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Träume aus Gras

Tom Schulz: "Innere Musik", Berlin Verlag, Berlin 2012, 120 Seiten

"Gras für alle" - so lässt Tom Schulz sein "Schwieriges Gedicht" enden.
"Gras für alle" - so lässt Tom Schulz sein "Schwieriges Gedicht" enden. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

In seinem neuen Gedichtband stellt sich Tom Schulz gegen den Lärm der Außenwelt. Das Gras ist sein Leitmotiv in "Innere Musik": das wächst, das schläft, in das das lyrische Ich weinen kann - und das so vielfältige Assoziationsräume öffnet.

Mit dem Titel des neuen Gedichtbandes "Innere Musik" stimmt Tom Schulz eine bestimmte Tonlage an. Innere Musik bildet die Basis der Gedichte, die Klangbildern gleichen. In ihnen ist die Stille in ihrer inneren Gestimmtheit bedeutender, als das Gegenwartsrauschen der äußeren Wirklichkeit. Tom Schulz opponiert mit seinen Verskompositionen gegen den aufdringlichen Lärm der äußeren Welt. Diesem Außen verweigert er sich, indem er versucht, "Inneres" hörbar zu machen.

Der 1970 in der Nähe von Dresden geborene Poet verweist im Eingangsgedicht "Von einem Schlafbaum der Wind" auf die "dünner werdende Luft". Wodurch die Luftknappheit verursacht wird, bleibt ungenannt, vielmehr zeigt das Gedicht, mit welcher Geste sich das lyrische Ich von erwartbaren Einlassungen abwendet. Es dreht sich weg und behält so die Bildhoheit, wenn es sich Konstellationen zuwendet, in denen Schönheit noch in der "Atemtechnik einer flachen Wiese" gesehen wird.

Eher beiläufig rückt die gegenwärtige Lage ins Bild, wenn man erschrickt, dass es "mitten im Leben" ins Herz schneien kann, wenn darauf verwiesen wird, wie sich die Welt jeden Tag "um das Herzzentrum" ("Die Alleinstehende") schließt. In "Schwieriges Gedicht" stellt sich ein lyrisches Ich vor, das sich mit Niederlagen auskennt und es stellt fest, dass "aus den Niederlagen Nachschub wächst". Sie wachsen wie Gras, weshalb es nur konsequent erscheint, wenn das Gedicht mit der Verszeile endet: "Gras für alle".

Vom Gras ist häufig in den Gedichten die Rede. Es gibt "frisches Gras", in das das lyrische Ich weint ("Die Tagesmutter"); das Gedicht "Nysa" beginnt mit den Versen "es schläft das Gras, das Gras / schläft"; in "Bobrowski in Friedrichshagen" gilt es, sich "zu vertiefen in selbst / verständliches Gras" und im Gedicht "Die Lebenslinie" hofft das lyrische Ich, dass es möglich ist, Eigentum zu erwerben, um Gras anbauen zu können. Im letzten Gedicht des Bandes "Am Morgen mit der Herkunftsgarantiebanane" findet sich dann, als würde die innere Musik nur zeitweilig schön klingen können, ein Verweis auf "Katzengras". So erschließen sich über das Gras Assoziationsräume: Gras, in das man sich legen kann; Gras, aus dem sich Träume bauen lassen; Gras, das alles bedeckt, bis jemand kommt, der es nicht wachsen lassen will.

Vom Rauschen des Grases ist es nur ein winziger Moment bis zum Rausch, in den man sich begeben möchte, um das metallische Klappern des Briefkastens "beim Eintreffen der Sirenen" ertragen zu können.

Tom Schulz' Gedichte, geformt aus innerer Musik, besitzen einen verführerischen Klang. Seine Gedichte finden zum Gras und sie beschwören den Schlaf, der ein weiteres zentrales Motiv ist, das sich durch den Gedichtband zieht. Der neue Band vereint Gedichte, die in der Schwebe bleiben wollen. Es geht um Momente, bedeutende Momente, wenn man sich zu "schlafendem Gras" neigt. Jedes Gedicht eröffnet einen Reigen verführerischer Ahnungen – nur von faden Gewissheiten wollen sie nichts wissen.

Besprochen von Michael Opitz

Tom Schulz: Innere Musik
Gedichte
Berlin Verlag, Berlin 2012
120 Seiten, 19,99 Euro



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