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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 29.11.2015

SV Babelsberg 03Ein Verein wehrt sich gegen Rassismus

Von Wibke Bergemann

Fans des SV Babelsberg 03 stehen auf einer Stadiontribüne, eine blau weiße Fahne ist zu sehen und im Vordergrund ein Banner mit der Aufschrift "Filmstadt Inferno '99". (picture alliance / dpa / Oliver Mehlis)
Fans des SV Babelsberg 03 im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam (picture alliance / dpa / Oliver Mehlis)

Viele Spieler des Regionalligisten SV Babelsberg 03 haben ausländischen Namen und müssen sich rassistische Sprüche anhören. Trainer Cem Efe prangerte das öffentlich an - und rief ein millionenfaches Echo hervor. Doch das ist nicht die einzige ungewöhnliche Initiative des Vereins.

Begrüßungsrunde bei der 1. Mannschaft des SV Babelsberg 03. Die Spieler machen einmal die Runde und klatschen bei jedem ihrer Kollegen ab. Trainer Cem Efe tut, was er am liebsten tut – seine Mannschaft trainieren. Der Medienrummel um seine Person nach der Pressekonferenz Anfang November ist ihm unangenehm. Efe hatte sich nach einem Spiel gegen den FSV Zwickau über rassistische Äußerungen beschwert: Wörtlich hätten seine Spieler "Scheiß-Türke" und "Alles Ausländer hier" zu hören bekommen. Über eine Million Mal wurde allein der Facebook Beitrag von "11 Freunde" dazu angeklickt, erzählt Efe mit etwas Verwunderung. Das Thema Rassismus im Fußball ist schließlich nichts Neues.

"Das ist das Schlimme daran, dass es irgendwann mal einen als jugendlichen Spieler komplett belastet hat, aber dass man sich dann dran gewöhnt hat. Dass man einfach mittlerweile diese Sprüche so oft gehört hat, dass es einem normal erscheint. Egal von welcher Seite etwas kommt, das darf nicht normal sein."

Der Potsdamer Fußballverein SV Babelsberg 03 spielt seit dem Abstieg vor zwei Jahren wieder in der Regionalliga Nordost – und damit im tiefsten Fußball-Osten. Keine leichte Umgebung für einen Verein, der für sein gesellschaftliches Engagement bekannt ist. Doch Trainer Efe lehnt Verallgemeinerungen ab.

"Ich würde den ganz tollen Leuten im Osten unrecht tun, wenn ich sagen würde, es ist nur im Osten so. Ich habe selbst in Torgelow gespielt, Neugersdorf, Oberlausitz, die jetzt unsere Gegner sind. Ich bin da einkaufen gegangen, die wussten nicht, ob ich Deutsch kann. Mittlerweile habe ich gute Freunde dort."

Banner gegen Homophobie und die erste Flüchtlings-Mannschaft

Steve Müller: "Man darf ja auch nicht vergessen, das sind ja auch nicht alle. Es sind immer mal Vereinzelte. Wir hatten ein Spiel auswärts, da war einer auf der Haupttribüne direkt hinter unserer Bank, und der hat die ganze Zeit Cem rassistisch beleidigt. Und immer wieder hat er sich umgedreht und gesagt, Mann, hör doch bitte mal auf, hab doch mal ein bisschen Respekt. Und das hörte nicht auf, und hörte nicht auf. Das ist keine Seltenheit, aber es sind nicht ganze Vereine. Und ich will auch keinen heilig sprechen, der hier zu uns kommt",

sagt Steve Müller, stellvertretender Vereinsvorsitzender der 03er. Er sieht vor allem die Schiedsrichter in der Verantwortung, rassistische Äußerungen nicht einfach hinzunehmen.

"Ich bin der Meinung, dass der Assistent da viel hört, und er gerade in diesem Spiel, in dieser Situation mit ein, zwei Ansagen da auch viel Feuer hätte rausnehmen können."

Steve Müller ist ein Fan der ersten Stunde, viele Jahre hat er die Spiele der Babelsberger aus der notorischen Nordkurve begleitet. Die aktive Fanszene prägt seit den 90er-Jahren das Profil des Vereins und hat mit ungewöhnlichen Initiativen auf sich aufmerksam gemacht. Dazu gehörten schon früh die Banner gegen Homophobie und Rassismus, Gespräche mit Holocaust-Überlebenden im Vereinshaus und die bundesweite erste Flüchtlings-Mannschaft "Willkommen United 03", für die der Verein mehrfach geehrt wurde.

Auch Außenseiter bekommen eine Chance

Seit 2013 sitzen mit Steve Müller und Christian Lippold zwei ehemalige Fans im Vorstand - die gesellschaftspolitische Haltung des Vereins wird nun auch dort nicht mehr in Frage gestellt.

Matthias Steinborn: "Sehr offener Verein, viel Multikulti, sage ich mal, sehr herzlich. Ich bin seit dem 1. Juli hier und fühle mich seit dem ersten Tag wohl",

sagt Stürmer Matthias Steinborn. Der SV Babelsberg 03 ist ein Verein, in dem die Herkunft keine Rolle spielt und viele Spieler einen ausländischen Namen haben. So sieht es auch Trainer Efe. Hier werde auch Außenseitern eine Chance gegeben, sagt Efe und erzählt, wie der Kroate Lovro Sindic in die Mannschaft kam:

"Der Junge ist mit der Tasche hier aufgetaucht. Der war bei einigen Mannschaften in Berlin und Umgebung, um ein Probetraining zu bekommen. Man hat ihm nicht mal erlaubt, mit zu trainieren. Mittlerweile ist er einer der besten Spieler in der Regionalliga."

Diese Offenheit könnte den Babelsbergern auch von Vorteil sein bei ihrem langfristigen Ziel, wieder in die 3. Liga aufzusteigen.

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