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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.02.2016

The Prettiots: "Suicide Hotline""Ich werde mich nicht umbringen - zumindest nicht heute"

Von Florian Werner

Schwarz-Weiß-Porträt der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941), zeitgenössische Aufnahme. (dpa / picture alliance / Ullstein)
In ihrem Lied "Suicide Hotline" listet die New Yorker Band eine Reihe prominenter Selbstmörder auf - darunter Virginia Woolf. (dpa / picture alliance / Ullstein)

Sie nennen sich "Die Hübschen Dummchen", doch gleichzeitig gibt sich die New Yorker Band "The Prettiots" ziemlich belesen: Im Song "Suicide Hotline" listen sie eine Reihe prominenter Selbstmörder auf - allesamt Schriftsteller.

Für eine Band, die sich "Die Hübschen Dummchen" nennt, kommen The Prettiots ziemlich belesen rüber. So geben sich in ihrem Song "Suicide Hotline" diverse namhafte Autorinnen, die ihrem Leben gewaltsam ein Ende gesetzt haben, die Klinke in die Hand.

On a scale of one to Plath I'm like a four
My head's not in the oven, but I can't get off the floor

Beispiel Nummer 1: Sylvia Plath. Auf der nach der Schriftstellerin benannten Suizidgedanken-Intensitäts-Skala ordnet sich die Sängerin aktuell auf Stufe vier ein: Sie ist zwar noch nicht dabei, sich wie die Autorin der "Glasglocke" mit Kohlenmonoxid zu vergiften – aber sie liegt trotzdem hilflos vor ihrem Gasofen auf dem Küchenboden.

Woolf took a dip with some rocks in her pockets
I'd say comparatively, I've got a bad case of the fuck-it's

Beispiel Nummer zwei: Virginia Woolf. Von Depressionen gequält, steckte sich die Autorin 1941 einen Felsbrocken in die Manteltasche und sprang in den südenglischen Fluss Ouse. Ganz so schlecht geht es der Prettiots-Sängerin eigenen Angaben zufolge zwar nicht – aber sie hat immerhin einen "bad case of the fuck-it's": einen schweren Fall der "Scheiß-drauf-Krankheit", klinischer Name: egal.

I'm not fine, but I'll be okay
I probably won't kill myself today

Kein überzeugender Überlebenswille

Es wird mir okay gehen, ich werde mich wahrscheinlich nicht umbringen, zumindest nicht heute – so ganz überzeugend klingt der im Refrain beteuerte Überlebenswille nicht. Zumal Freitodvorbild Nummer 3 nicht lange auf sich warten lässt:

The sun rose for Hemingway when he was twenty-seven
I've got a couple of years, but I doubt it's gonna happen

Natürlich, nicht zu vergessen: Ernest Hemingway. Veröffentlichte seinen ersten Roman "Fiesta" (im Original "The Sun Also Rises") als er 27 war – und nahm sich Jahre später bekanntlich via Jagdgewehr das Leben. Hier offenbart sich die ganze Tragödie der jungen Prettiots-Sängerin: Sowohl die Intensität ihrer Niedergeschlagenheit als auch ihre künstlerischen Fähigkeiten scheinen im Vergleich mit den großen Vorbildern zu verblassen. Sie ist weder so suizidal wie Plath, Woolf, Hemingway – noch, bislang, so erfolgreich.

I'm pretty fucking jaded for someone my age
But I don't have any plans with Ernie's twelve-gauge

Reimen im Sterben

Andererseits: Wer so zauberhaft age auf gauge, "Alter" auf "Gewehrkaliber" zu reimen versteht wie Kay Kasparhauser: Dem stehen im Leben und im Tod vermutlich noch viele Möglichkeiten offen.

I'm not okay, but I guess I'll be fine
Please don't call the suicide hotline ...


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