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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.05.2010

Stiftung warnt vor Auswirkungen der Griechenland-Krise auf den Balkan

Dušan Reljic: Vor allem in Albanien droht politische und wirtschaftliche Destabilisierung

Dušan Reljic im Gespräch mit Christopher Ricke

Dušan Reljic, Stiftung Wissenschaft und Politik (Stiftung Wissenschaft und Politik)
Dušan Reljic, Stiftung Wissenschaft und Politik (Stiftung Wissenschaft und Politik)

In Folge der Griechenland-Krise würden EU-Beitrittskandidaten und potenzielle Beitrittskandidaten mit "viel mehr Skepsis" betrachtet und ihre Finanzen genauer unter die Lupe genommen, sagt Dušan Reljić von der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Das könnte dazu führen, dass der Weg zur Europäischen Union für alle diese Länder länger wird."

Christopher Ricke: Wenn es in Griechenland brennt, dann zieht der Rauch auch nach Rumänien und Bulgarien, nach Serbien und Kroatien, über den ganzen Balkan. – Die Krise in Griechenland und die Auswirkungen auf Südosteuropa, das alles möchte ich jetzt mit Dušan Reljić besprechen, dem Experten für Südosteuropa der Stiftung Wissenschaft und Politik. Guten Morgen, Herr Reljić.

Dušan Reljić: Guten Morgen, Herr Ricke.

Ricke: Wir haben es gehört: Griechenland war ein Vorbild für die Region, kann es jetzt aber wohl nicht mehr sein. Wie wird sich denn in Ihrer Einschätzung Südosteuropa neu ausrichten?

Reljić: Es gibt zwei weitreichende Folgen der Finanzkrise in der Euro-Zone, deren Zuspitzung derzeit in Griechenland ist. Die eine Folge ist, dass die Beitrittskandidaten Kroatien, Makedonien und die möglichen Beitrittskandidaten Bosnien, Serbien, Albanien, Montenegro jetzt mit viel mehr Skepsis betrachtet werden und dass ihre Finanzen sehr genau betrachtet werden, und das könnte dazu führen, dass der Weg zur Europäischen Union für alle diese Länder länger wird. Aber unmittelbar kann es zu einer politischen und wirtschaftlichen Destabilisierung in jenen Ländern kommen, die am meisten mit Griechenland verwoben sind, und ich würde da an erster Stelle Albanien anführen, denn in Griechenland arbeiten etwa eine halbe Million Gastarbeiter aus Albanien. Etwa ein Viertel des albanischen Haushalts wird durch Überweisungen der albanischen Gastarbeiter in Griechenland alimentiert. Und sollte es zu einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage in Griechenland kommen, dann werden viele dieser Menschen nach Hause zurückkehren und die ohnehin ziemlich große Arbeitslosigkeit in diesem Land erhöhen. Andere Länder wie Serbien, wo es etwa einen griechischen Anteil am Bankwesen von etwa zehn Prozent gibt, oder Bosnien, wo die im griechischen Markt überhaupt nicht vertreten sind, oder Kroatien sind nicht so unmittelbar von der griechischen Finanzkrise betroffen.

Ricke: Wir erleben jetzt gerade in Griechenland die Welle des Protests. Die Gewerkschaften sind auf der Straße, es gibt heute einen Generalstreik, Kommunisten hissen Flaggen auf der Akropolis. Ist in den anderen Ländern des Balkan, Südosteuropas das Protestpotenzial, die Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und zu kämpfen, genauso groß?

Reljić: Die Wirtschaftskrise in den Ländern Südosteuropas hat keinesfalls die Dimensionen erreicht wie in Griechenland. Zwar ist die Arbeitslosigkeit ziemlich hoch, in Bosnien zum Beispiel über 40 Prozent und im Kosovo sind wahrscheinlich zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung arbeitslos, aber die Bereitschaft, organisiert auf die Straßen zu gehen, ist nicht vorhanden, weil auch die gewerkschaftlichen Organisationen wesentlich schwächer sind. Aber spontane Proteste, zum Beispiel Straßenblockaden oder Schienenblockaden, sind überall in der Region vorhanden. Nichts desto weniger: Alle Länder der Region haben Anfang dieses Jahres wieder Wirtschaftswachstum erreicht, zwar nicht so hoch, aber trotzdem. Sie sind in ihrem Handel sehr stark mit der gesamten Europäischen Union verbunden, Griechenland ist nur ein Teil davon.

