Freitag, 4. September 2015MESZ20:52 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Fotos von Aylan bewegen die Welt
Ein türkischer Polizist trägt ein totes Kind im Arm und bringt es vom Strand weg. Der Oberkörper des Kindes wird vom Körper des Polizisten verdeckt.. (AFP)

Die Feuilletons diskutieren das tragische Schicksal des ertrunkenen dreijährigen Flüchtlings. Es sei die Perspektive des Fotografen, die diese Bilder so beeindruckend machten, schreibt etwa die "taz". Die "Welt" fragt, ob die Bilder des Toten abgedruckt werden müssen.Mehr

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Fazit

Rimini-ProtokollNüchterner Abend mit "Mein Kampf"
Die Schauspieler des Berliner Theaterkollektivs Rimini Protokoll stehen und sitzen im E-Werk in Weimar zu dem Theaterstück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" auf der Bühne.  (dpa/ picture-alliance/ Sebastian Kahnert)

Ab 2016 ist "Mein Kampf" nicht mehr urheberrechtlich geschützt und jeder kann es sich dann quasi aneignen, es dramatisieren oder verlegen. Für das Kunstfest Weimar hat sich die Theatergruppe Rimini Protokoll allerdings schon jetzt das Buch und seine Geschichte vorgenommen.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2011

Theater als purer Slapstick

Herbert Fritsch inszeniert "Die spanische Fliege" an der Volksbühne Berlin

Von Eberhard Spreng

Die Berliner Volksbühne. (AP Archiv)
Die Berliner Volksbühne. (AP Archiv)

Herbert Fritsch führt den 1913 uraufgeführten Schwank von Arnold und Bach als forcierte Bodenakrobatik vor. Ihm geht es nicht um Diskurse, Kommentare oder ironische Distanz, sondern um sportliches Ausagieren.

Vor unlösbare metaphysische Probleme stellt Herbert Fritsch sein Publikum nicht gerade, wenn er ihm den 1913 uraufgeführte Schwank von Arnold und Bach als forcierte Bodenakrobatik vorführt. Es geht dem Schauspieler nicht um Diskurse, Kommentare, ironische Distanz, sondern ums sportliche Ausagieren. Und so ist auch kein bürgerlicher Salon mit Türen, Erker und Schreibtisch zu sehen, sondern nur ein gewaltiger Teppich, der in Wellen bis an die Bühnenrückwand gelegt ist. Die Falten verbergen auch ein eingelassenes Trampolin, auf dem jeder der Akteure einmal je eigene skurrile Sprünge und Purzelbäume absolviert.

Die Schauspieler stecken in üppigen Roben mit geradezu barocken Perücken, stolzieren in kapriziösen Bewegungsticks umher, zucken voreinander zurück wie scheue Tiere und gehen vor der von Sophie Rois verkörperten Emma Klinke regelrecht in Deckung, wenn die sittenstrenge Präsidentin des "Bundes für Mutterschutz" in ihrer verlotterten Verwandtschaft für Ordnung sorgt – eine grandiose Figurine, komisch gespreizt, meisterhaft stilisiert.

An ihrer Seite gibt Wolfram Koch den Mostrichfabrikanten Ludwig Koch, der ein sexuelles Vergehen aus der Vergangenheit verbergen muss. Mit grandioser Körpersprache tänzelt er durch den Slapstick, stürzt zu Boden, rutscht über den Teppich, rappelt sich auf wie eine unzerstörbare Comicfigur. Dieses Theater ist ausgereizt bis zur Grenze dessen, was Schauspielerkörper leisten können, wenn es darum geht, ihnen jeden Rest Naturalismus und Authentizität auszutreiben. Herbert Fritsch vollendet mit seinem tollen Ensemble als Regisseur das, was er als Schauspieler in Castorf-Inszenierungen vor Jahren am selben Haus nur skizzieren konnte: Theater als puren Slapstick. Und weil er alle Register zieht und das ganze Repertoire des Genres beherrscht, ist das einen ganzen Theaterabend lang urkomisch. Bei der Premiere feierte das Publikum Herbert Fritschs Comeback an die Volksbühne.

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Hanswurst auf dem Theatertreffen
Wie die Gier den Menschen entstellt