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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2014

Streit um LeihgabeWem gehört das Krim-Gold?

Amsterdamer Museum steckt in einem Dilemma

Von Kerstin Schweighöfer

Blick in die Ausstellung: "Die Krim - Gold und Geheimnisse des Schwarzen Meeres" (picture alliance / dpa / Bart Maat)
Ausstellung: "Die Krim - Gold und Geheimnisse des Schwarzen Meeres" (picture alliance / dpa / Bart Maat)

Ein Museum in Amsterdam steht vor einer schweren Entscheidung: In einer Ausstellung wurden kostbare Leihgaben von der Krim gezeigt. Inzwischen wurde die Halbinsel von Russland annektiert. An wen gehen die Exponate nun zurück? Sowohl Kiew als auch Moskau machen Ansprüche geltend.

Zweimal wurde die Ausstellung verlängert, und auch heute, am allerletzten Ausstellungstag, drängten sich am Eingang die Leute. Die freundliche Niederländerin hinter dem Empfangsschalter verdreht die Augen. "Die letzten Tage und Wochen war hier ganz schön was los", stöhnt sie.

Mehr als 30.000 Besucher haben sich die Ausstellung "Die Krim - Gold und Geheimnisse des Schwarzen Meeres" im Amsterdamer Allard Pierson Museum angesehen. Soviele wie bei noch keiner anderen Ausstellung in diesem Museum. Das liegt nicht nur an den kostbaren Lackkästchen, an den filigranen Broschen und Colliers. Oder dem prachtvollen goldenen Helm, der von den heroischen Siegen der Skythen erzählt.

Das Tauziehen um das Krim-Gold hatte schon im Frühsommer begonnen, als das russische Staatsfernsehen selbstsicher verkündete, das Gold würde auf die Krim zurückkehren.

Zur gleichen Zeit behauptete das ukrainische Kultusministerium auf seiner Website, das Gold kehre in die Ukraine zurück, das hätten die Niederländer zugesichert, der Fall sei geklärt.

Russen und Ukrainer sind empört

Auch die betroffenen Museen meldeten sich zu Wort und forderten die Leihgaben zurück. Angst, die russische Regierung könne ihnen den Goldschatz wegnehmen, um ihn in anderen Museen zu zeigen, etwa in Moskau oder St. Petersburg, haben sie nicht. Direktor Andrej Malgin vom Zentralmuseum in Simeropol auf der Krim richtete im niederländischen Fernsehen einen fast schon verzweifelten Aufruf an die Zuschauer:

"Der Goldschatz ist Teil unseres Kulturerbes", so Malgin, "er muss auf die Krim zurückkehren!"

Hinter den Kulissen ist eine Heerschar aus Experten und Anwälten dabei, nach einer Lösung zu suchen. Und solange will das Amsterdamer Museum einfach abwarten und die Leihgaben erst einmal behalten. Sie sollen sicher an einem geheimen Ort in einem Depot aufbewahrt werden. Russen und Ukrainer sind gleichermassen empört. Aber, so Inge van der Vlies, Professorin und Expertin für Kunstrecht an der Universität von Amsterdam:

"Natürlich kann man Leihgaben nicht einfach behalten, aber in diesem Falle scheint aus dem Leihgabenvertrag nicht eindeutig hervorzugehen, an wen sie zurückgegeben werden müssen. Dann besteht das Risiko, dass das Museum in Amsterdam sie an den Falschen zurückgibt und als Folge mit einer Schadenersatzforderung rechnen muss. In einem solchen Falle kann man sich auf das Recht berufen, zu warten und die Leihgaben zu behalten, bis Klarheit geschaffen worden ist."

Juristische Fallstricke

Der genaue Inhalt des Vertrags könnte diese Klarheit schaffen, doch der wurde bisher nicht bekannt gemacht. Wer, so eine der zentralen Fragen, ist der Eigentümer der Leihgaben: die Museen? Oder der Staat? International wird die Annexion der Krim zwar nicht anerkannt, aber sollten die Leihgaben den Museen gehören, könnten die Russen geltend machen, dass sie mit der Krim auch die Museumskollektionen der Halbinsel annektiert hätten.Wichtig auch, zwischen welchen Partnern der Leihgabenvertrag geschlossen wurde. War einer der Vertragspartner die ukrainische Regierung? Oder wurde der Vertrag zwischen den Museen geschlossen? Dann müssten die Museen strenggenommen untereinander privatrechtlich eine Lösung suchen.

Das Außenministerium in Den Haag will sich vorläufig nicht einmischen - jedenfalls nicht offiziell. Das Allard Pierson Museum hüllt sich in Schweigen. Und die Russische Botschaft in Den Haag verweist auf das Außenministerium in Moskau.

Einer der wenigen, die sich trauen, öffentlich Stellung zu beziehen, ist der rechtsliberale niederländische Europarlamentarier Hans van Baalen:

"Das Völkerrecht steht über dem Privatrecht, das Völkerrecht geht vor. Die Besetzung der Krim ist illegal, deshalb kann man die Leihgaben, die der Ukraine gehören, auch nicht den Russen überlassen."

Aber so einfach ist es offensichtlich nicht. Der Konflikt könnte vor einem niederländischen Richter ausgetragen werden. Oder vor dem internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag. Doch das würde Jahre dauern. Viel besser, so Professorin van der Vlies, wäre es, wenn sich die Parteien ohne Richter einigen könnten. Wie, das ist allerdings auch ihr schleierhaft:

"Der Fall ist nicht nur unglaublich kompliziert, sondern auch einzigartig. Ich jedenfalls kann mich nicht an einen vergleichbaren erinnern."

Es komme nun einmal nicht so schnell vor, so Professorin van der Vlies, dass man einen Leihgabenvertrag schließe und der betreffende Staat dann auf einmal von einem anderen annektiert werde.

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