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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.09.2013

Thomas Bach ist ein "Machtdealer"

Doping-Expertin Geipel kritisiert Kandidatur des Deutschen für die IOC-Präsidentschaft

Ines Geipel im Gespräch mit André Hatting

Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH) (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH) (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Für das Amt des IOC-Präsidenten ist Thomas Bach ungeeignet, meint Ines Geipel. Mit seiner "Hintertüren-Politik" stehe er für ein "altes Modell", sagte die Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH). Sie spricht sich für eine offene Debatte über Kandidaten aus.

André Hatting: Heute wählen in Buenos Aires die 96 stimmberechtigen Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees einen neuen Präsidenten. Der Belgier Jacques Rogge tritt ab und sechs Kandidaten bewerben sich um seine Nachfolge. Einer von ihnen, bisher IOC-Vize, ist dabei klarer Favorit, Thomas Bach. Damit würde zum ersten Mal in der Geschichte des IOC ein Deutscher an der Spitze des wichtigsten Sportverbandes der Welt stehen. Eines Verbandes, bei dem es nicht nur um Sport, sondern auch um sehr, sehr viel Geld geht. Die Freude über eine mögliche Wahl Bachs, die ist hierzulande nicht ungeteilt. Ines Geipel zum Beispiel hat nicht so sehr Begeisterung darüber, denn Ines Geipel war eine DDR-Leistungssportlerin, hat dann aber selber unter dem systematischen Doping gelitten und unterstützt heute mit ihrem Verein "Deutsche Doping-Opfer-Hilfe" betroffene Sportlerinnen und Sportler. Guten Morgen, Frau Geipel!

Thomas Bach will Präsident des Internationalen Olympischen Komitees werden. (dpa / Christian Charisius)Thomas Bach will Präsident des Internationalen Olympischen Komitees werden. (dpa / Christian Charisius)Ines Geipel: Na ja, ich halte Thomas Bach einfach für ein altes Modell. Also mit seiner Hintertürenpolitik, da ist ja nun in den letzten Wochen vieles berichtet worden, und auch mit dieser daran gekoppelten Intransparenz als ein bewährter Machtdealer halte ich es nicht für glücklich, gerade im Hinblick auf den enormen Reformstau, den es im Weltsport gibt.

Es gibt viele Fragen, die der Lösung drängen und ich sehe nicht bei dem Manifest, das er jetzt ausgegeben hat, dass es da wirkliche und ernstzunehmende Korrekturen gibt.

Hatting: Frau Geipel, Sie haben jetzt viele offene Fragen erwähnt, und Sie haben auch von einem Reformdruck gesprochen und -stau – was ist denn Ihrer Ansicht nach das Dringendste, was im IOC angegangen werden müsste und was Thomas Bach Ihrer Meinung nach möglicherweise nicht angehen wird?

"Die Rolle der Fifa ist sehr zu befragen"

Geipel: Ja, also wir haben ein großes Dopingproblem, wir haben ein Korruptionsproblem im Weltsport. Die Rolle der Fifa ist sehr zu befragen. Wir haben immer wieder Diskussionen im Hinblick auf die Austragungsorte, meist in Autokratien oder Diktaturen. Warum das? Wir haben jetzt eine Diskussion gehabt in Russland, was das Homosexuellengesetzt angeht. Also, da ist doch vieles im Raum, und ich hab nie den Eindruck gehabt in all den Jahren, dass wir hier einen Vertreter des IOC haben, der das tatsächlich in die Hand nehmen will.

Hatting: Lassen Sie mich einen Punkt herausgreifen, Frau Geipel, nämlich das Doping. Glauben Sie, dass Thomas Bach als IOC-Präsident noch weniger unternehmen würde als Jacques Rogge?

Geipel: Na ja, das ist ja schon fast nicht möglich, aber wir haben nicht gehört, dass es mehr werden soll, und wir haben jetzt eine Diskussion gehabt, eine sehr, sehr intensive Diskussion um die Westdopingstudie in Deutschland. Da hat Thomas Bach natürlich eine große Verantwortung als DOSB-Chef, aber natürlich auch als langjähriger Sportfunktionär. Es hat einen Filmbericht gegeben im WDR, der sehr aufschlussreich war, auch seine Rolle als Athlet.

