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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.08.2007

Teils resignierte, teils erleichterte Weltbürgerin

Dubravka Ugresic: "Keiner zu Hause", Berlin Verlag, 2007, 256 Seiten

Das Zuhause befindet sich nur noch in Koffern.
Das Zuhause befindet sich nur noch in Koffern. (AP)

Die kroatische Schriftstellerin Dubravka Ugresic pendelt für Lehraufträge inzwischen von Amsterdam in die USA. Die Texte dieses Bandes essayistischer Prosa erzählen von ihren Erfahrungen in der Fremde. Mit klugem, offenem Blick porträtiert sie ihre im Ausland lebenden Landsleute und das Schräge im ganz normalen Leben.

Wie schon frühere Bände mit essayistischer Prosa, versammelt auch das neueste Buch von Dubravka Ugresic Feuilletons und Essays, Betrachtungen und Reiseimpressionen aus mehreren Jahren.

Der älteste Text ist das Ergebnis ihrer Reise auf dem sogenannten "Literaturexpress": der Zug, der im Jahr 2000 mit über hundert Schriftstellern aus ganz Europa an Bord in sechs Wochen den Kontinent durchquerte.

Da der Verlag über Entstehung und frühere Publikationen der einzelnen Texte keinerlei Information gibt, mag mancher nicht anderweitig unterrichtete Leser gelegentlich über fehlende Zusammenhänge stolpern – und auch über die Auswahl der Themen, von denen manche vor fünf Jahren sehr originell und frisch waren, inzwischen aber doch etwas ranzig geworden sind – wie, beispielsweise, die Verbreitung von Nagelstudios.

Aber, unabhängig von Thema und Frische: Es gibt einen Ugresic-Ton, und der ist unverwechselbar. Er entsteht aus der Sichtweise einer teils resignierten, teils erleichterten Weltbürgerin, die ihr Zuhause nur noch in Koffern sucht und den Ballast der Zugehörigkeit in immer neuen Exerzitien abwirft. Irgendwie haben all die Texte mit Exil zu tun, mit dem Leben in der Fremde, wie Dubravka Ugresic es führt, seit sie das postjugoslawische nationalistische Kroatien verlassen hat.

Der erste Teil des Buches umfasst eine Sammlung von kleinen Feuilletons, Zeitungskolumnen, für den Tag geschrieben. Das sind naturgemäß kurze Texte, die sich schnell lesen, Marginalien von einer gewissen Eleganz. Doch Vorsicht: zuviel auf einmal davon erzeugt einen pralinenartigen Überdruss, zumal die launigen Schlusspointen dem Ganzen wie eine nicht gerade nötige Glasur hinzufügen.

Mit dem zweiten Teil wird der anspruchsvolle Leser eher glücklich: da entfaltet sich Ugresic` großes Talent, viele kleine Teile des Alltags in all ihrer aussagekräftigen Merkwürdigkeit zu etwas Neuem zusammenzusetzen. Wie beispielsweise zu einem Sittenbild der "Unsrigen" - das heißt, der ehemaligen Jugoslawen - in den USA, das verschiedene Schattierungen des Exils durchspielt; einschließlich der wunderbar absurden Erfolgsstory eines Bosniers, der es sozial in jeder Hinsicht geschafft hat, und als Krönung all dessen bei seinen gut besuchten Gartenfesten Sirtaki zu tanzen pflegt. Deshalb halten ihn die Nachbarn und Freunde für einen Griechen und ihm ist das völlig egal.

Für die Liebe zu solchen wahren Geschichten, für dieses Gespür für das Schräge und Andere im ganz normalen Leben liebt man Dubravka Ugresic. Sie ist weniger die Essayistin der langen Gedankengänge und eleganten Reflexionsschleifen, als eine Journalistin des klugen und offenen Blicks, mit einer großen Bereitschaft, die Welt in ihren Bruchstücken zu sehen und zu beschreiben.

Rezensiert von Katharina Döbler

Dubravka Ugresic: Keiner zu Hause - Essays.
Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak, Angela Richter und Klaus und Mirjana Wittmann.
Berlin Verlag 2007, geb. 256 Seiten, 19,90 EUR