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Rang I | Beitrag vom 05.12.2015

TheaterfestivalKultureller Aufbruch in der Ukraine

Von Oliver Kranz

Mann mit ukrainischer Flagge auf dem Maidan in Kiew (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)
Der Unabhängigkeitsplatz in Kiew: Hier fanden zwischen November 2013 und Februar 2014 die nach ihm benannten Euromaidan-Proteste statt (dpa / picture alliance / Sergey Dolzhenko)

Wir hören meist nur im Zusammenhang mit Krieg und Gewalt von der Ukraine, nicht aber vom kulturellen Alltag. Dabei gibt es 130 Stadt- und Staatstheater und etliche freie Gruppen - die spannendsten sind bei einer Theatershowcase in Kiew zu entdecken.

Die Zuschauer sitzen auf einem großen Käfig und schauen hinein. Unter ihren Füßen werden Gefangene drangsaliert.

"Wir wollen ein Gefühl ausdrücken: So ist die Situation in der Ukraine. Die erste Version des Stücks entstand, als Janukowitsch, Präsident wurde. Damals glaubte ich, dass die Zukunft unseres Landes in Scherben liegt. Während des Maidan haben wir beschlossen, weiter mit dem Material zu arbeiten."

Vladyslav Troitsky führt Regie. Er gründete 1992 das Dakh-Theater, das heute zu den führenden Off-Bühnen der ukrainischen Hauptstadt gehört. Als vor zwei Jahren die Menschen auf die Straße gingen und Janukowitsch stürzte, fügte er, zu der Inszenierung einen zweiten Teil hinzu. Die Zuschauer, die gerade noch auf dem Käfig saßen, sitzen nun drinnen. Die Schauspieler laufen auf den Gitterstäben über ihren Köpfen.

Im Käfig ist es klaustrophobisch eng. Als dann auch noch Bretter auf das obere Gitter gelegt werden, hat man das Gefühl lebendig begraben zu werden.

"Wir müssen selbst etwas tun und dürfen nicht auf den Staat warten. Die Menschen in der Ukraine sind nicht sehr aktiv. Normalerweise sitzen sie da und warten darauf, dass irgendjemand die Entscheidungen für sie trifft. So war es auch nach dem Majdan. Viele sitzen da und schimpfen auf die Regierung. Aber sie tun nichts. Und das will ich mit meiner Inszenierung zeigen. Ich will die Leute dazu bringen aufzustehen und unser Land zu verändern."

Das Dakh-Theater gilt als Aushängeschild

Das Dakh-Theater ist klein. Maximal 60 Zuschauer können das Stück "Der Hundekäfig" pro Vorstellung sehen. Es wird seit zwei Jahren ununterbrochen gespielt – in Kiew und bei Gastspielen im Ausland. Das Dakh-Theater ist für die ukrainische Theaterszene eine Art Aushängeschild geworden. Dabei ist die freie Szene eher klein. Da es in der Ukraine für nicht-staatliche Theater keine Förderung gibt, können sich nur wenige Gruppen halten.

Die Staatsbühnen hingegen werden großzügig subventioniert. Das Nationaltheater Ivan Franko in Kiew verfügt über ein hervorragend saniertes, klassizistisches Gebäude und hat 650 festangestellte Mitarbeiter. Geboten wird gediegene Repräsentationskunst. Die Theaterkritikerin Nadia Sokolenko aus Kiew beschreibt das Problem...

"Bei uns steht jedes Theater für sich. Es gibt keinen künstlerischen Wettbewerb. Die Staatsbühnen erhalten ihre Personalkosten und die Betriebskosten der Gebäude zu 100% aus dem Kulturetat. Lediglich die Produktionskosten der Neuinszenierungen müssen sie selbst erwirtschaften. Dabei wollen sie kein Risiko eingehen - sie spielen vor allem Klassiker und beschäftigen ihr festangestelltes Personal. Da Impulse von außen fehlen, schmoren sie ziemlich im eigenen Saft. Sie werden daran auch nichts ändern, denn sie sind ja geschützt."

Freies Theater auf staatlichen Bühnen?

Es steht die Forderung im Raum, die mit Staatsgeld finanzierten Theater auch für Aufführungen der freien Szene zu öffnen. Der erste Kulturminister nach der Majdan-Revolution hat das versprochen. Doch geschehen ist seitdem wenig. Das Ivan-Franko-Theater bemüht sich immerhin, seinen Spielplan etwas ausgewogener zu gestalten. Der Künstlerische Leiter Stanislav Moiseyev betont...

"Mir ist die Balance wichtig. Wir spielen Klassiker und moderne Stücke - Werke aus der Ukraine, aber auch von europäischen Autoren."

Stanislav Moiseyev hat u.a. die "Maidan-Tagebücher" der ukrainischen Autorin Natalia Voroshbyt herausgebracht – eigentlich das Stück der Stunde. Dort, wo bei den Kämpfen vor zwei Jahren Menschen gestorben sind, liegen jeden Tag frische Blumen. Trotzdem wird das Stück selten gespielt. Um Politik machen die meisten Theater in der Ukraine einen Bogen. Die Off-Szene gibt den Ton vor...

In den Produktionen des Dakh-Theaters treten vor allem junge Schauspieler, die sich mit viel Energie ins Spielgeschehen werfen. Und das ist es auch, was die Ukraine zu bieten hat, wenn es um kulturellen Austausch geht, sagt Vlad Troitsky.

"Für Regisseure aus dem Westen, die mal etwas Neues machen wollen, ist das eine fantastische Gelegenheit. Wir haben die Energie. Und wir sind offen für ganz neue Arbeitsweisen."

Trotz Krieg und Armut ist die Ukraine ein Land, in dem Aufbruchsstimmung herrscht. Auch in der Theaterszene.

Mehr zum Thema:

Kultur in der Ukraine - Mit Trommeln gegen den Krieg
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 11.11.2015)

Ausstellung gegen Krieg in der Ukraine - Anrufe vom Friedhof
(Deutschlandfunk, Corso, 07.09.2015)

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