Seit 18:30 Uhr Weltzeit
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 18:30 Uhr Weltzeit
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.09.2014

Suchtpolitik Strategien gegen das Saufen

Wie die EU-Staaten versuchen, gemeinsam gegen Alkoholismus vorzugehen

Von Sören Brinkmann

Ein Mann riecht an einem Glas Cognac in einer Hotelbar in München. (picture-alliance/ dpa)
Alkohol als Genussmittel: ein Mann riecht an einem Glas Cognac in einer Hotelbar in München. (picture-alliance/ dpa)

Europäer trinken im Durchschnitt so viel Alkohol wie auf keinem anderen Kontinent. Mit schweren Folgen: Etwa in Deutschland sterben vier Mal so viele Bewohner an Alkoholismus wie an Verkehrsunfällen. In mehreren Gremien will die EU dagegen vorgehen. Mit am Tisch sitzen die Vertreter der Spirituosenfirmen.

Ständig wird gezapft, angestoßen und Alkohol getrunken. Bei Sportveranstaltungen genauso wie bei Schützenfesten. Auf dem Sofa oder in der Kneipe. Und natürlich beim Hochfest des Biertrinkens – jedes Jahr beim Oktoberfest auf der Münchner Theresienwiese.

Deutschland steht im Vergleich mit den europäischen Nachbarn, was den Alkoholkonsum betrifft, weit oben in der Statistik, sagt Marlene Mortler. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will gegensteuern.

"Ich finde es ein wichtiges Ziel, im statistischen Vergleich nicht an der Spitze zu stehen, sondern im Mittelfeld oder am Ende ganz weit unten."

Kein Kulturwandel in Sicht

Die Drogenbeauftragte setzt auf Aufklärung und einen Kulturwandel. Noch aber sieht die Realität anders aus.

"Das ist ein Bestandteil der Kultur. Ich glaube der Mensch braucht irgendwas; die einen rauchen, die anderen saufen."

"Es ist eine der legalen Drogen in dieser Gesellschaft. Es gibt unheimlich viel Missbrauch."

"If you don't drink alcohol you don't party."

"Ich könnte mir auch vorstellen, dass es schwer ist zu verbieten. So wie man die anderen Drogen im Besitz oder im Gebrauch unter Strafe stellt. Das wird man hier nicht durchsetzen können."

Europa ist der Kontinent mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum sowie der höchsten Rate an Krankheiten und vorzeitigen Todesfällen infolge von Alkoholmissbrauch, warnt die Europäische Union.

Deshalb wurde schon vor acht Jahren hier die sogenannte EU-Alkoholstrategie aufgelegt. Das Ziel: Die Zahl der alkoholbedingten Erkrankungen und Verkehrsunfälle durch Alkohol am Steuer deutlich zu senken.

Eine Berliner Eck-Kneipe. Die Gäste sitzen in kleinen Grüppchen vor ihrem Bier, auf den Bildschirmen läuft ein Fußballspiel. Von der EU-Alkoholstrategie hat hier noch niemand etwas gehört.

Europäischer Ausschuss für nationale Alkoholpolitik

Dabei sind Kampagnen im Rahmen der Strategie überall sichtbar, sagt die Drogenbeauftragte Marlene Mortler – auf Plakatwänden und in Infoheften.

"Jedes Land hat seine eigene Kultur, ähnliche oder andere Verhaltensweisen und deshalb macht es mehr Sinn Präventionsstrategien im eigenen Land umzusetzen, das heißt in die Lebenswelten der Menschen im eigenen Land einzubetten."

Zuständig für die Präventionspolitik sind die nationalen Gesundheitsbehörden. Deshalb haben sie sich zusammengeschlossen im europäischen Ausschuss für nationale Alkoholpolitik, ein zentrales Gremium für die EU-Alkoholstrategie. Neben dem Ausschuss gibt es aber auch das EU-Forum Alkohol und Gesundheit. Beim Blick auf die Mitgliederliste fällt auf, dass neben Ärzteverbänden und Gesundheitsorganisationen vor allem die großen Namen der europäischen Alkoholindustrie am Tisch sitzen.

