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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.05.2012

Südafrikanisches Virus macht Amseln zu schaffen

Ornithologe befürchtet erneutes Vogelsterben in der Rheinebene

Stefan Bosch im Gespräch mit Susanne Burg

In Speyer oder bei Neustadt sind viele Amseln durch den Usutu-Virus gestorben (picture alliance / dpa / Laurie Campbell)
In Speyer oder bei Neustadt sind viele Amseln durch den Usutu-Virus gestorben (picture alliance / dpa / Laurie Campbell)

Als vergangenes Jahr das Usutu-Virus rund um den Rhein grassierte, wurden die Amseln in der Region regelrecht ausradiert. Bis zu 400.000 Vögel verendeten. Da die Tiere noch nicht immun sind, könnte das Virus nun wieder zuschlagen, meint der Ornithologe Stefan Bosch.

Susanne Burg: Im letzten Sommer mussten Gartenbesitzer vor allem in der Rheinebene unschöne Funde in ihrem Garten machen: Viele tote Amseln lagen da. In einigen Regionen wie in Speyer oder bei Neustadt waren die Bestände um 82 Prozent dezimiert, hochgerechnet sind wahrscheinlich 200.000 bis 400.000 Amseln gestorben. Schuld daran ist ein Virus aus Südafrika. Es heißt Usutu und breitet sich derzeit rasant aus in Deutschland. Im Studio in Pforzheim begrüße ich jetzt Stefan Bosch. Er ist gleichzeitig ehrenamtlich für den NABU tätig im Landesverband Baden-Württemberg, das ist eine der Regionen, die vom Amselsterben betroffen sind. Guten Morgen, Herr Bosch!

Stefan Bosch: Guten Morgen, Frau Burg!

Burg: Ja, was erwarten Sie denn für die Amseln Ihrer Region in diesem Jahr? Und müssen wir auch in Norddeutschland und im Osten mit einem Amselsterben rechnen?

Bosch: Ja, wir hatten im letzten Jahr ja einen Ausbruch des Usutu-Virus in der Rheinebene, das ein Amselsterben hier regional verursacht hat. Und wir verfolgen jetzt mit Spannung, wie es sich dieses Jahr entwickeln wird. Letztes Jahr hat sicherlich ein sehr warmes Frühjahr dazu beigetragen, dass es sehr früh viele Stechmücken, die als Überträger des Virus dann wichtige Funktion haben, dass die sehr häufig waren im Frühjahr, und wir müssen sehen oder werden sehen, wie das dieses Jahr wird. Vermutlich wird dieses Jahr auch wieder ein Amselsterben stattfinden.

Aus Ausbrüchen, die bisher an anderen Stellen Europas stattgefunden haben, wissen wir, dass so ein Ausbruchsgeschehen über mehrere Jahre geht, dass in den ersten ein, zwei Jahren die meisten Vögel versterben und dann sich eine Immunität unter den Vögeln ausbildet. Vor allem bei der Amsel hat man das festgestellt, dass es immune Vögel gibt im Laufe so eines Ausbruchs, und dass die Zahl der toten Vögel dann zurückgehen wird. Ob es sich zu einer weiteren Ausbreitung nach Norden oder nach Osten in Deutschland entwickeln wird, das hängt von sehr vielen Faktoren ab, unter anderem von der Witterung und den klimatischen Verhältnissen.

Burg: Sie haben eben gesagt, das Virus, das wird über Mücken übertragen. Es wurde festgestellt, dass die Viren in Mücken überwintern und Sie haben zusammen mit anderen Wissenschaftlern Mücken untersucht. 2009 und 2010 war das Virus kaum nachzuweisen, 2011 hingegen sind die Zahlen geradezu explodiert. Und die Rede war in der Studie, an der Sie mit beteiligt waren, davon, dass wir uns gerade in einer Ausbruchssituation befinden. Was bedeutet das denn für den Amselbestand in diesem Jahr?

