtigung gebracht, wie ordnen Sie das ein?

Emcke: Na ja, ich würde mal sagen, das ist irgendwie ein Schritt in die richtige Richtung, nur grundsätzlich muss man sagen, all meine langen Erklärungen, die ich jetzt gerade gegeben habe, wären natürlich völlig hinfällig, wenn man einfach einmal sagen würde, eine Familie ist, wo Kinder leben – das würde das rechtlich schon mal enorm vereinfachen –, und indem man aus dieser mühsamen Konstruktion der eingetragenen Partnerschaft für homosexuelle Paare, die in der Tat bestimmte rechtliche Zusicherungen gegeben hat, aber eben immer noch lange hinter einer schlichten Ehe hinterherhinkt, wenn man das einmal, wie in Argentinien der Fall gewesen ist, einfach angleicht.

Burg: Die Situation homosexueller Elternschaft in Deutschland ist das Thema hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit der Journalistin und Buchautorin Carolin Emcke. Wir sprachen eben über das Problem der Eheschließung, aber es ist ja auch so, dass durchaus die Politik schon über Adoptionsrecht für homosexuelle Paare debattiert hat, 2009, und Sie greifen das auch in Ihrem Buch "Wie wir begehren" auf. Sie zitieren da Volker Kauder, den Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der sagte damals, es gehe bei dem Adoptionsrecht, Zitat "allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und nicht um das Wohl der Kinder".

Emcke: Ich liebe diesen Satz.

Burg: Wie klang das in Ihren Ohren?

Emcke: Ehrlich gesagt, den Satz liebe ich, ja, also bei einem Kinderwunsch von homosexuellen Paaren geht es irgendwie nicht um das Wohl des Kindes, sondern irgendwie nur um die Selbstverwirklichung von Schwulen und Lesben.

Ich glaube erstens, Herr Kauder kann nicht bestimmen alleine, was sozusagen der richtige Kinderwunsch und was der falsche Kinderwunsch ist. Entscheidend finde ich bei dieser Frage doch nur, dass Menschen, die gerne ein Kind haben möchten, ein Kind, das sie dann bekommen, mit aller Unterstützung der Gesellschaft und des Staates lieben dürfen. Was soll daran verwerflich sein? Und das spricht Herr Kauder immer nicht aus.

Ich vermute, eine der unterdrückt mitschwingenden Vorstellungen ist, na ja, wenn dann so ein Kind bei zwei Frauen aufwächst oder wenn ein Kind bei zwei Männern aufwächst, dann wird das Kind vielleicht schwul. Immer wieder schwingt bei diesen Gesetzgebungsverfahren oder eben bei diesen Politiken, die nach wie vor Homosexuelle benachteiligen, immer diese Angst mit, Kinder könnten bei homosexuellen Eltern aufwachsen, anstatt dass man sich darüber Gedanken macht, wie Kinder in Elternhäusern aufwachsen, wo sie nicht geliebt, wo sie nicht erwünscht, wo sie misshandelt werden.

Burg: Umfragen zufolge möchte heute jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann gerne in einer Familie mit Kindern leben. Wie nehmen Sie denn den Kinderwunsch bei homosexuellen Paaren in Ihrer Umgebung wahr, was stellt diese rechtliche Situation mit diesem Kinderwunsch an?

Emcke: Also ich kenne auch relativ viele Paare, die eben homosexuell sind, die einen Kinderwunsch haben, und ein Stück weit, würde ich sagen, ist die Lebenswirklichkeit von solchen Regenbogenfamilien schon sozusagen viel weiter, als die rechtliche Lage oder auch das Bewusstsein. Ich erlebe auch ganz stark bei all denjenigen, die misstrauisch sind oder unterschwellig eben diese Angst vor Ansteckung haben oder Angst davor haben, dass diesen Kindern geschadet werden könnte. In dem Moment, in dem solche Leute so eine Familie mal erleben und diese Kinder erleben und erleben, dass die genauso männlich oder weiblich oder bockig oder glücklich sind wie alle anderen Kinder auch und dass sich die schwulen und lesbischen Eltern mit exakt denselben Schwierigkeiten oder Freuden herumschlagen wie alle anderen Eltern auch – bis auf eben, dass sie rechtlich nach wie vor benachteiligt werden.

Burg: Ich frag mich auch, was das für die Paare selber bedeutet, in dieser rechtlich unsicheren Situation zu sein, denn ein …

Emcke: Furchtbar, also für …

Burg: … der Partner, der nicht das leibliche Elternteil ist, der lebt ja immerhin in so einer Unsicherheit, na ja, was ist, wenn meinem Partner was passiert, was ist, wenn wir uns trennen. Was stellt das mit der Psyche eines Menschen an?

Emcke: Absolut. Also ich muss für mich selber auch sagen, wenn ich darüber nachdenke, nehmen wir mal an, ich würde ganz gerne ein Kind adoptieren, die Vorstellung, es könnte nur ich oder nur meine Freundin ein Kind adoptieren und nicht wir zusammen, finde ich eine schreckliche Vorstellung. Ich kann mir gar nicht vorstellen, einen ganzen solchen langen Prozess – das ist ja auch ein langwieriger, komplizierter, bürokratischer Vorgang, auch emotional wahnsinnig, ja, auch belastend, weil man immer so schwankt zwischen eben der Antizipation des Glücks und dann den bürokratischen Hürden, die noch davorstehen.

Die Vorstellung, das könnten wir nicht gleichermaßen durchleben sozusagen, weil dann nur eine wirklich das Kind adoptieren kann, mal ganz zu schweigen davon, was das für das Kind dann bedeutet, wenn es irgendwann so groß ist, dass es das verstehen kann, dass das eine eben mehr Mutter ist vor dem Gesetz als die andere, das ist absurd.

Burg: In Argentinien wurde ein schwules Paar offiziell als Eltern eines Jungen eingetragen. Wie es in Deutschland aussieht, darüber habe ich mit der Journalistin und Buchautorin Carolin Emcke gesprochen. Herzliche Dank, Frau Emcke!

Emcke: Vielen Dank Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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