"Wir tun so, als hätte das alles gar keine Relevanz"

Also, das sind alles so Sachen, wo man sich doch ernsthaft fragen muss, die Bedeutung des IOC nimmt absolut zu, es ist ein globales Unternehmen, da geht es um viel Macht und viel Geld, und da wünschen sich natürlich alle, die eine Idee im Sport suchen nach wie vor, dass das eine glaubwürdige Person ist. Und ich finde diese Informationen, die es hier jetzt in den letzten Wochen gegeben hat, doch nicht unerheblich. Und wir tun so, als hätte das alles gar keine Relevanz. Das erstaunt mich doch, mit wie wenig Bewusstsein wir Deutschen so einen Kandidaten losschicken?

Hatting: Welche Informationen meinen Sie konkret? Meinen Sie, dass Thomas Bach protegiert wird aus Kuwait?

Geipel: Zum Beispiel, ja. Also wenn es tatsächlich so ist, wie beispielsweise der WDR-Bericht gezeigt hat, ein Zwölfjahrespakt mit dem kuwaitischen Scheich al-Sabah in der Absprache, wer hier IOC-Chef werden soll – also ich finde, das sind schon sehr maßgebende Informationen.

Hatting: Gibt es denn einen unter den sechs Kandidaten, den Sie gut finden?

Geipel: Tatsächlich ist das schwierig. Es ist ganz klar, dieser große und sehr bedeutende Weltsportverband braucht eine absolute Korrektur, und die, die wir jetzt gesehen haben als Kandidaten – vielleicht noch Richard Carrion, aber – klar, das ist natürlich auch mit einem Fragezeichen behaftet. Als Schatzmeister hat er sozusagen das IOC in den letzten Jahren sehr reich gemacht. Und sehr reich alleine, sagen wir, das kann nicht alles sein. Was wir merken, ist, dass alle Sehnsucht haben nach einem Sport, der mit Freude verbunden ist und nicht nur mit Geld und Macht. Also, das ist ein ziemlich maues Unternehmen, seit vielen, vielen Jahren.

Hatting: Wenn Thomas Bach IOC-Chef wird, dann stellt sich auch die Frage nach einer neuen Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes, dessen Präsident Bach ja noch ist. Was halten Sie von Michael Vesper, derzeit Generaldirektor?

"Wir brauchen glaubwürdige Stimmen"

Geipel: Ja, also Michael Vesper ist, glaube ich, nicht grundlos in diese Funktion gekommen. Und er hat sozusagen über die Jahre hin viele, viele Konflikte, die es im Sport gibt, sehr geschickt wegmoderieren können. Ich habe ihn erst letzte Woche im Sportausschuss, als es um die Westdopingstudie ging, wieder gehört. Also, das kann nicht die Politik des deutschen Sports sein. Wir brauchen glaubwürdige Stimmen.

Hatting: Ja, Vesper hat sich ja auch gegen ein Anti-Doping-Gesetz ausgesprochen, zum Beispiel.

Geipel: Ach, das ist so eine ewige Eierei. Im Sportausschuss hat er gesagt, wir haben doch schon längst ein Anti-Doping-Gesetz. Also wie ernst nehmen diese Funktionäre das, was von der Basis kommt. Die Fragen, die von den Athleten kommen und natürlich auch von denen, die aus dem Sport rausgefallen sind und mit schweren Schäden zu kämpfen haben, also – hier gibt es Fragezeichen ohne Ende.

Hatting: Auch Christa Thiel, DOSB-Vize für Leistungssport, werden gute Chancen zugeschrieben. Wäre sie für Sie die bessere Kandidatin?

Geipel: Ich glaube, dass es vor allen Dingen eine öffentliche Diskussion darüber geben muss, und zwar aus den Sportverbänden heraus, wer soll denn der Nachfolger im DOSB werden. Also diese beiden Kandidaten, da gebe ich Ihnen völlig recht, werden jetzt hier im Hintergrund wieder ein bisschen nach vorne oder zurückgerückt. Und dem Sport würde es doch sehr guttun, wenn man sagen würde, okay, wir wollen eine Reform, wir wollen eine wirklich Veränderung, wir brauchen das alles nicht, wir brauchen diese Rekorde, diese Siege nicht.

Wir wollen gute Athleten, wir wollen mit Freude diese Erfolge sehen, aber diese Erfolge sollen sauber sein. Wir wollen, dass die Athleten geschützt sind. Aber das ist alles im Moment nicht die Realität. Und insofern wäre ich ganz, ganz drängend für eine offene Debatte um den nächsten Kandidaten.

Hatting: Ines Geipel, Vorsitzende des Vereins Deutsche Doping-Opfer-Hilfe. Ich danke für das Gespräch, Frau Geipel!

Geipel: Ich danke auch!

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