Bosch: Gut, im letzten Jahr hat es die Amseln massiv betroffen und möglicherweise haben wir da auch schon den ersten Gipfel des Ausbruchs hinter uns. Wie es dieses Jahr wird, wie gesagt, hängt von den Witterungsverhältnissen jetzt in den nächsten Tagen und Wochen ab, möglicherweise wird es dieses Jahr auch noch mal zu einem Amselsterben kommen. Und es wird vermutlich, wie es bei anderen Ausbrüchen in Europa der Fall war, weiter in die Fläche gehen. Allerdings schon räumlich begrenzt im Bereich des bisherigen Ausbruchs. Also, dass es jetzt zu einem Überspringen über weite Regionen oder viele Bundesländer hinweg passieren wird, erwarte ich eher nicht. Es wird wahrscheinlich im näheren und weiteren Umkreis der Oberrheinebene zu weiterem Amselsterben dieses Jahr kommen.

Burg: Der Usutu-Erreger stammt ja ursprünglich aus Südafrika. Häufig kommen ja solche Viren durch Mücken oder Insekten in Flugzeugen in andere Länder. Weiß man denn etwas über die Übertragungswege des Usutu-Virus?

Bosch: Wie das Usutu-Virus den Weg nach Europa gefunden hat, kann man nur spekulieren. Es gibt zwei Erklärungsmöglichkeiten. Das eine wäre über Transportmittel, über Flugzeuge oder irgendwelchen Güterverkehr, dass Stechmücken mit dem Virus an Bord hierher importiert worden sind. Dafür haben wir im Moment keinen schlüssigen Hinweis, ob oder wo das passiert sein könnte. Die zweite, auch eher wahrscheinlichere Variante wäre, dass es etappenweise von Südafrika über Vögel über den afrikanischen Kontinent und dann über das Mittelmeer zu uns nach Europa eingeschleppt wurde. Und wir haben da einige Hinweise aus Afrika, dass es da im Laufe der letzten Jahre zu einer Ausbreitung Richtung Norden kam und dass das Usutu-Virus jetzt praktisch zu uns nach Europa herübergeschwappt ist.

Burg: Und wie verbreitet es sich jetzt innerhalb von Deutschland weiter, über ganz normale deutsche Stechmücken?

Bosch: Es geht über die Stechmücken, vor allem über die nördliche Hausmücke oder gewöhnliche Stechmücke, wie sie korrekt genannt wird, die vor allem in Flusstälern zu Hause ist wie zum Beispiel gerade in der Rheinebene zwischen Karlsruhe und Koblenz. In diesem Bereich sind die Stechmücken sehr häufig und dort haben sie auch die besten klimatischen Bedingungen. Wir haben ja in der Rheinebene, wo der Ausbruch stattfand, das wärmste Klima in Deutschland und das hat sicherlich mit dem sehr warmen April und Mai letztes Jahr dazu beigetragen, dass die Viren und die Stechmücken sich stark vermehren konnten und dann die Vögel betroffen haben.

Burg: Und warum sind ausgerechnet Amseln so stark betroffen?

Bosch: Das können wir abschließend nicht sagen. Es ist interessant, wenn man die Ergebnisse von verschiedenen Ausbrüchen in Europa – wir hatten in den letzten zehn Jahren fünf große Ausbrüche dokumentiert in Europa –, wenn man da analysiert, sieht man, dass es überwiegend die Amsel betrifft, aber dass es nicht nur ein Amselsterben, sondern eigentlich ein Vogelsterben ist. Wir haben mal diese Studien alle ausgewertet und gesehen, dass 128 Arten auf Usutu-Virenbefall untersucht worden sind und dass bei 48 Arten ein Nachweis von Usutu-Viren erfolgt ist. Zahlenmäßig ist aber natürlich die Amsel ganz vorne mit dabei, die andere Vogelarten, die wir untersucht haben, sind eher Einzelfälle.

Weshalb es die Amsel jetzt in allererster Linie betrifft, kann man nur drüber spekulieren. Wir haben eine mögliche Erklärung darin, dass die maximale Flugzeit der Stechmücken genau zusammenfällt mit der Mauserzeit der Amsel, und in der Mauserzeit könnte die Amsel etwas im Immunsystem kompromittiert sein und daher anfälliger sein für einen Virenbefall. Und deshalb könnte es möglich sein, dass die Amsel ausgerechnet im August oder im September in großer Zahl dann tot aufgefunden wird, weil sie dann mit dem Virenbefall im Rahmen der Mauser nicht zurechtkommt.

Burg: Der Mediziner und Ornithologe Stefan Bosch ist zu Gast hier im Deutschlandradio Kultur. Unser Thema im Rahmen der "Vogelwoche" ist das Usutu-Virus, das Vögel und sehr stark Amseln befällt. Herr Bosch, das Virus kann auch auf den Menschen übertragen werden. Wie schlimm sind denn in diesem Fall die Auswirkungen?

Bosch: Die Stechmücken, die das Virus übertragen, stechen überwiegend Vögel, gelegentlich auch den Menschen. Wir haben bisher sowohl aus Afrika als auch aus Europa nur ganz wenige Einzelfallberichte von Übertragungen auf den Menschen, Erkrankungen bei Menschen. Und die wenigen Menschen, von denen dort berichtet wird, die waren alle anderweitig schon vorerkrankt und geschwächt in ihrem Immunsystem und haben deshalb wohl einen massiveren Befall vom Nervensystem mit den Usutu-Viren erlitten. Dass es Menschen in der breiten Masse betrifft, haben wir bisher keine Anhaltspunkte.

Burg: Kommen wir noch mal zu den Amseln: Woran erkennt man denn eine an Usutu erkrankte oder verstorbene Amsel?

Bosch: Die Amseln zeigen zum einen Veränderungen im Gefieder. Sie sehen ziemlich zerzaust aus, manchmal auch regelrecht gerupft. Sie sind manchmal kahlköpfig und sie sind im Verhalten sehr auffällig, sie zeigen kein Fluchtverhalten, sie haben Gleichgewichtstörungen, torkeln und schwanken umher, zeigen kein Fluchtverhalten, wenn man sich ihnen nähert. Und es wurde von vielen Katzenbesitzern im letzten Jahr auch berichtet, dass die Katze überdurchschnittlich viel Amseln mit nach Hause bringt, weil die Amseln eben nicht flüchten und dann der Katze auch leichter zum Opfer fallen.

Burg: Da frag man sich als deutscher Gartenbesitzer natürlich jetzt, was kann man denn für seine Amseln tun?

Bosch: Es ist relativ schwierig, speziell etwas gegen das Usutu-Problem zu tun. Man kann … Die Hauptmöglichkeit, einer Vogelart zu helfen, ist natürlich, ihr gute Rahmenbedingungen zu bieten. Und eine Vogelart stirbt bei uns sicherlich weniger durch die Usutu-Viren oder andere Erreger aus, sondern eher durch Veränderung im Lebensraum. Wenn man also den Lebensraum im Garten amselfreundlich gestaltet, mit Hecken, die Deckung bieten, wo die Amsel drin brüten kann, die im Herbst Beeren anbieten, die die Amsel fressen kann im Herbst und Winter, wenn man ihr eine Wasserstelle anbietet, in der sie trinken und baden kann, dann sind das ideale Rahmenbedingungen, um der Amsel ein gutes Überleben zu ermöglichen.

Und ich denke, dass auch durch den Usutu-Ausbruch die Amsel zwar regional massive Bestandseinbußen erleidet, wie wir es ja jetzt in er Oberrheinebene erleidet, Sie haben es ja gesagt, wir haben in der Winterbestandserfassung Rückgänge bis zu 92 Prozent im Raum Speyer oder auch in Neustadt an der Weinstraße gehabt, trotzdem wird die Amsel flächenhaft sicherlich nicht aussterben. Aber es wird regional massive Einbrüche geben, die eventuell auch langfristig in einen negativen Trend bei der Amsel münden.

Burg: Das sagt Stefan Bosch, Mediziner und Ornithologe. Ihnen vielen Dank fürs Gespräch, Herr Bosch!

Bosch: Ja, gerne geschehen, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Da fliegen sie wieder!
Die Große Vogelschau im Deutschlandradio Kultur vom 7.-12. Mai

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