Doch auch hier geht es darum den Alkoholmissbrauch zu bekämpfen, sagt Carole Brigaudeau vom Verband der europäischen Spirituosenproduzenten.

"Alle Forumsmitglieder müssen sich zu konkreten Maßnahmen verpflichten. Das ist die Eintrittskarte zum Forum."

Brigaudeau verweist auf einige Initiativen von Schnapsherstellern, die erfolgreich gegen Alkohol am Steuer geworben hätten. Dennoch: manchen Interessensvertretern – etwa aus dem Gesundheitsbereich – reicht das nicht aus.

"Es wird immer Punkte geben, an denen wir nicht einig sind. Aber wir machen keine Politik und müssen keine Entscheidungen treffen. Das Forum ist ein Ort für konkrete Präventionsmaßnahmen, die wir hier vorstellen."

Steuersätze haben Einfluss auf den Alkoholkonsum

Das Ziel heißt also: Voneinander lernen. Einer der Vergleiche zeigt, dass unterschiedliche Steuersätze Auswirkungen auf den Alkoholkonsum haben. In Finnland etwa hat eine Senkung der Alkoholbesteuerung schnell zu mehr Konsum geführt, so das Ergebnis einer Studie im Auftrag der EU-Kommission. Einen gegenteiligen Effekt hatte die gezielte Besteuerung der so genannten Alkopops in Deutschland. Die süßen Mischgetränke, die einige Jahre lang vor allem bei Jugendlichen weit verbreitet waren, sind inzwischen fast völlig verschwunden.

"Diese gezielte Besteuerung der Alkopops war eine super Maßnahme. Das hat sich ja dann auch im Verkauf niedergeschlagen. Ich glaube aber nicht, dass wir zu weniger Alkoholkonsum kommen, wenn wir nur auf das Thema Besteuerung setzen. Für mich ist Aufklärung wichtig – gezielt, flächendeckend."

Gute Erfahrung habe man mit der Kampagne "Kenn dein Limit" gemacht, so die Drogenbeauftragte Marlene Mortler. In ganz Deutschland hängen Plakate, auf denen insbesondere jungen Menschen die Alternativen aufgezeigt werden: Die Slogans heißen "In die Zukunft oder Endstation" und "Zusammen chillen oder betrunken stressen".

Mehr zum Thema:

Säufergeschichten aus dem Kongo (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 09.05.2013)
Tanzen, Trinken, Gärtnern (Deutschlandradio Kultur, Neonlicht, 21.10.2012)

Zeitfragen

Die MagnetbandkassetteGehäuse des wilden Klangs
Audio-Kompaktkassetten (Musikkassette, MC, Audiokassette) verschiedener Hersteller. (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)

Klein und handlich: Als 1963 die Kompaktkassette auf den Markt kam, revolutionierte sie die Kultur des Hörens. Auch heute im Zeitalter von Mp3 und iTunes gibt es sie noch: Menschen, die ihre Magnetbandkassetten lieben. Mehr

Kolumne zur IntegrationVertriebene damals, Flüchtlinge heute
Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geht auf Verfügungen des damaligen tschechoslowakischen Staatsoberhaupts Edvard Benes (1884-1948) zurück. Die etwa 150 von Benes zwischen 1940 und 1945 erlassenen Dekrete gehören zu den umstrittensten europäischen Rechtsakten. Auf der Grundlage der Verfügungen wurden etwa drei Millionen Deutsche sowie die vorwiegend in der Slowakei lebende ungarische Minderheit ihrer Rechte und ihres Eigentums beraubt. (picture alliance / dpa / CTK_Photo)

In Jahrzehnten denken: Beim vergleichenden Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen könne man aus der Geschichte lernen, meint unser Kolumnist Arno Orzessek. Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa war der Begriff "Integration" für Millionen geflüchtete Deutsche noch völlig ungebräuchlich.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur