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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 06.11.2015

Studie zu Bitterstoffen und PsycheWahre Sadisten mobben mit Ernährungstipps

Von Udo Pollmer

Ein Kind schiebt sich mit einer Gabel ein Stück Brokkoli in den Mund. (dpa/ picture-alliance/ Caroline Seidel)
Wer bitteren Brokkoli mag, ist noch lange kein Sadist. Aber wer seine Mitmenschen mit Ernährungstipps mobbt, der schon, meint Udo Polmer. (dpa/ picture-alliance/ Caroline Seidel)

Die Aufregung über die Innsbrucker Ernährungsstudie war groß. Es gebe eine Verbindung zwischen einer Vorliebe für Bitterstoffe und Sadismus, hieß es. Stimmt nicht ganz, meint Udo Pollmer.

Eine Ernährungsstudie der Innsbrucker Uni hat eine Welle der Empörung ausgelöst: Kritiker wehren sich gegen den Generalverdacht, Freunde des schwarzen Kaffees oder von Chicorée seien verkappte Psychopathen. Die Psychologin Christina Sagioglou und ihr Kollege Tobias Greitemeyer wollen nämlich herausgefunden haben, dass eine Vorliebe für bittere Speisen mit einem Hang zum Sadismus einhergeht. Keine gute Nachricht für die Wiener Kaffeehäuser und Spirituosenhändler, die Magenbitter verkaufen.

Die Psychologen befragten fast 1000 Männer und Frauen nach ihren Essvorlieben, anschließend ermittelten sie deren Aggressionsbereitschaft mit mehreren etablierten Testverfahren. Ergebnis: Menschen, die bittere Speisen lobten, stimmten dabei auffällig oft Sätzen zu wie: "Wenn ich mich über andere lustig mache, amüsiert es mich, wenn sie es merken." Oder "Ich genieße es, die Leute zu triezen" oder "Manchmal schaue ich mir blutige Slasher-Filmszenen mehrfach an." Auch wenn Korrelationen nichts beweisen, so wirken diese Aussagen doch befremdlich. Zudem sind die Ergebnisse belastbar - weil der Versuch mehrfach und mit verschiedenen Methoden durchgeführt wurde, stets mit gleichem Resultat.

Kritiker haben nichts Substanzielles vorzubringen

Im Internet ist das Geschrei groß. Die Studie wird als Musterbeispiel für Junk Science, ja als Schande für die Wissenschaft attackiert. Aber außer Beleidigungen gegen Psychologen im Allgemeinen und die Autoren im Speziellen haben sie nichts vorzubringen außer: Das Ergebnis könne ja gar nicht stimmen. Und: Wie käme man überhaupt auf die dämliche Idee, so etwas zu untersuchen. Genau das ist es, was einen Forscher von einem Ideologen unterscheidet. Der Wissenschaftler ist neugierig und ergebnisoffen. Und er nimmt seine Resultate nicht persönlich.

Normalerweise signalisiert Bitterkeit natürlich nicht Sadismus, sondern zeigt Gifte an. Kinder lehnen Bitteres instinktiv ab. Zudem sind Kinder sogenannte Supertaster - das heißt sie schmecken es besonders intensiv, damit sie es unter allen Umständen ausspucken. Erst im Laufe der Pubertät, wenn die Leber reift, lernen wir diesen Geschmack von Fall zu Fall zu akzeptieren. Coffein ist bitter, aber es sorgt morgens für bessere Laune und macht munter. Auch die Bitterstoffe in Blattsalaten entfalten psychoaktive Wirkungen - es handelt sich um Sesquiterpene, eine Art Dope. Also alles höchst unverdächtig, was pathologische Neigungen betrifft.

Dennoch betonen die Autoren: "Wir fanden insbesondere robuste Korrelationen mit Alltags-Sadismus". Jeder kennt Zeitgenossen, die sich ein Vergnügen daraus machen, andere zu piesacken oder zu verunsichern. Eine perfide Form des Alltagssadismus sind Ernährungstipps wie dieser: "Die bittere Wahrheit: Wir ... haben die Bitterstoffe aus den Lebensmitteln verbannt. Mit dramatischen Folgen für unsere Gesundheit und unser Gewicht." Oder: "Bitterstoffe ... - die idealen Schlankmacher". Wer sich nicht die Lebensfreude vergällen lässt, dem wird mit Krankheit und Verfettung gedroht wird.

Wer Fertiggerichte für Kinder mit bitterem Brokkoli verunreinigt, ist boshaft

Wo immer möglich, zielt man auf Kinder: Experten empfehlen Bitterstoffe "gegen Heisshungerattacken auf Süsses". Das verdirbt den Appetit. Oder wie wär's damit: "Abneigung gegen Bitterstoffe signalisiert Bitterstoff-Bedürfnis". Klar doch - Wer Hunger hat, hat sich bereits überfressen. Wer Ohrfeigen nicht mag, sehnt sich danach. Weil wir dich lieben, kriegst du Schläge. Das Zitat aus dem Reich der Schulung zur Ernährungsberaterin ist also noch ausbaufähig.

Wer Pils trinkt, Chicorée liebt oder Grapefruits isst, ist noch lange kein Sadist. Aber wer dafür sorgt, dass Fertiggerichte für Kinder mit bitterem Brokkoli verunreinigt werden, hat zweifelsohne boshafte Neigungen. Er braucht keine Slasher-Filme a la "Kettensägenmörder", er genießt es, seine Mitmenschen mit Ernährungstipps zu mobben und sie damit zur Verzweiflung zu treiben. Das ist wahrscheinlich der Grund für die Ergebnisse aus Innsbruck: Nicht die Bitterstoffe machen sadistisch, sondern Sadisten schurigeln damit ihre Mitmenschen. Mahlzeit!

Literatur:

Sagioglou C, Greitemeyer T: Individual differences in bitter taste preferences are associated with antisocial presonality traits. Appetite 2015 epub ahead of print

Anon: Warum Bitterstoffe gut sind. Zentrum-der-Gesundheit.de 12.05.2015

Anon: Die bittere Wahrheit. Guter Rat 2011; Nr. 11: S.64-68

Anon: Bittere Vorlieben: Geschmack ein Hinweis auf Psychopathen. heilpraxisnet.de 18.10.2015

Anon: Bitterstoffe zum Abnehmen - die idealen Schlankmacher. Medizin-Welt, retrieved 26.10.2015

Pollmer U et al: Opium fürs Volk. Natürliche Drogen in unserem Essen. Rowohlt, Reinbek 2011

Pollmer U: Zirkus Brokkoli. Mahlzeit, Deutschlandradio, Sendung vom 5.10.2013

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