Ricke: Wie sieht denn die Verschuldungssituation aus? Vielleicht ist es ja in den postkommunistischen Staaten von Vorteil, dass man einfach gar nicht so viele Jahre Zeit hatte, sich in diese Abwärtsspirale zu begeben.

Reljić: Ja, aber man hat sich vorher auch heftig verschuldet und das gesamte wirtschaftliche Transitionsmodell in den letzten zehn Jahren und länger beruhte darauf, dass die Länder aus der Region auf Auslandsinvestitionen geguckt haben und auch Verschuldung im Ausland. Die Verschuldung Kroatiens ist enorm hoch, sie ist über 100 Prozent des Bruttosozialproduktes. Andere Länder wiederum wie Bosnien haben eine sehr geringe Verschuldung. Man kann das nicht über einen Kamm scheren, aber ich glaube, dass Kroatien und Serbien derzeit am meisten von der großen Kapitalaufnahme in den letzten zehn Jahren betroffen sind und dass wahrscheinlich dort die internationalen Währungsinstitute viel Arbeit haben werden in den nächsten Jahren.

Ricke: Für Griechenland wird ja jetzt viel Geld in die Hand genommen, Geld, das man sich auch leihen muss, das dann vielleicht anderen Ländern einmal fehlen könnte. Gibt es diese Angst?

Reljić: Man beobachtet in der gesamten Region Südosteuropa, dass man sich nach anderen Finanzquellen umsieht. Und neben dem Internationalen Währungsfonds, neben den kommerziellen Banken, neben der europäischen Entwicklungsbank aus London haben sich in den letzten 12 bis 24 Monaten auch andere Akteure dort eingestellt, zum Beispiel Russland mit Investitionen in den Energiesektor, oder auch China, das im Transportwesen, Kommunikation, Flugverbindungen großes Interesse zeigt, in diese Region zu investieren, weil es billig ist und weil China bisher dort nicht vorhanden war, und zum Unterschied zum Internationalen Währungsfonds zum Beispiel, der bestimmte Forderungen hat hinsichtlich der Haushaltsführung, sind die chinesischen oder russischen Kredite billiger und sie sind nicht an Haushaltsforderungen geknüpft, aber manchmal an politische Forderungen.

Ricke: Wir erleben gerade in Deutschland eine Diskussion der Art, was gehen mich die griechischen Schulden an, also eine Nationalisierung dieses europäischen Themas, und die Besinnung aufs Nationale kann ja auch zu einem Rechtsruck führen, wie wir es in Ungarn gesehen haben. Gibt es dieses Potenzial in anderen Balkanstaaten ebenfalls?

Reljić: Mein Eindruck ist, dass die Länder Südosteuropas gerade auf die Europäische Union schauen, um von ihr Führung zu erwarten, dass man aus dieser Wirtschafts- und Finanzkrise relativ geschlossen und zusammen herauskommt. Allerdings wenn eine Entfremdung entstehen sollte, und im Sinne, dass die Europäische Union mit noch mehr Skepsis auf diese Länder schaut, und wenn diese Länder sich nach anderen Partnern im Ausland umschauen, und wenn die Haushalte weiter gekürzt werden, das heißt für die Ärmsten weniger Geld vorhanden ist, dann werden populistische Tendenzen, die in diesen Ländern alle vorhanden sind, zweifellos stärker werden. Aber nichts desto weniger: Keines dieser Länder ist in einer vergleichbaren Situation, wie es derzeit finanzpolitisch Griechenland ist.

Ricke: Dušan Reljić, der Experte für Südosteuropa der Stiftung Wissenschaft und Politik. Vielen Dank, Herr Reljić.

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