Samstag, 23. Mai 2015MESZ00:15 Uhr

Buchkritik

Lebensmitteln auf der SpurDie Bionuss aus der Steppe
Ein Biosiegel haben viele Produkte. (picture alliance / dpa / Michael Vogl)

Der Journalist Peter Laufer ist auf Weltreise gegangen hin zu den Quellen unserer Biolebensmittel. Er beschreibt die Lücken der Zertifizierungsstellen und die völlige Vernachlässigung des Kontrollwesens für die Prädikate und Siegel auf den Produkten.Mehr

"Die Macht des Unwahrscheinlichen"Verblüffende Zufälle
Die offiziellen Lotto-Kugeln, aufgenommen im Sendezentrum des Zweiten Deutschen Fernsehens (dpa / picture alliance / Fredrik von Erichsen)

Wie kann es sein, dass kurz hintereinander dieselben Lottozahlen gezogen werden? David Hand geht in seinem Buch "Die Macht des Unwahrscheinlichen" diesen und anderen Fragen nach. Er konzentriert sich dabei auf die Normalität des extrem Unwahrscheinlichen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Fritz Rudolf Fries zum GedenkenDer Rausch im Niemandsland
Fritz Rudolf Fries (imago/ gezett)

Im Alter von sechs Jahren zog der in Bilbao geborene Fritz Rudolf Fries in die DDR. Jazz, Literatur, Politik: Von einem magischen Dreieck handelt das Feature über den späteren Schriftsteller, der letztes Jahr gestorben ist und am 19. Mai 80 Jahre alt geworden wäre.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.01.2006

Tätowierte Orgelspieler und Dauererektionen

John Irvings 11. Roman "Bis ich dich finde"

Rezensiert von Joachim Scholl

Der amerikanische Schriftsteller John Irving im Jahr 1999. (AP Archiv)
Der amerikanische Schriftsteller John Irving im Jahr 1999. (AP Archiv)

"Bis ich dich finde" ist der 11. Roman des Erfolgsschriftstellers John Irving. Hier erzählt er die Geschichte von Jack Burns, dessen Mutter Tätowiererin und der Vater Kirchenorganist und ein Tattoosüchtiger ist. Leider kann Irving die Spannung im zweiten Teil des immerhin fast 1200 Seiten starken Buches nicht halten.

Wie in allen anderen vorangegangenen Romanen John Irvings gibt es auch jetzt wieder diesen markanten, viel versprechenden Anfangssatz:

"Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte."

So beginnt John Irvings elfter großer Roman "Bis ich dich finde", und man stürzt sich sofort mit Wonne hinein in die Geschichte des kleinen Kanadiers Jack Burns und seiner Mutter Alice auf der Suche nach dem verschwundenen Vater William, der sich kurz nach Jacks Geburt aus dem Staub gemacht hat, zurück nach Europa, wie es heißt. Von dort kommen sie alle, aus Schottland, dort hat William Burns virtuos Orgel spielen gelernt und dazu eine bizarre Leidenschaft entdeckt: sich nämlich von Kopf bis Fuß mit Musiknoten tätowieren zu lassen. Mutter Alice hat deshalb die Kunst des Tätowierens selbst erlernt, bald ist sie eine renommierte Meisterin.

Über die Flucht Williams kommt Alice nicht hinweg, und so packt sie den vierjährigen Jack an der Hand und macht sich auf nach Europa, durch die Tätowierstuben in Kopenhagen, Amsterdam und Helsinki, durch alle Kirchen, wo berühmte Orgeln stehen und der Ex-Mann stets eine Spur erotischer Verwüstung hinterlassen hat. Denn William Burns ist ein schöner Mann und notorischer Frauenheld, und deshalb führt diese Reise auch zur Begegnung mit zahlreichen Frauen, denen William das Herz brach und die mit Blick auf den kleinen Sohn unisono sagen: "Das wird auch mal so einer..."

Denn Jack ist ein "Zuckerbär", wie ihn seine Schulkameradin und später langjährige Herzensfreundin zärtlich nennt, ein extrem schnuckeliges Kerlchen, von dem die Frauen nie die Finger lassen können. Ältere Frauen werden Jacks Schicksal. Mit zehn Jahren macht er seine ersten sexuellen Erfahrungen, wird er verführt von einer erwachsenen Frau - ein Missbrauch, der Lust und Trauma zugleich ist und Jacks Liebes- und Berufsleben wesentlich prägen wird. Und die Suche nach dem Vater, die beim ersten Mal scheitert, endet nach Jahrzehnten mit einem ebenso zwiespältigen Ergebnis...

Halten nun diese beinahe 1200 Seiten, was der Anfang verspricht? Leider nein! Tätowieren, Orgelspielen, Sex in allen Variationen sind die Motive, die John Irving mit gewohnter Souveränität durchspielt. Die erste Hälfte des Buches verschlingt man begeistert, um sich dann im zweiten Teil immer mehr zu langweilen. Endlos wird psychologisiert, aber auf freudianischem Küchenniveau, das Motiv des lieblosen Vaters verkehrt sich zum Motiv der psychotischen Mutter, aus dem süßen Zuckerbär wird ein verkorkster Hollywood-Star mit quasi-permanenter Erektion - die Lektüre schleppt sich dahin bis zu einem merkwürdig verkitschten Familienschluss, den man einem Ironiker wie John Irving kaum glauben mag.

In seinen Meisterwerken "Garp und wie er die Welt sah", "Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder "Owen Meany" gelang es dem Autor stets, die Biographien seiner Helden mit der jeweiligen Zeitgeschichte auf reizvolle Weise miteinander zu verbinden. Daran scheint John Irving nichts mehr zu liegen. "Bis ich dich finde" spielt bis ins Jahr 2003 hinein, doch man merkt kaum etwas davon. Jack Burns ist oft in New York City, doch über die Anschläge vom 11. September 2001 fällt gerade mal ein halber Satz. Dagegen steigert sich John Irving in eine Sexbesessenheit hinein, die schon im letzten Roman "Die vierte Hand" schmerzhaft irritierte. Jetzt kennt er gar keine Grenze mehr. Als Leser hatte ich irgendwann von all den Erektionen genug, man verliert sogar den Spaß an der eigenen...


John Irving: Bis ich dich finde
Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. Diogenes-Verlag, Zürich 2005
1140 Seiten, € 24,90.