Seit 20:03 Uhr Konzert
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 20:03 Uhr Konzert
 
 

Weltzeit | Beitrag vom 30.11.2016

Syrer in GriechenlandEin mutiger Verkleidungskünstler

Von Panajotis Gavrilis

Beitrag hören
Schutz suchende Menschen auf einer Straße von Chios. Der Syrer Khalid konnte die griechische Insel inzwischen verlassen. (picture-alliance/ dpa / EPA/Orestis Panagiotou)
Schutz suchende Menschen auf einer Straße von Chios. Der Syrer Khalid konnte die griechische Insel inzwischen verlassen. (picture-alliance/ dpa / EPA/Orestis Panagiotou)

Der Syrer Khalid ist einer von 60.000 Geflüchteten, die in Griechenland feststecken. Als Brite verkleidet, schaffte er es bis nach Athen. Auch als Italiener, Spanier oder Grieche gab er sich schon aus. Hinter Khalids witzig wirkenden Verkleidungsaktionen steckt bitterer Ernst.

"Nächste Station: Flughafen." Khalid kennt diese Ansage in- und auswendig. So oft fuhr er schon zu einem Flughafen, um Griechenland zu verlassen. Immer mit anderen Verkleidungen.

"Ich habe mein Aussehen sechsmal verändert. Ich bin zum Athener Flughafen gefahren, war in Thessaloniki am Flughafen, in Chania auf Kreta und einmal habe ich es über den Hafen versucht, um nach Italien zu kommen. Aber leider sind alle Versuche gescheitert.”

Khalid, 23 Jahre, aus Aleppo schlüpft in verschiedene Rollen.

(lacht) "Ich habe mir vorgestellt, wie Italiener oder Griechen aussehen könnten. Um mich dann in sie zu verwandeln. Ich habe ein paar Kostüme hier. Ich habe meine Haare gefärbt, meine Augenfarbe verändert, um na ja – irgendwie wie ein Grieche auszusehen.”

In Athen lebt Khalid seit zwei Monaten. Vorher war er monatelang auf der griechischen Insel Chios. Seit dem Inkrafttreten des "EU-Türkei-Deals" im März 2016 durfte er wie die meisten der über 4000 Menschen die Insel nicht verlassen.

Aber er wollte nicht noch länger warten, kaufte sich einen neuen Pullover, um als authentischer Fake-Brite die Fähre nach Athen zu nehmen.

"Ich hatte noch diese teure Uhr um und trug diese teure Sonnenbrille. Dann habe ich so getan, als wäre ich ein Brite."

Reporter: "Wie hast du das genau gemacht?"

"Ich weiß es nicht. Ich war mutig. Ich sagte mir: Das Schlimmste, was passieren kann: Sie schnappen mich und ich bleibe auf der Insel. Also habe ich mich schick angezogen, mit Hut. So wie es manchmal die Briten machen. Ich war am Hafen und dann habe ich mit britischem Akzent gesprochen."

Reporter: " Wie klingt der britische Akzent?"

"It’s like: Goood mooorning. He asked me: Where are you from, Sir? And I said: I am from Liverpoooool."

Stewardess erkannte die falsche Tarnung

Es funktionierte. Khalid lebt jetzt mit drei weiteren Syrern in Athen – in einer heruntergekommenen Wohnung im Stadt-Zentrum: Die Spüle ist vergammelt, Licht gibt es keines, aus dem Klo läuft Wasser aus. Sein "5-Sterne-Apartment" neben Junkies und Sex-Arbeiterinnen, sagt er selbstironisch, während er ein Jeans-Hemd rauskramt.

"Das hier hatte ich an, als ich versuchte, ein Italiener zu sein. Ich habe mir sogar italienische Werbung angeschaut, um Verhaltensweisen zu kopieren und habe sogar das passende Parfüm aufgetragen. Mit diesem Kostüm habe ich es tatsächlich bis ins Flugzeug geschafft. Leider war die Stewardess Italienerin. Sie fing an mit mir locker zu quatschen, aber dann merkte sie, dass ich gar kein Italiener bin, sondern ein Geflüchteter."

Ob als italienischer Macho, als versnobter Brite oder spanischer Hippie mit Plastik-Nasen-Piercing: Die unzähligen Versuche mit gefälschten Ausweisen und den entsprechenden Klischee-Looks blieben erfolglos.

"Beim letzten Mal fragte mich die Polizei: Wer bist du? Arbeitest du für einen Geheimdienst? Und ich sagte: Nein, ich will nur weg, um eine neue Zukunft, ein neues Leben zu finden."

