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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 21.10.2012

Streit um "Glyphosat" ist auch ein Hersteller-Streit

Die unendliche Debatte um einen Unkrautvernichter

Von Udo Pollmer

Abgeerntetes Maisfeld
Abgeerntetes Maisfeld (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Es geht wieder ein Gespenst um in Europa – ein Gespenst namens Glyphosat. Glyphosat, auch unter dem Produktnamen Roundup bekannt, ist ein Totalherbizid; und nicht umsonst das weltweit am meisten verkaufte Pflanzenschutzmittel überhaupt: Es macht alles platt und gilt dabei als relativ ungiftig.

Egal ob es dem Unkraut an Bahngleisen, Garageneinfahrten oder auf den Pfaden im Schrebergarten an den Kragen gehen soll, Glyphosat ist das Mittel der Wahl. In der Landwirtschaft sorgt es vor der Aussaat für einen "sauberen" Acker. Vor der Ernte wird es zur sogenannten Sikkation versprüht – um die grünen Blätter abwelken zu lassen, beispielsweise bei Kartoffeln, Zuckerrohr und Soja. Bei Getreide sorgt die Sikkation für eine gleichmäßige Abreife der Ähre.

Der Einsatz eines Pestizids vor der Ernte lässt natürlich Rückstände erwarten. Die Lebensmittelüberwachung in Baden-Württemberg hat in den vergangenen Jahren 127 Getreideproben untersucht, wurde dabei aber nur zweimal fündig, einmal bei Hirse und dann bei Knäcke. Andere Ämter ermittelten vergleichbare Ergebnisse.

Insofern überrascht eine Meldung von Ökotest. Das Magazin wurde in 14 von 20 Proben fündig, vor allem in Körnerbrötchen und Müsliflocken. Obwohl Vollkornprodukte naturgemäß stärker belastet sind, lagen die Werte dennoch im Spurenbereich. Der höchste gemessene Rückstand erreichte gerade mal ein 100stel des Zulässigen. So wenig blieb von der Vorerntebehandlung übrig.

Sind diese Gehalte noch relevant? "Lange Zeit", schreibt Ökotest, "galt das Spritzmittel als unbedenklich", aber nun würden "sich jedoch Hinweise (mehren), dass es nicht so harmlos ist". Man verweist auf Experimente mit Zellkulturen sowie auf unveröffentlichte Daten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat die Vorwürfe der Umweltschützer inzwischen geprüft und empört zurückgewiesen. Glyphosat ist nach wie vor für Säugetiere relativ ungiftig, ungiftiger jedenfalls als Pflanzenschutzmittel, die im Ökolandbau eingesetzt werden - wie Kupferoxychlorid. Glyphosat ist im Gegensatz zu Kupfer biologisch abbaubar und es reichert sich auch nicht im Körper an. Vom reinen Glyphosat braucht man gleich mehrere Gramm pro Kilo Lebendgewicht, um eine Ratte zuverlässig ins Jenseits zu befördern.

Können wir die Sache also ad acta legen? Nein! Denn Glyphosat-Präparate wie Roundup sind giftiger als der Wirkstoff. Da sind ja noch mehr Stoffe drin, sogenannte Formulierungshilfen, Netzmittel, Entschäumer. Der fragwürdigste ist das Tallowamin. Bereits wenige Milligramm pro Liter Wasser genügen, um Fische zu töten. Nicht umsonst werden die Landwirte in anderen Ländern aufgefordert, nur Präparate mit Tallowamin einzusetzen, wegen der zuverlässigeren Wirkung.

Warum steht dann das Glyphosat in der Kritik? Ganz einfach. Das Patent läuft aus, die Preise gehen in den Keller und der Gewinn der Chemiefirmen schmilzt. Unter der Billigkonkurrenz leiden alle Anbieter von Herbiziden. Glyphosat schadet nicht so sehr der Umwelt sondern dem Umsatz. Über die dubioseren Tallowamine redet komischerweise kaum jemand. Die braucht man ja noch.

Ähnliches widerfuhr vor Jahren dem Atrazin, ebenfalls ein Totalherbizid. Auch damals geriet das Mittel ins Visier von Umweltschützern, als der Patentschutz abgelaufen war. Als es schließlich zu einem Chemieunfall kam, bei dem erhebliche Mengen in den Rhein gelangt sein sollen, war ein Verbot nicht mehr aufzuhalten. Unter Fachleuten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es den Chemieunfall niemals gegeben habe. Mit der – wie es heißt - fingierten Pressemeldung sei es der Branche wieder gelungen, richtig Geld zu verdienen.

Sollte es etwa hinter den Fassaden ein feines Zusammenspiel zwischen den Agrochemiekonzernen und den Spendensammelorganisationen geben – etwa zum gegenseitigen Vorteil? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Mahlzeit!


Literatur:

- Hinsch B: Gift im Korn. Ökotest-Magazin 2012, H. 9; S.46-49

- Scherbaum E. et al: Viel verwendet, selten positiv – Rückstände von Glyphosat in Getreide. CVUA Stuttgart, Pressemeldung von 16. 8. 2012

- BfR: Neue Daten zu gesundheitlichen Aspekten von Glyphosat? Stellungnahme 2011/Nr. 35 vom 7. Juli 2011

- BfR: Hat Glyphosat möglicherweise schädliche Auswirkungen auf die Darmflora von Mensch und Tier? Stellungnahme 2012/Nr. 033 vom 14. August 2012

-Hayes WJ, Laws ER (Eds): Handbook of Pesticide Toxicology. Academic Press, San Diego 1991

- Williams GM et al: Safety evaluation and risk assessment of the herbicide Roundup and ist active ingredient, glyphosate, for humans. Regulatory Toxicology and Pharmacology 2000; 31: 117-165

-Wang N et al: Influence of sediment on the fate and toxicity of a polyethoxylated tallowamine surfactant system (MON 0818) in aquatic microcosms. Chemosphere 2005; 59: 545-551

- Brausch JM et al: Toxicity of three polyethoxylated tallowamine surfactant formulations to laboratory and field collected fairy shrimp, Thamnocephalus platyrus. Archives of Environmental Contamination and Toxicity 2007; 52: 217-221

- Augustin B: Ein Wirkstoff unter Beschuss. DLG-Mitteilungen 2012; H.2: 14-17

- Steinmann HH et al: 5000 t – wofür eigentlich? DLG-Mitteilungen 2012; H.2: 18-19

- Song HY et al: Cellular toxicity of surfactants used as herbicide additives. Journal of Korean Medical Sciences 2012; 27: 3-9

- Haller WT, Stocker RK: Toxicity of 19 adjuvants to juvenile Lepomis macrochirus (bluegill sunfish). Entvironmental Toxicology and Chemistry 2003; 22; 615-619

- Stewart-Hesketh M: Understanding glyphosate wetters. GoFarmer 2012; Issue 1: 68-69

Gehring H et al: Verwertungseinschränkungen bei Behandlung mit Glyphosat-Herbiziden. Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Pflanzenschutz 2011