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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2012

Süffiges Porträt der Verlagsszene

Jakob Arjouni: "Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall", Diogenes, Zürich 2012, 225 Seiten

Der Schriftsteller Jakob Arjouni in Berlin-Schöneberg (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)
Der Schriftsteller Jakob Arjouni in Berlin-Schöneberg (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)

Mit seinem deutsch-türkischen Detektiv Kemal Kayankaya hat der in Berlin lebende Schriftsteller Jakob Arjouni eine lebenssatte, wirklichkeitsraue Gestalt geschaffen. Dessen fünfter Fall führt ihn ins Literaturmilieu. Eine packende Geschichte - auch für Branchenfremde.

Wer dieses Jahr zur Frankfurter Buchmesse fährt, der wird sich an den Bücherständen nach einer zwielichtigen Gestalt umschauen. Vielleicht sitzt er ja irgendwo, am Kaffeetresen eines Verlags, unrasiert, mit zerknittertem Sakko und mürrischem Gesicht: Kemal Kayankaya, unterwegs als Leibwächter für die Intelligenz.

Halt, heißt es jetzt: Kayankaya, das ist doch eine Romanfigur, wie soll der sich zwischen das Messepublikum mogeln? Natürlich ist das nicht möglich, aber mit seinem deutsch-türkischen Detektiv hat Jakob Arjouni eine derart lebenssatte, wirklichkeitsraue Gestalt geschaffen, dass er für Krimileser plausibler ist als so mancher tatsächlich existierende Zeitgenosse. Und damit den einzigen deutschen Ermittler, der es zwischen den Buchseiten mit Philip Marlowe aufnehmen kann.

Im Literaturmilieu also ist er diesmal unterwegs, einen marokkanischen Autor soll er beschützen vor möglichen Anschlägen. Dieser hat ein Buch über einen muslimischen Kommissar geschrieben, der sein Coming-out erlebt. Die zuständigen Presseleute des Verlags wittern Gefahr, und weil ein Bodyguard erstens tröstlich und zweitens eine gute Marketingmaßnahme darstellt - welcher Schriftsteller würde nicht durch eine Entourage aus Security-Personal aufgewertet? -, wird Kayankaya verpflichtet.

Schon allein dieser Fall macht "Bruder Kemal" zu einem packenden Text. Man muss nicht aus der Branche sein, um sich beim süffigen Porträt der Verlagsszene zu amüsieren - und über den Zynismus eines Betriebs zu staunen, der, wie im Buch, fiktive Angstkulissen errichtet, um mehr Bücher loszuschlagen.

Und dann gibt es noch einen zweiten Fall - Kayankaya soll für eine Dame der Frankfurter Society das aufmüpfige Töchterchen aufspüren. Die hat sich mit einem Heroin- und Mädchenhändler eingelassen; später wird der Mann, auf sehr skurrilen Umwegen, zur Rechenschaft gezogen, womit nicht zu viel verraten ist, denn wie diese beiden Stories zusammenhängen, mit welch lässiger und dabei höchst effektiver Dramaturgie Arjouni seine Figuren aufeinander loslässt, dafür brauchen andere Autoren dreimal soviel Raum und Zeit.

Weil exzellente Krimis immer auch Gesellschaftsinspektionen sind und weil Arjouni ein Faible für die Zwickmühlen der politischen Korrektheit hat, ist dieser Roman eine dralle Gegenfiktion zu den gängigen Modellen von sowohl Fremdenfeindlichkeit als auch multikultureller Naivität. Kayankaya ist Deutschtürke, sein Kontaktmann bei der Polizei Rumäne, der Dealer Türke, der Schriftsteller Araber. Hinzu kommen ein muslimischer Scheich und ein schwarzer Malerstar (quasi Gerhard Richter in Afrodeutsch). Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind da nicht mehr per Milieu- oder Konfessionszugehörigkeit zu ziehen. Und wer am Ende die schwerste Schuld auf sich geladen hat - nun, das wäre dann doch zu viel ausgeplaudert.

Auf der Buchmesse sollte man also Ausschau halten nach vom Leben gezeichneten Detektiven und der Häppchentheke mit Vorsicht begegnen: "Es gab Kokos-Bananenkuchen, der aus Bountys und faulem Obst zu bestehen schien."

Besprochen von Daniel Haas

Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall.
Diogenes, Zürich 2012
225 Seiten, 19,90 Euro

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