Als alles noch in Ordnung war, vor dem Kriegsbeginn in Syrien 2011, studierte er "Internationales Recht" in Aleppo. Heute ist der Ostteil weitgehend zerstört. Oppositionelle kämpfen weiter gegen Assad und seine Verbündeten.

Vor sechs Jahren führte Khalid dort noch das Leben eines "ganz normalen Studenten”, sagt er. Bis die Bomben fielen.

"Ich habe den Tod gesehen, die Leichen, ich wurde verhaftet, ich habe den schlimmsten Albtraum der Menschheit gesehen: ISIS. Ich habe überlebt, aber viel Geld verloren, mein Haus und das wichtigste bis jetzt: meinen Vater. Ich habe dort mein altes Leben verloren und auch meine Zukunft."

"Ich vertraue den Schmugglern nicht"

Wenn Khalid über den Tod seines Vaters spricht, wirkt er betroffen, versucht es zu überspielen, sagt: Er will weiter machen, sein Studium beenden – vielleicht Anwalt werden. Was soll er also in Griechenland, fragt er? Die Griechen selbst würden doch ins Ausland fliehen, um Jobs zu finden. Nur hat er keinen EU-Pass und muss deshalb einen anderen Weg finden.

"Es ist etwas gefährlich. Mit einem LKW. In einem Container. Die Menschenhändler wollen 2500 Euro dafür haben. Die Reise kann 48 Stunden dauern. Und ja: Ich denke darüber nach. Ich weiß noch nicht.”

Er habe gerade mit einem Menschenhändler gesprochen, um mehr über die Route zu erfahren. Khalid wirkt nervös, zögert. Er weiß: Er kann dabei sterben.

"Ich vertraue den Schmugglern nicht. Es bleibt mir aber nur noch dieser eine Weg. Alles hat eben seinen Preis. Es ist vielmehr ein Spiel und es kommt darauf an, wie du mitspielst. Weißt du, wenn du wie ich einen Freund sterben siehst, nimmst du alles nur noch als Spiel wahr. Vielleicht überlebe ich. Vielleicht gewinne ich dieses Spiel. Angst habe ich keine. Nicht mehr.”

Dieses Mal müsste er sich aber nicht mehr verkleiden.

"This time there is no James Bond in the truck.”

Khalid versucht seine Anspannung zu überspielen mit zynischen Sprüchen. Er werde Selfies vom LKW schicken, sagt er.

"I will send some selfies from the truck. This could be funny!”

Khalid meldet sich kurze Zeit später per Whatsapp.

"Wir warten auf ein Auto, das uns zum Treffpunkt bringen soll. Wir fühlen uns nicht so sicher, versuchen uns gegenseitig zu beschützen. Dort steigen wir dann in den Truck. Mehr kann ich jetzt nicht sagen."

Mehr zum Thema

Der griechische Hotspot Vial - Chaos und gereizte Stimmung
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 13.04.2016)

Minderjährige Flüchtlinge - Lieber Boxer als Dieb
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 28.11.2016)

Familienzusammenführung Athen / Berlin - In drei Flugstunden könnten sie zusammen sein
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 20.06.2016)

Weltzeit

Sklavinnen und KämpferinnenFrauen unter dem IS
Foto aus einem Propagandavideo der IS-Miliz zeigt voll verschleierte Frauen mit Gewehren, die angeblich in der syrischen Stadt Al-Rakka operieren (undatiert).  (picture alliance / Syriadeeply.org)

In Gebieten der Terrororganisation Islamischer Staat sind Frauen nichts wert. Sie dürfen nur voll verschleiert das Haus verlassen, sind Opfer von Willkür und Gewalt. Aber es gibt auch Frauen, die selbst zu den Waffen greifen - im Kampf gegen den IS. Mehr

KolumbienNach 52 Jahren Bürgerkrieg endlich Frieden?
Zahlreiche Menschen sind zur Unterzeichnung des neuen Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla am 24.11.2016 in Bogota gekommen. Sie tragen Fahnen, manche weinen. (picture alliance / dpa / EFE / Leonardo Muñoz)

Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos erhält dieses Jahr den Friedensnobelpreis. Dabei war der erste Entwurf für ein Friedensabkommen mit den FARC-Rebellen in einer Volksabstimmung abgelehnt worden. Es wurde nachgebessert. Dennoch bleiben viele Fragen.Mehr

Krieg in der Ostukraine Frauen an der Front
Elena, eine der Soldatinnen, die für die Ukraine im Kriegseinsatz sind. (Deutschlandradio/Katja Garmasch)

Obwohl offiziell das Friedensabkommen in Kraft ist, herrscht immer noch Krieg in der Ostukraine. 50.000 der Soldaten sind weiblich. Wie gehen sie mit dem Stress und der Lebensgefahr um? Ein Besuch an der Front.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur