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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.10.2015

Tanikawa Shuntarō: "minimal"Federleichte Momente

Von Katharina Borchardt

Eine Kranich balzt um seine Partnerin, während sich ein Fuchs heranschleicht. Das Bild wurde in Hokkaido, Japan aufgenommen. Der Kranich ist das japanische Symbol für Langlebigkeit. (Foto: Kimimasa Mayama)
Der Kranich zieht sich als Gestaltungselement durch den Gedichtband "minimal". Er ist das japanische Symbol für Langlebigkeit. (Foto: Kimimasa Mayama)

Der Gedichtband "minimal" des Japaners Tanikawa Shuntarō ist in seiner opulenten Gestaltung an Schönheit kaum zu überbieten. Die Texte zeichnen sich durch stilistische Luftigkeit aus. Sie feiern das Leben – und seine Endlichkeit.

Wie ein Leporello entfaltet man dieses Buchkunstwerk: So kommen drei schneeweiße Buchblöcke nebeneinander zu liegen, über deren jeweilige Cover sich ein Kranich in die Lüfte erhebt. Am rechten Rand scheint er aus dem Buch hinauszufliegen. An Schönheit ist dieses Buch, dessen Gedichte auf doppelt gefaltetem Papier – außen weiß, innen hellblau – gedruckt wurden, kaum zu überbieten. Doch man sollte sich nicht täuschen: Die dreißig Gedichte sind alles andere als steril oder sogar jenseitig. Tanikawa Shuntarō erlebt darin nicht nur Blütenreines, sondern auch vernarbte Wangen, seniles Gelächter und hohle Erektionen.

Jeder der drei Buchblöcke bündelt jeweils zehn Gedichte, die von alltäglichen Momenten erzählen, die der Autor auf geradezu luzide Weise wahrzunehmen imstande ist: In einem Text fühlt er sich in ein Stillleben ein, das er betrachtet – "werde zum Wasser in der Schale / werde zur Weintraube / werde zum herabhängenden Tuch" –, ein anderes Mal erlebt er einen federleichten Moment bei der folgenden Beobachtung: "Auf der weißen Wand ein Kiefernschatten / in den Luftraum öffnen sich Pfirsichblüten / auf den Grund der Tasse sinken die Blätter des neuen Tees". Von kontemplativem Autismus ist Tanikawas Lyrik dabei meilenweit entfernt. Seine Gedichte sind vor allem Kontakt-Gedichte: Da ist zunächst einmal der Kontakt zu sich selbst – "habe auch Füße / Schultern / sogar ein Gesicht" –, aber auch zum Anderen: "über einem leer gegessenen / Teller lache ich / jemandem zu". Die es umgebenden Dinge empfindet das lyrische Ich ebenfalls intensiv.

In mancher Zeile nur ein Wort

Dabei zeichnen sich Tanikawas Gedichte durch eine herrliche stilistische Luftigkeit aus, die wenig Festhalten an den Dingen suggeriert. Seine Gedichte setzen sich aus je vier oder fünf, ausnahmsweise auch mal sechs kleinen Dreizeilern zusammen, die man Strophen nennen könnte, hätten sie denn etwas Rhapsodisches. Das aber ist nicht der Fall. Vielmehr sind sie stark reduziert – eben "minimal" –, und die einzelnen Zeilen bestehen manchmal sogar nur aus einem einzigen Wort. Sie lassen ihre Nacktheit sehen, wie Tanikawa es in seinem allerersten Gedicht formuliert, das als kleine Poetologie gelesen werden kann. Entsprechend sind auch die japanischen Originaltexte, die links neben den deutschen Übersetzungen stehen, aus nur wenigen Zeichen komponiert. Dass die Gedichte außerdem ohne Satzzeichen auskommen, unterstreicht ihre Durchlässigkeit noch.

Bewusstsein der Endlichkeit

Verkrampfung tritt auch dann nicht ein, wenn sich der 1931 geborene Autor, der die Gedichte um seinen 70. Geburtstag herum schrieb, seiner Vergänglichkeit immer stärker bewusst wird. Die Heiterkeit des ersten Buchteils verwandelt sich immer wieder schmerzhaft in ein Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Trotzdem kippt dieser altersweise Band nicht ins Verdrießliche. Der Kranich – das japanische Symbol für Langlebigkeit – schwingt sich schließlich voller Anmut auf, bevor er verschwindet. Auch in den letzten Schritten im Leben kann noch Weite stecken: "bis ans Kap hinaus / zieht sich / der Trampelpfad".

Tanikawa Shuntarō: "minimal", 30 Gedichte
Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein
Verlag Secession, Zürich/Berlin 2015, 42,00 Euro

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