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Buchkritik

Mexiko-RomanWeiblicher Widerstand im Drogenkrieg
Angehörige demonstrieren am 25.11.2003 mit Pappfiguren als Symbole für die getöteten Frauen in Ciudad Juarez. Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez erlangte international Berühmtheit - zwischen 993 und 2007 wurden hier 393 Frauen ermordet. "Welthauptstadt der Frauenmorde" ist deshalb das Image, das der Stadt weltweit anhängt.

Das Mädchen Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf. Dort sind die Männer verschwunden und die Frauen verstecken ihre Töchter vor den Drogenbossen. Doch Ladydi sieht einen Ausweg aus dieser unwirtlichen Welt. Mehr

BoxenEin grelles Porträt voller Leidenschaft
Eine Szene aus dem Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen George Foreman (l) und Muhammad Ali am 1. Oktober 1975 in Manila.

George Foreman und Muhammad Ali: Ihr Boxkampf in Kinshasa Mitte der 70er-Jahre gilt bis heute als ein Kampf der Giganten. Er verzögerte sich allerdings mehrere Wochen. In dieser Zeit entstand die Reportage des amerikanischen Journalisten Bill Cardoso.Mehr

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Literatur

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Die Wartburg Eisenach (Thüringen)

In fast zehn Jahrhunderten wechselvoller deutscher Geschichte war die Burg Zuflucht oder Bühne großer historischer Figuren. Trägt das symbolische Kapital bis heute?Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.01.2006

Tätowierte Orgelspieler und Dauererektionen

John Irvings 11. Roman "Bis ich dich finde"

Rezensiert von Joachim Scholl

Der amerikanische Schriftsteller John Irving im Jahr 1999.
Der amerikanische Schriftsteller John Irving im Jahr 1999. (AP Archiv)

"Bis ich dich finde" ist der 11. Roman des Erfolgsschriftstellers John Irving. Hier erzählt er die Geschichte von Jack Burns, dessen Mutter Tätowiererin und der Vater Kirchenorganist und ein Tattoosüchtiger ist. Leider kann Irving die Spannung im zweiten Teil des immerhin fast 1200 Seiten starken Buches nicht halten.

Wie in allen anderen vorangegangenen Romanen John Irvings gibt es auch jetzt wieder diesen markanten, viel versprechenden Anfangssatz:

"Laut seiner Mutter war Jack Burns bereits ein Schauspieler, bevor er Schauspieler wurde, doch die lebhaftesten Erinnerungen an seine Kindheit waren die an jene Augenblicke, in denen er den Drang verspürte, sich an der Hand seiner Mutter festzuhalten. Das waren die Augenblicke, in denen er nicht spielte."

So beginnt John Irvings elfter großer Roman "Bis ich dich finde", und man stürzt sich sofort mit Wonne hinein in die Geschichte des kleinen Kanadiers Jack Burns und seiner Mutter Alice auf der Suche nach dem verschwundenen Vater William, der sich kurz nach Jacks Geburt aus dem Staub gemacht hat, zurück nach Europa, wie es heißt. Von dort kommen sie alle, aus Schottland, dort hat William Burns virtuos Orgel spielen gelernt und dazu eine bizarre Leidenschaft entdeckt: sich nämlich von Kopf bis Fuß mit Musiknoten tätowieren zu lassen. Mutter Alice hat deshalb die Kunst des Tätowierens selbst erlernt, bald ist sie eine renommierte Meisterin.

Über die Flucht Williams kommt Alice nicht hinweg, und so packt sie den vierjährigen Jack an der Hand und macht sich auf nach Europa, durch die Tätowierstuben in Kopenhagen, Amsterdam und Helsinki, durch alle Kirchen, wo berühmte Orgeln stehen und der Ex-Mann stets eine Spur erotischer Verwüstung hinterlassen hat. Denn William Burns ist ein schöner Mann und notorischer Frauenheld, und deshalb führt diese Reise auch zur Begegnung mit zahlreichen Frauen, denen William das Herz brach und die mit Blick auf den kleinen Sohn unisono sagen: "Das wird auch mal so einer..."

Denn Jack ist ein "Zuckerbär", wie ihn seine Schulkameradin und später langjährige Herzensfreundin zärtlich nennt, ein extrem schnuckeliges Kerlchen, von dem die Frauen nie die Finger lassen können. Ältere Frauen werden Jacks Schicksal. Mit zehn Jahren macht er seine ersten sexuellen Erfahrungen, wird er verführt von einer erwachsenen Frau - ein Missbrauch, der Lust und Trauma zugleich ist und Jacks Liebes- und Berufsleben wesentlich prägen wird. Und die Suche nach dem Vater, die beim ersten Mal scheitert, endet nach Jahrzehnten mit einem ebenso zwiespältigen Ergebnis...

Halten nun diese beinahe 1200 Seiten, was der Anfang verspricht? Leider nein! Tätowieren, Orgelspielen, Sex in allen Variationen sind die Motive, die John Irving mit gewohnter Souveränität durchspielt. Die erste Hälfte des Buches verschlingt man begeistert, um sich dann im zweiten Teil immer mehr zu langweilen. Endlos wird psychologisiert, aber auf freudianischem Küchenniveau, das Motiv des lieblosen Vaters verkehrt sich zum Motiv der psychotischen Mutter, aus dem süßen Zuckerbär wird ein verkorkster Hollywood-Star mit quasi-permanenter Erektion - die Lektüre schleppt sich dahin bis zu einem merkwürdig verkitschten Familienschluss, den man einem Ironiker wie John Irving kaum glauben mag.

In seinen Meisterwerken "Garp und wie er die Welt sah", "Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder "Owen Meany" gelang es dem Autor stets, die Biographien seiner Helden mit der jeweiligen Zeitgeschichte auf reizvolle Weise miteinander zu verbinden. Daran scheint John Irving nichts mehr zu liegen. "Bis ich dich finde" spielt bis ins Jahr 2003 hinein, doch man merkt kaum etwas davon. Jack Burns ist oft in New York City, doch über die Anschläge vom 11. September 2001 fällt gerade mal ein halber Satz. Dagegen steigert sich John Irving in eine Sexbesessenheit hinein, die schon im letzten Roman "Die vierte Hand" schmerzhaft irritierte. Jetzt kennt er gar keine Grenze mehr. Als Leser hatte ich irgendwann von all den Erektionen genug, man verliert sogar den Spaß an der eigenen...


John Irving: Bis ich dich finde
Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. Diogenes-Verlag, Zürich 2005
1140 Seiten, € 24,90.